Am 24. Januar berichteten wir zum ersten Mal über die Pläne des Kantons Graubünden, in Schulen und Firmen repetitive Corona-Massentests durchzuführen. Der Bergkanton beschritt damit einen völlig neuen Weg, um die Pandemie grossräumig in den Griff zu kriegen. SonntagsBlick urteilte damals: «Womöglich erleben wir heute eine entscheidende Wende in der Pandemiebekämpfung, und Graubünden wird zum Vorbild für alle Kantone.»
Inzwischen wurde das Bündner Modell wissenschaftlich ausgewertet. Die Studie, nachlesbar auf der Forschungsplattform medRxiv, kommt zum Schluss: Bei regelmässig Getesteten liegt die Zahl der Ansteckungen im Vergleich zu Nichtgetesteten um 70 Prozent tiefer.
Solange die Impfung für unter Zwölfjährige nicht zugelassen ist, sind Massentests an den Schulen das beste Mittel, um unsere Kinder vor Covid zu schützen. Auch lässt sich damit verhindern, dass das Virus unkontrolliert in der ganzen Bevölkerung zirkuliert. Seit kurzem empfehlen die US-Gesundheitsbehörden die Methode; in mehreren deutschen Bundesländern wird sie angewandt, ebenso in Österreich.
Eine Innovation aus der Schweiz macht international Schule. Leider nur bekommen das hierzulande nicht alle mit. Ein ausnehmend krasses Beispiel pandemiepolitischer Ignoranz liefert Pierre Alain Schnegg. Vor einer Woche machte SonntagsBlick publik, wie der Gesundheitsdirektor des Kantons Bern die wahre Verbreitung des Coronavirus an den Schulen vertuschen wollte. Und dass er die repetitiven Massentests einstellen liess, obwohl ihm klar sein musste, dass damit weiteren Übertragungen des Virus Vorschub geleistet wird.
Am Montag sprach Pierre Alain Schnegg an einer improvisierten Pressekonferenz von Verleumdung. Inhaltlich konnte er unserer Recherche allerdings nichts entgegensetzen. Stattdessen erklärte er die repetitiven Corona-Massentests generell für untauglich. Der Regierungsrat griff dabei zum absurdesten aller Argumente, als er sagte: Just jene Kantone, die keine Schultests durchführten, wiesen die niedrigsten Fallzahlen auf.
Selbstverständlich werden weniger Infektionen aktenkundig, wenn man nicht danach sucht. Das bedeutet aber keineswegs, dass es diese Ansteckungen nicht gibt – im Gegenteil: Das Virus verbreitet sich vielmehr ungestört. Schnegg lobte ausdrücklich den Thurgau als einen jener Kantone, die keine Schultests durchführen und die Lage besonders gut im Griff hätten. Ein Blick auf die Hospitalisierungen in der Schweiz belehrt uns eines Besseren: Die Thurgauer Intensivstationen waren diese Woche zu 100 Prozent ausgelastet. Nirgendwo ist die Situation prekärer.
Ausgerechnet diesen Kanton erklärt Pierre Alain Schnegg zum Vorbild?
Bei so viel Realitätsblindheit haben es die besten Argumente schwer. Nicht nur führt dieser Unverstand unmittelbar dazu, dass sich mehr Menschen mit Corona infizieren. Fatal ist ausserdem: Die müssige Diskussion über die Zweckmässigkeit von Massentests – wie auch jene über das Impfen – blockiert weitere sinnvolle Schritte zur Eindämmung der Pandemie.
Da ist etwa das Thema Luftfilter. Das Bundesamt für Gesundheit konnte sich nach wie vor nicht dazu durchringen, Richtwerte für Frischluft in öffentlich zugänglichen Räumen festzulegen. Es ginge darum, Herrn und Frau Schweizer mit Begriffen wie «Aerosole» und «CO2-Konzentration» (gemessen in parts per million Luftmolekülen, ppm) vertraut zu machen. Bloss: Wie sollten solche neuartigen Konzepte breite Akzeptanz finden, wenn der Gesundheitsdirektor des zweitgrössten Kantons der Schweiz schon jene Massnahmen partout nicht verstehen will, deren Nutzen längst erwiesen ist?