Editorial
«Meinungsfreiheit steht über religiösen Zumutungen»

Publiziert: 14.08.2016 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 11.09.2018 um 21:10 Uhr
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Philippe Pfister, Chefredaktor a. i.

Liebe Leserin, lieber Leser

Wann haben Sie zum letzten Mal eine vollverschleierte Frau gesehen? Vor Tagen? Wochen? Überhaupt jemals? Dass auf unseren Strassen kaum total verhüllte Frauen zu sehen sind, liefert den Gegnern eines Burkaverbots eines ihrer wichtigsten Argumente: Burka- oder Nikabträgerinnen seien in der Schweiz ein absolutes Randphänomen. Ein herbeigeredetes Problem. Ein Verbot sei völlig unnötig, weil unverhältnismässig.

Schon einmal wurde in der Schweiz so getan, als seien die religiösen Imperative des Islams kein Problem. 2006, auf dem Höhepunkt des Konflikts um die Mohammed-Karikaturen, meinten manche Medienmacher schulterzuckend, im Islam dürfe Mohammed nun mal nicht beleidigt werden. Dieses Gebot könne die hiesige Publizistik doch problemlos übernehmen, um die religiösen Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Inzwischen ist fast allen klar, welchen Boden man mit einem solchen Zurückweichen preisgibt: Natürlich müssen sich Muslime gefallen lassen, dass über ihren Propheten gelästert wird. Die Meinungsfreiheit durch religiöse Zumutungen einzuschränken heisst, eines der fundamentalsten Prinzipien der Demokratie auszuhebeln.

Verläuft die Debatte um die Verschleierung nicht ganz ähnlich? Klar, für Touristinnen aus arabischen Ländern mag es eine inakzeptable Forderung sein, dass sie auf unseren Strassen und Plätzen ihr Gesicht zeigen sollen. Und ja, es mag sein, dass manche von ihnen wegbleiben, falls die Schweiz ein Verschleierungsverbot einführt. Nur: Die Regel, dass sich Bürgerinnen und Bürger im öffentlichen Raum begegnen und sich dabei zeigen, ist so etwas wie das Wesen der demokratischen Öffentlichkeit. Diese muss dafür sorgen, dass jeder im Land glauben kann, was er will – das kann sie aber nur, wenn sie sich selbst vor religiösen Zumutungen schützt.

Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen
Philippe Pfister

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