Hochkarätige Referenten beim Noiva-Forum in Winterthur ZH
Flüchtlingskrise: Zeit zu handeln!

Die Weltpolitik hat versagt, jetzt müssen die Bürger die Krise anpacken – so der Tenor der Veranstaltung der Stiftung Noiva.
Publiziert: 09.01.2017 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 20:00 Uhr
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Erich Gysling: «Ohne Waffenexporte gäbe es in Syrien keinen Konflikt.»
Myrte Müller

Knapp fünf Millionen Syrer sind auf der Flucht vor Krieg und Lebensgefahr. Hunderttausende suchen Rettung im Westen. Doch die Flüchtlingskrise erschüttert Europa in seinen Grundfesten. Die internationale Gemeinschaft ist hilflos.

Was kann die Schweiz, was kann jeder Einzelne gegen die Flüchtlingskrise tun? Jedenfalls mehr als zu jammern und sich aufzuregen. Deshalb lud die Stiftung Noiva von Andi Kunz (60) nach Winterthur. Hochkarätige Referenten aus dem In- und Ausland hielten Vorträge, Workshops, Podiumsdiskussionen und beleuchteten das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Stiftungspräsident Kunz (60) fordert Hilfe zur Selbsthilfe: «Die Menschen in den Flüchtlingslagern an den Grenzen von Syrien brauchen Perspektiven, damit sie sich nicht auf den gefährlichen Weg nach Europa machen.»

Journalist und Nahost-Experte Erich Gysling (80) sieht auch die Schweiz in der Pflicht: «Wenn keine Waffen mehr nach Syrien geliefert würden, gäbe es keinen Konflikt. Auch die Schweiz, wenn auch marginal, trägt Mitverantwortung an dieser Situation.»

Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt (56) und Jürg Hofmann, Präsident des Handballclubs Pfadi Winterthur, sehen in den Flüchtlingen auch eine Chance für die Schweiz. Daniel Böcking (40) von der deutschen «Bild»-Zeitung und die südafrikanische Hirnforscherin Carolina Leaf (51) betonen, wie wichtig es ist, zu helfen – und dass es einem auch selber guttut.

Auch wenn der Einzelne nicht viel tun kann und sein Beitrag nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist: «Viele Tropfen ergeben einen See», sagt Andi Kunz.

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Jürg Hofmann (51), Präsident von Pfadi Winterthur

«Eine Woche lang waren wir mit unserer Handballmannschaft in Jordanien. Wir hatten zwei Freundschaftsspiele. Was uns aber tief berührte, war die Erfahrung im Flüchtlingscamp.

Unsere Spieler trainierten mit Kindern. Mädchen und Knaben. Am ersten Tag waren die Mädchen total verhüllt. Sie senkten schüchtern den Kopf, rührten sich kaum. Dann blühten sie auf. Am Ende kämpften sie im Spiel, genau wie die Knaben. Sie trugen keine Schleier mehr und auf ihre Wangen waren Herzen gemalt.

Der Sport bietet grosse Chancen. Er kann Brücken bauen. Im Sport werden die Unterschiede nicht wahrgenommen. Dort sind die Menschen alle gleich. Wir alle, ob Schweizer oder Flüchtling, haben dann die gleichen Ziele, wir wollen gewinnen.

Ich denke, der Sport kann in der Integration eine grosse Rolle spielen. Integration von Flüchtlingen bei uns in der Schweiz erfordert Geduld. Sie hört nicht in der Schule oder am Arbeitsplatz auf. Sie muss auch nach Feierabend weitergehen. Ich bin auch Unternehmer und möchte betonen: Jeder Flüchtling, den wir von der Strasse holen können, ist Gold wert.»

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Andi Kunz (60), Gründer und Präsident der Stiftung Noiva

«Die westliche Politik hat in der Flüchtlingskrise versagt. Jetzt muss die Schweizer Bevölkerung mobilisiert werden. Es ist Zeit, zu handeln. Weg von der Idee: ‹Ich zahle meine Steuern, soll der Staat die Probleme lösen.›

Wir sammeln nicht nur Gelder, sondern Freiwillige. Wenn wir den Flüchtlingsstrom reduzieren wollen, dann müssen wir den Menschen in den Krisenregionen neue Perspektiven geben, damit sie nicht die gefährliche Reise zu uns antreten.

Wir brauchen Business auf Augenhöhe, Win-win-Situationen für die Menschen dort und für uns. Dafür ist Versöhnung sehr wichtig. Niemand wagt es, in ein Gebiet zu investieren, in dem neue Konflikte drohen. Wir brauchen jeden Tag neue Ideen.

Statt dorthin Waffen zu verkaufen, sollten wir dort Energie produzieren. Wir sollten Freundschaften aufbauen. Wer kann helfen, wenn nicht wir Schweizer? Wir haben doch christliche Werte auf unserer Fahne geschrieben.

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Die Welt steckt in der Sackgasse. Radikale Entwicklungen erhalten zunehmend Rückenwind. Die EU kommt nicht in die Gänge. Wir brauchen schnelle, effiziente Projekte wie Food-Programme, medizinische Versorgung, wirtschaftliche Investitionen für Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Sehen wir in der Krise auch eine Chance für uns. Wir sollten die Flucht nach vorn wagen.»

Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt (56)

«Wir haben in der Schweiz 80'000 Lehrstellen. 8000 Lehrlinge aber fehlen. Flüchtlinge könnten eine Chance sein. Sie müssen aber die Voraussetzungen dafür erfüllen. Wir dürfen den Standard unserer Lehre nicht verwässern. Ich halte eine ‹Flüchtlingslehre›, wie sie Bundesrätin Simonetta Sommaruga vorschwebt, nicht für sinnvoll.

Hier ist der Staat gefragt. Die Asylverfahren müssen beschleunigt werden. Kann ein Flüchtling bleiben, dann muss er Deutsch lernen und die Grundlagen beherrschen, damit er in einer Schweizer Lehre mithalten kann. Wenn ein Flüchtling keine Ausbildung hat, ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, fünfmal höher. Die Investition in die Integration lohnt sich allemal. Das würde auch der Schweizer Wirtschaft dienen.

Andererseits bietet unser -duales Bildungssystem Chancen nicht nur hier, sondern auch in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten. Systemrelevante Kräfte können zu uns kommen, hier das duale Bildungssystem erlernen – oder auch dort vor Ort – und ihre Landsleute entsprechend ausbilden.»

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Caroline Leaf (51), südafrikanische Hirnforscherin und Bestseller-Autorin

«Unsere Seele und unser Gehirn sind auf Liebe und Freundschaft gepolt. Wir sind für das Zusammenleben gemacht. Die Angst vor dem anderen Menschen ist unserem Hirn eigentlich fremd. Dass wir dennoch Angst und Hass verspüren können, liegt an ‹vergifteten Gedanken›. Wir agieren nach dem Muster: denken, fühlen, entscheiden. Sind die Gedanken schlecht, entscheiden wir falsch, und falsche Entscheidungen wiederum vergiften unsere Gedanken.

Nach 30 Jahren Hirnforschung kann ich mit Sicherheit sagen, dass gute Gedanken und gute Erfahrungen heilen können und vergiftete Gedanken Hirnzellen zerstören. Sie sorgen für neurochemisches Chaos im Gehirn. Landet man in der sogenannten ‹toxischen Zone›, begibt man sich in Gefahr.

Es können Depressionen, sogar Demenz folgen. Mitgefühl und die Lust zu helfen hingegen sind gesund und heilsam.

Wir haben die Macht der Entscheidung. Wir können vergiftete Gedanken hinterfragen und unsere Entscheidungen ändern. Jede Entscheidung beeinflusst die Umwelt. Unsere Haltung bestimmt die Welt.

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Materielles Denken will uns weismachen, dass wir keine Wahl hätten. Aber das stimmt nicht. Wir müssen so handeln, wie wir designt sind. Denn das positive Denken ist uns angeboren. Bei Depressionen kann Nächstenliebe durchaus heilen helfen.»

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