650 Teilnehmer gesucht, es gibt 2500 Franken monatlich
Rheinau experimentiert mit dem Grundeinkommen

Was Volk und Stände 2016 schweizweit nicht einführen wollten, soll nun im Kleinen getestet werden: In Rheinau ZH startet das Experiment mit dem bedingungslosen Grundeinkommen.
Publiziert: 31.08.2018 um 17:01 Uhr
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Aktualisiert: 13.11.2018 um 23:48 Uhr
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Grosses Experiment in kleinem Rahmen: Rheinau ZH sucht das bedingungslose Grundeinkommen(02:21)
Julien Duc

Im Juni vor zwei Jahren schickten Volk und Stände die Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» mit wuchtigen 76,9 Prozent bachab. Nun soll die Idee im Kleinen getestet werden. In der Gemeinde Rheinau ZH fällt am Freitagabend der Startschuss für ein Grundeinkommens-Experiment.

GALLERY: Der Gemeinderat und das Projektteam «Dorf testet Zukunft» um Filmemacherin Rebecca Panian (39) informieren an einer Gemeindeversammlun g im Detail, wie das Experiment ablaufen soll und wie die Bürgerinnen und Bürger von Rheinau mitmachen können. Mit der Info-Veranstaltung beginnt die vorläufige Anmeldefrist.

Es braucht genügend Teilnehmer

Das sind die Eckpunkte:

  • Das Experiment soll zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2019 durchgeführt werden.
  • Das bedingungslose Grundeinkommen soll 2500 Franken betragen und monatlich ausbezahlt werden.
  • Damit das Experiment zustande kommt, müssen ca. 650 Rheinauer teilnehmen.
  • Stehen genügend Teilnehmer zur Verfügung, müssen je nach Einkommenssituation der Teilnehmer drei bis fünf Millionen Franken für die Finanzierung des Experiments gesammelt werden.

Die Gemeinde erwartet am Info-Abend über 400 Teilnehmer, das Interesse ist riesig. Für das Experiment ist dies auch eminent wichtig. Denn meldet sich bis Mitte September nicht die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger von Rheinau – also etwa 650 Personen – provisorisch an, wird die Übung bereits wieder abgeblasen.

Finanzierung noch nicht sichergestellt

Finden sich genügend Interessenten, müssten diese für eine definitive Anmeldung in einer zweiten Phase unter anderem ihr Einkommen und ihre Kontonummer angeben.

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Doch selbst dann ist das Experiment noch nicht in trockenen Tüchern. Denn das Geld, um das bedingungslose Grundeinkommen für ein Jahr auszahlen zu können, muss zuerst noch gesammelt werden. Da Rheinau die Gemeindekassen nicht öffnen will, muss die Finanzierung über Sponsoren und Crowdfunding geschehen. Das Experimente-Team rechnet mit drei bis fünf Millionen Franken, die zusammenkommen müssen.

Nur bis Einkommen unter 2500

Es ist ein schwieriger Spagat für die Projekt-Verantwortlichen. Das Experiment darf nicht zu viel kosten, muss durchführbar sein und die Eintrittshürden für Teilnehmer möglichst tief halten, gleichzeitig aber ein Grundeinkommen so real wie möglich simulieren.

Denn das Grundeinkommen ist nicht einfach Geld, das zu allen übrigen Einkünften obendrauf gepackt wird. Die Teilnehmer im Rheinauer Modell müssen es teilweise selbst finanzieren. Das bedeutet: Wer mehr als 2500 Franken verdient, muss das Grundeinkommen am Ende wieder vollumfänglich zurückgeben. Sie hätten also keinen persönlichen Vorteil, würden rein aus Solidarität mit dem Projekt mitmachen.

Wer aber zum Beispiel 1000 Franken im Monat einnimmt und zusätzlich 2500 Franken Grundeinkommen bekommt, muss nur den Überschuss, also die 1000 Franken rückerstatten. Am meisten profitieren diejenigen, die gar nichts verdienen. Sie dürfen über die 2500 Franken nicht nur bedingungslos verfügen, sondern müssen auch keinen Rappen rückerstatten.

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Vision: Mensch arbeitet nicht für Geld

Doch auch wenn der finanzielle Aspekt die grosse Knacknuss beim bedingungslosen Grundeinkommen ist – ein Problem, das auch die Initianten von damals nicht gelöst hatten –, geht es beim Experiment um weitaus mehr. «Unser Fokus liegt darauf zu testen, wie sich das bedingungslose Grundeinkommen auf eine bestehende Gemeinschaft und die Menschen darin auswirkt», sagt Rebecca Panian im Vorfeld des Info-Abends.

Was kostet das Grundeinkommen?
Anhand der Sozialausgaben für 2008 hat die Organisation Bien geschätzt, was zur Finanzierung eines Grundeinkommens für alle Schweizer gebraucht würde:

21,7 Milliarden Franken für 1,64 Millionen Kinder und Jugendliche. Sie erhalten je 1100 Franken im Monat.

52,8 Milliarden Franken für rund zwei Millionen Rentner, Arbeitslose und Geringstverdienende. Sie erhalten ein Grundeinkommen von 2200 Franken ohne Abzüge.

8,5 Milliarden Franken für rund 1,2 Millionen Bezüger von Einkommen unter 4000 Franken. Ihnen wird ein Teil des Grundeinkommens wieder abgezogen.

Keinen Rappen für gut 2,7 Millionen Schweizer mit über 4000 Franken monatlichem Einkommen.

Summe: 83 Milliarden Franken.

Dieser Gesamtbetrag tritt an die Stelle von rund 77 Milliarden Franken, wie sie 2008 für AHV, Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, Kindergeld usw. ausgezahlt wurden. Folglich würde die Einführung eines Grundeinkommens nach dem Bien-Modell die Kosten des Sozialstaats um rund sechs Milliarden Franken erhöhen.
Anhand der Sozialausgaben für 2008 hat die Organisation Bien geschätzt, was zur Finanzierung eines Grundeinkommens für alle Schweizer gebraucht würde:

21,7 Milliarden Franken für 1,64 Millionen Kinder und Jugendliche. Sie erhalten je 1100 Franken im Monat.

52,8 Milliarden Franken für rund zwei Millionen Rentner, Arbeitslose und Geringstverdienende. Sie erhalten ein Grundeinkommen von 2200 Franken ohne Abzüge.

8,5 Milliarden Franken für rund 1,2 Millionen Bezüger von Einkommen unter 4000 Franken. Ihnen wird ein Teil des Grundeinkommens wieder abgezogen.

Keinen Rappen für gut 2,7 Millionen Schweizer mit über 4000 Franken monatlichem Einkommen.

Summe: 83 Milliarden Franken.

Dieser Gesamtbetrag tritt an die Stelle von rund 77 Milliarden Franken, wie sie 2008 für AHV, Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, Kindergeld usw. ausgezahlt wurden. Folglich würde die Einführung eines Grundeinkommens nach dem Bien-Modell die Kosten des Sozialstaats um rund sechs Milliarden Franken erhöhen.
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Ihre Vision gehe davon aus, dass der Mensch seinen Alltag gerne mit sinnvollem Tun füllt und die Leute nicht für Geld, sondern Sinn arbeiten. Panian wird das Experiment, sofern es denn zustande kommt, mit ihrer Kamera begleiten und später verfilmen.

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