Schriftsteller Lukas Bärfuss (43) versteht die Wut des Mittelstands
«Wo ist die ganze Kohle hin?»

Im BLICK-Interview ärgert sich Schriftsteller Lukas Bärfuss, dass es in der Politik nur noch die Populisten und die Nicht-Populisten gibt. Zudem fordert er, es brauche mehr politischen Mut.
Publiziert: 05.01.2015 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 28.09.2018 um 23:41 Uhr
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«Wir waren ein sicherer Hafen – für Schweinehunde und Verfolgte. Diesen Hafen braucht die Welt nicht mehr.»
Interview: Simon Marti und Christoph Lenz; Fotos: Mirko Ries

BLICK: Können Sie sich an den 9. Februar 2014 erinnern?
Lukas Bärfuss:
Ja, sehr gut sogar. Ich war mit Freunden in den Bergen, in einer kleinen Gemeinde in Graubünden. Dort wurde die SVP-Initiative mit 60 Prozent angenommen. Das war ein ziemlicher Schock.

Warum?
Ich und die vielen ausländischen Gäste in unserem Haus erlebten den Ort als sehr fremdenfreundlich. Wir konnten das Abstimmungsresultat nicht in Übereinstimmung bringen mit der Erfahrung, die wir dort gemacht haben.

Haben Sie sich nach den Gründen für das Ja umgehört?
Ja. Bei den Milchbauern, bei den Fleischbauern, bei einer Schafzüchterin. Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Zur Sprache kam der landwirtschaftliche Eigenversorgungsgrad der Schweiz, der bei etwas über 50 Prozent liegt, was nicht gehe. Die Schafzüchterin hatte ein kompliziertes Verhältnis mit Bundesbern, wie wohl viele Schafzüchter.

Der Grund?
Schafzüchter müssen in einem bis ins Letzte reglementierten Markt wirtschaften. Sie bestimmen die Fleischpreise nicht. Sie können nicht entscheiden, ob ihre Tiere geimpft werden. Über den Wolf, den viele als Gefahr sehen, wird auch in Bern entschieden. Es stimmt, diese Protestvoten sind nicht rational. Aber jeder hat eine Stimme. Es wäre die Aufgabe der Politik, sich auch um diese Leute dort oben zu kümmern.

Eine Studie des Bundesrats besagt, dass das Ja primär aus Fremdenfeindlichkeit zustande kam.
Ich habe tatsächlich gedacht, das Ja habe sich aus verschiedenen Motiven zusammengesetzt, dass da eine komplizierte Gemengelage von Ressentiments, Zersiedelungsängsten und weiteren Faktoren gewirkt hat. Nichts davon trifft zu. Es gibt eine verbreitete Ausländerfeindlichkeit in der Schweiz. Eine bestimmte Partei ...

Sie meinen die SVP?
... hat diesen Diskurs gefördert und profitiert davon. Das muss der Schweiz zu denken geben.

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Sie machen es sich sehr einfach: Die Zuwanderung ist eine Realität, kein Diskursphänomen.
Der Blick auf die Ausländer wird sehr wohl von diesen Diskursen bestimmt. Man denke nur an die kürzlich publizierte Studie über das negative und stereotype Bild, das in den Medien von den Roma gezeichnet wird. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Die Angst vor dem Fremden ist nicht neu. Warum hat sie am 9. ­Februar überwogen?
Die Volksinitiative wird seit rund zehn Jahren als Instrument des politischen Marketings begriffen. Die Bevölkerung wird gezwungen, zu Fragen Stellung zu nehmen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Das bildet nicht die Komplexität unserer Probleme ab. Es ist nicht möglich, die Vielgestaltigkeit der modernen Welt in eine Frage zu bringen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Es ist doch gut, wenn das Volk mitbestimmen kann.
Das finde ich auch. Leider ist das Bewusstsein verloren gegangen, dass die Volksinitiative nur das letzte Mittel sein kann. Das Problem ist der Populismus, der rechte und der linke. Ich begreife die schweizerische politische Landschaft nicht mehr als rechts gegen links. Viele der jüngsten Volksinitiativen waren populistische Vorhaben.

Beispiele?
Die Minder-Initiative, die 1:12-Initiative, die Minarett-Initiative und auch die Initiative vom 9. Februar.

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Sie haben alle abgelehnt?
Selbstverständlich!

Weil populistisch?
Weil ich der Meinung bin, dass ein neues Gesetz die Zahl der Probleme verringern sollte. Nicht vergrössern! Wir sehen jetzt, dass niemand weiss – weder die EU noch der Bundesrat, noch die SVP –, wie man den Entscheid vom 9. Februar umsetzen soll. Niemand hat eine Idee, wie wir diesen Felsblock, den uns die Abstimmung ins Wohnzimmer gestellt hat, wieder hinauskriegen. Die Diplomaten müssen den Dreck jetzt aufräumen.

Auch Ihre Heimatstadt Thun hat am 9. Februar klar Ja gesagt. Worauf führen Sie diese Stimme der Städte und Agglomerationen zurück?
Das hat viele Gründe. Einer davon ist sicher, dass viele Menschen sich verschaukelt fühlen. Wir hatten seit 2001 nur ein Jahr, in welchem die Wirtschaft nicht wuchs. Doch die Lohnquote stagniert, und die Staatsquote ist gesunken. Alle reden vom Sparen. Ich frage mich: Wo ist die ganze Kohle hin?

Die Zuwanderung erklärt einen grossen Teil des Wachstums. Wegen ihr verteilt sich der Wohlstandsgewinn auf mehr Köpfe.
Es hat eine grosse Wertschöpfung gegeben. Und irgendwo ist dieses Geld hin. Aber nicht zum Mittelstand. Dass das eine Wut gebiert und dass sich diese Wut einen Kanal sucht, ist für mich offensichtlich.

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Wird Leistung in der Schweiz nicht mehr belohnt?
Das ist kein schweizerisches Problem. Sondern ein Problem des globalen Kapitalismus. Er kann sein Versprechen nicht mehr einhalten. Früher war der Deal: Wenn ihr euch anstrengt, wenn ihr euch bildet, dann wird es euren Kindern besser gehen als euch. Das ist heute nicht mehr so.

Sie sind der lebende Gegenbeweis. Sie kommen aus sehr bescheidenen Verhältnissen und sind, dank Fleiss und Ehrgeiz, aufgestiegen.
Ich bin die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es gibt sehr viele Menschen in diesem Land, die sich anstrengen und trotzdem nicht vorwärtskommen! Nicht, weil sie etwas falsch machen. Sondern weil sie schlechtere Voraussetzungen haben.

Unverschuldet?
Ja, natürlich!

Das heisst?
Bildungsferne Kinder bleiben bildungsfern. Chancengleichheit ist übrigens kein linkes Ideal. Sie ist ein Auftrag der Bundesverfassung und steht im Zweckartikel. Die Gesellschaft würde davon profitieren, wenn wir sie besser erfüllen könnten. Auch gegenüber ausländischen Staatsangehörigen.

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Welchen Bezug hat der erfolgreiche Schriftsteller Bärfuss noch zu dieser bildungsfernen Welt?
Je älter man wird, desto homogener wird das Milieu, in dem man sich bewegt. Das ist eine biografische Zwangsläufigkeit. Die Gelegenheiten, aus seinem Kreis auszubrechen, werden geringer. Deshalb muss man sich bemühen. Kleine Begegnungen sind mir wichtig. Wenn ich in den Bergen bin, gehe ich zu den Bauern. Vor meinem Haus ist eine Baustelle, also versuche ich mit den Menschen, die dort in der Kanalisation arbeiten, ins Gespräch zu kommen. Das ist wichtig für meine Arbeit. Ich will nicht nur über mich schreiben, sondern verstehen, was andere Menschen bewegt.

Der Bundesrat will mehr Geld für Kultur ausgeben. Sie kommen aus der freien Theaterszene. Wird Ihnen da nicht unwohl? Naht da nicht das Ende der freien Kultur?
Kunst ist nicht frei. Sie entsteht unter gesellschaftlichen Bedingungen. Diese Abhängigkeiten zu thematisieren, darin liegt die Freiheit des Künstlers. Nebenbei: Am 9. Februar gab es auch eine Abstimmung über eine Investition in die Verkehrsinfrastruktur. Diese wurde mit zwei Dritteln der Stimmen angenommen. Investitionen in die harte Infrastruktur haben in der Schweiz einen grossen Goodwill. Den brauchen wir auch für die geistige Infrastruktur.

Geht es etwas konkreter?
Wir benötigen mehr Bewusstsein, dass wir auch in immaterielle Dinge investieren müssen. Möglicherweise brauchen wir eine Medienförderung, eine Förderung der Verlage. Und ganz sicher eine gesetzliche Altersvorsorge für die Künstler.

Welches Buch beschreibt Ihrer Meinung nach die Situation der heutigen Schweiz am besten?
Kein Buch, aber vielleicht eine alte Zeitschrift. Sie hiess «Musenalp-Express». Dort konnten Pubertierende ihre Gedichte publizieren.

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Warum gerade dieses Jugend­magazin?
Ich glaube, unser Land befindet sich in einer Situation, die mit jener von Jugendlichen vergleichbar ist. Die Schweiz steckt in der Pubertät. Der junge Mensch muss einerseits seine Identität entwickeln und andererseits einen Platz in der Gesellschaft finden. Das ergibt Konflikte. Unser Land sucht seine Identität und gleichzeitig seinen Platz in der Welt. Diesen Platz hatten wir einmal. Wir waren ein sicherer Hafen – für Schweinehunde und für Verfolgte. Einen solchen Hafen braucht die heutige Welt nicht mehr.

Was bedeutet diese Identitätssuche für den inneren Zusammenhalt der Schweiz?
Ich frage mich: Wo liegt noch mein gemeinsames Interesse mit einem Tessiner? Vielleicht im kantonalen Finanzausgleich? Wirtschaftlich kann ich das nicht definieren. Wir sollten eine Grundlage an Werten finden, die mich mit einem Tessiner verbindet. Keine Ideologie, sondern Interessen, die wir teilen, jenseits aller Mythen.

Ein hoher Anspruch!
Jedes Land muss Institutionen entwickeln für das globalisierte 21. Jahrhundert. Das gilt besonders für einen kulturell nicht homogenen Staat wie die Schweiz.

Das müssen Sie erklären.
Seit den 90er-Jahren sind heterogene Staaten in Europa entweder zerfallen, oder sie erlebten grosse innenpolitische Spannungen: Russland, Jugo­slawien, Spanien oder Belgien, jüngst Grossbritannien. Der Regionalismus wird stärker. Ein homogener Staat hat durch die gemeinsame Sprache und Kultur eine definierte Klammer. Ein heterogener Staat hat das nicht. Er muss sich begründen, muss legitimieren, warum es ihn überhaupt braucht.

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Was sagen Sie? Warum gibt es die Schweiz noch?
Die Verfassung formuliert es klar. Die Eidgenossenschaft ist kein Selbstzweck, sie hat einen Zweck. Nämlich die Rechte und die Freiheit des Volkes und die Unabhängigkeit und Sicherheit des Landes zu fördern und zu sichern. Dass dies im Alleingang heute immer weniger gelingt, sehen wir überall. Beim Schengen-Abkommen, bei der Steuerflucht, beim Streit um den Luftverkehr. Wenn meine Persönlichkeitsrechte auf einem Server in Kasachstan verletzt werden, hat die Schweiz keine Möglichkeiten, meine Rechte durchzusetzen.

Die Welt ist zu vernetzt für die Schweiz?
Wir bewegen uns in gegenseitigen Abhängigkeiten. Das ist gut. Doch ist es unsere Aufgabe, die Institutionen an die veränderten Verhältnisse anzupassen. Sonst fliegt uns das Zeug um die Ohren.

Die Schweiz hat schon vielen Bedrohungen getrotzt.
Es handelt sich eben nicht mehr um Bedrohungen. Es gibt keine böse Macht, die unsere Existenz in Frage stellt, kein Nazideutschland, keinen Kommunismus. Die Krisen, die wir erleben, sind Folgen der Vernetzung. Aber die Eidgenossenschaft ist nicht gottgegeben. Das Land und die Menschen wird es natürlich weiterhin geben. Aber wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist, die festgesetzten Zwecke zu erfüllen, dann brauchen wir irgendetwas anderes. Ein anderes Modell.

Wo müssten wir anfangen?
Zum Beispiel: Wir haben zwei Millionen Ausländer in diesem Land. Ein Drittel von ihnen lebt länger als zehn Jahre hier und erfüllt die Voraussetzungen für die Staatsbürgerschaft. Ich bin überzeugt, dass es eine politische Anstrengung braucht, um diese Menschen einzubürgern. Denn wir brauchen diese Menschen. Nicht nur wirtschaftlich, wir brauchen auch ihre politische Beteiligung.

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Das Volk hat aber alle Vorlagen verworfen, die in diese Richtung gingen.
Es brauchte 120 Jahre und unzählige Vorstösse, um das Frauenstimmrecht in der Schweiz einzuführen. Und es brauchte Politiker, die den Gegenwind nicht fürchteten und an die Sache glaubten. Es braucht politischen Mut.

Bleibt die Schweiz eine Einheit, oder driftet sie auseinander?
Ich habe keine Ahnung. Die Lehre der Vergangenheit lautet: Es kann plötzlich sehr schnell gehen. Manchmal entscheidet es sich an einem Wochenende. Das Bankgeheimnis gab es 70 Jahre lang. Dann dauerte es von Freitagabend bis Montagmorgen – und da war es weg. Einfach, weil der Kleinstaat sich den Verhältnissen anpassen musste.

Dieser Pragmatismus lässt doch vermuten, dass wir auch alle künftigen Krisen bewältigen, indem wir uns durchwursteln.
Druck von aussen ist nicht immer konstruktiv. Dieses Land hat viele positive Eigenschaften, die ich nicht einfach übers Wochenende verlieren möchte.

Wie meinen Sie das?
Die grösste staatspolitische Kränkung in meinem Leben war der 60-Milliarden-Kredit für die UBS. Die grösste Ausgabe in der Geschichte der Schweiz, vorbei an allen politischen Institu­tionen! Am Wochenende darauf musste ich über eine Turnhalle in Oerlikon abstimmen. So werden die Bürgerrechte zur reinen Folklore!

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Werden wir dereinst auch übers Wochenende der EU beitreten?
Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Und eines Tages werden die Widersprüche zu gross, und wir werden beitreten müssen. Dann haben wir aber keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr. Das ist es, was mich ärgert, dass man diesen Zustand aufrecht­erhält, bis er nicht mehr zu gestalten ist.

Das spricht nicht für unsere politische Lernfähigkeit.
Ich will nicht unkenrufen. Es braucht einfach ein bisschen politischen Mut. Einen weiteren zeitlichen Horizont als die nächste Legislatur. Viele Politiker sind eingeschüchtert von der politischen Entwicklung der letzten 20 Jahre. Dafür gibt es keinen Grund. Die Chancen sind intakt. Man muss es einfach wagen.

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