Weniger Piloten, weniger Flugzeuge
Die Flaute in der Schweizer Fliegerei

Die Tante Ju ist wieder in der Luft. Doch die riesige Aufmerksamkeit täuscht darüber hinweg, dass die Schweizer Luftfahrt im Sinkflug ist.
Publiziert: 19.08.2018 um 17:35 Uhr
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Aktualisiert: 08.10.2018 um 18:06 Uhr
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Die Schweizer Luftfahrt befindet sich im Sinkflug. Immer weniger können sich dafür begeistern, einen Pilotenausweis zu machen.
Thomas Schlittler

Der Absturz einer Ju-52 am Piz Segnas beschäftigt seit zwei Wochen die Schweiz. 20 Menschen verloren bei dem Unfall ihr Leben. Noch immer ist unklar, wieso sie mit der «Tante Ju» in den Tod stürzten.

Faszination Fliegen

Die Betreiberin der Unglücksmaschine, die Ju-Air, nahm ihren Flugbetrieb diesen Freitag wieder auf. Alle grossen Medienhäuser berichteten live, Tausende verfolgten das Geschehen am Bildschirm – und das historische Flugzeug war ausgebucht.
Die Fliegerei fasziniert und bewegt die Menschen nach wie vor – auch wenn wir in einer Zeit leben, in der man für 60 Franken nach Madrid und zurück fliegen kann oder für wenige Hundert Franken zum Shoppen nach New York.

Weniger Piloten

Doch selbst wenn wir mehr fliegen denn je: Die Boom-Tage der Schweizer Luftfahrt sind längst gezählt, der Preiskampf in der Flugbranche hatte sogar für Piloten negative Folgen. «Die Fliegerei und der Pilotenberuf haben an ­Attraktivität eingebüsst», sagt Urs Holderegger, Kommunikationschef des Bundesamts für Zivilluftfahrt. Der Nimbus des Linienpiloten sei mit dem der 80er- oder 90er-Jahre nicht mehr vergleichbar. Doch nach wie vor seien die Ausbildung und das Fliegen von Motorflugzeugen mit hohen Kosten verbunden.
Das bleibt nicht ohne Folgen: In der Schweiz gibt es immer weniger Piloten. Im Jahr 2000 waren 10 408 Pilotenausweise für Motorflugzeuge in Umlauf, 2017 nur noch 8235 – ein Rückgang um über 20 Prozent (siehe Grafik).
 

Rückgang bei den Privatmaschinen


Das liegt nicht etwa an den ­Linienpiloten, von denen es heute sogar etwas mehr gibt als vor dem Swissair-Grounding, sondern an den Privatpiloten. Deren Zahl geht rapide zurück, weil es für die Fliegerei mit kleinen Privatmaschinen immer komplexere Auflagen und Vorschriften gibt.


Das kostet viel Zeit, Energie und Geld. Als Folge davon nimmt wiederum die Anzahl von Flugzeugen mit Schweizer Kennung laufend ab: seit der Jahrtausendwende um elf Prozent (siehe Grafik). Thomas Steffen, Mediensprecher vom Swiss- und Edelweiss-Pilotenverband Aeropers, hält das für eine gefährliche Entwicklung: «Es fehlt an Nachwuchs, denn Privatpiloten sind potenzielle Berufs- und Linienpiloten.» Sein Fazit: «Ich würde die Pilotenausbildung heute nicht mehr eigenfinanziert machen, sondern nur, wenn eine Airline den grössten Teil davon übernimmt.»

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