Polit-Knall in Österreich: Dieses Video ist der Auslöser für die Regierungskrise(00:57)

SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty über die Folgen des Skandal-Videos
Warum die Rechtspopulisten von Ibiza profitieren

Das Ibiza-Video wird der FPÖ nicht schaden. Im Gegenteil: Der Rechtspopulismus dürfte davon sogar profitieren. Weit über Österreich hinaus.
Publiziert: 26.05.2019 um 00:29 Uhr
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Aktualisiert: 27.05.2019 um 09:29 Uhr
Gieri Cavelty, Chefredaktor SonntagsBlick.
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Gieri CaveltyKolumnist SonntagsBlick

Donald Trump hat es auf den Punkt gebracht. Wer denn sonst? Am 24. Januar 2016 sagte er als Präsidentschaftskandidat in einer Wahlkampfrede: «Ich könnte in der Mitte der 5th Avenue stehen und jemanden erschiessen, ich würde trotzdem keine Wähler verlieren.»

Im Nibelungenlied – Lieblingslektüre vieler Rechtsintellektueller – badet der Recke Siegfried in Drachenblut. Das macht ihn unverwundbar. Es scheint, als hätten die Rechtspopulisten dieser Welt in der gleichen Pfütze geplanscht.
Sie können sich noch so viel zuschulden kommen lassen, ihre Anhänger halten ihnen die Treue.

Die Nibelungentreue.

Wie ist das möglich? Da taucht ein Video auf, das den langjährigen Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs als korrupten Zyniker und Landesverräter entlarvt. Zeigt er jetzt Reue? Schämt er sich? Von wegen! Heinz-Christian Strache bläst zum Gegenangriff. «FPÖ – Jetzt erst recht!», schrieb er auf seine Facebook-Seite. Die Jubelkommentare darunter und die Likes gehen in die Zehntausende.

Zwar ist die FPÖ wegen der Ibiza-Affäre aus der Regierung geflogen und für den Augenblick aus dem Tritt geraten. Untergehen wird die Partei deswegen aber nicht.

Im Gegenteil, der Rechtspopulismus dürfte davon sogar profitieren. Weit über Österreich hinaus.

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Vor 2500 Jahren schrieb der griechische Dichter Äsop die Fabel von Wolf und Lamm. Bevor er es zerfleischt, legt der Wolf dem Lamm seine vermeintlichen Gründe dar: «Dein ganzes Geschlecht hasst mich. Dafür muss ich mich rächen.»

Wölfe lieben die Verschwörung. Und natürlich sind sie immer die Unschuldslämmer.

Welche Wirkung muss die Selbst­inszenierung als Opfer erst haben, wenn man – wie nun Heinz-Christian Strache – in der Tat ein Stück weit hereingelegt worden ist!

Eine wichtige Rolle in der Nach­bearbeitung von Ibiza spielt die Amygdala, jene Hirnregion, die für Ängste und Aggressionen zuständig ist. Der amerikanische Neurowissenschaftler Jonas T. Kaplan hat herausgefunden: Wer sich mit politischem Widerspruch konfrontiert sieht, fühlt sich rasch in seiner Identität bedroht. Die Amygdala schüttet dann viele Stresshormone aus und mobilisiert zum Angriff.

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Die Reaktion fällt desto wütender aus, je schlagender die Beweise dafür sind, dass man im Unrecht ist. Entsprechend heftig feuern jetzt die Amygdalas der Rechtspopulisten und ihrer Gefolgschaft. Denn schlagender als das Ibiza-Video kann der Beweis für die Verkommenheit eines Politikers nun einmal nicht sein.

In seinem druckfrischen Buch «Diese verdammten liberalen Eliten» beschäftigt sich auch der schweizerisch-israelische Psychoanalytiker Carlo Strenger mit den Lügen rechtspopulistischer Politiker. Es spiele keine Rolle, meint Strenger, ob man sie entlarve. «Auf diese Weise verschärft man lediglich den Hass in der Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo zu befürchten steht, dass sie jeden Augenblick explodieren kann.»

Weiter schreibt Strenger: «Für dieses Problem weiss ich, offen gesagt, auch keine Lösung.» Er setzt darauf, «dass die Wähler irgendwann begreifen, dass Hasspredigten letztlich das Gewebe der Gesellschaft zerstören, in der wir alle leben».

Das sind keine schönen Aussichten.

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