Frank A. Meyer
Unverzichtbar

Publiziert: 17.09.2017 um 12:08 Uhr
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Aktualisiert: 12.09.2018 um 09:45 Uhr
Frank A. Meyer, Kolumnist.

Der Genfer Pierre Maudet will Bundesrat werden. Berner «Bund» und Zürcher «Tages-Anzeiger» preisen den freisinnigen Regierungsrat mit dem jugendlichen Charme bereits als Politiker der Herzen: «Alle lieben Maudet.» In ihm hat der Tessiner Nationalrat und FDP-Fraktionschef ­Ignazio Cassis plötzlich einen ernsthaften Konkurrenten.

Pierre Maudet, ein Mann mit Format, hält vom Tessiner Anspruch auf einen Bundesratssitz wenig: «Es ist an allen sieben Bundesräten, sich um das Tessin zu kümmern.» Dieser Satz, den die «Neue Zürcher Zeitung» einem doppelseitigen Interview mit dem Westschweizer voranstellte, wirkt vernünftig, schon fast staatsmännisch. Auf den ersten Blick. Und auf den zweiten?

Pierre Maudet hat die Schweiz nicht verstanden. Was bei ­seiner Intelligenz eigentlich unvorstellbar ist. Eher vorstellbar ist, dass er den Tessiner Anspruch aus ­taktischen Gründen nicht verstehen möchte. Was ihm zu verzeihen wäre, denn was sagt man nicht alles, um zum Bundesrat gewählt zu werden?

Dennoch bedarf Maudets Aussage der Korrektur, beinhaltet sie doch ein in­akzeptables staatspolitisches Miss­verständnis.

Der Anspruch des Tessins ergibt sich nicht aus mangelndem Kümmern der sieben Bundesräte um die südliche Sprachregion. Es ist genau umgekehrt: Der Anspruch, den die Kandidatur von Ignazio Cassis verkörpert, ergibt sich aus einem Mangel an Tessiner Kultur in der Landesregierung. Das Tessin muss in den Bundesrat, damit es sich dort um die gesamte Eidgenossenschaft kümmern kann.

Das Tessin ist, genau wie die Suisse romande, ein unverzichtbarer Teil der Schweiz, weshalb der Kanton mit der rot-blauen Flagge bei dieser Bundesratswahl nicht einfach als Kanton zu betrachten ist, sondern als Schweizer Kulturraum, der sich durch seine ­Sprache definiert.

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Das Tessin ist nichts weniger als: die Schweiz – die Schweiz des Südens.

Diese Schweiz soll durch Ignazio ­Cassis nach 18 Jahren Absenz wieder im ­Bundesrat präsent sein: damit sie die Landesregierung ergänze, sogar be­reichere – um die italienischsprachige Sensibilität, welcher ein besonderes Temperament zugrunde liegt, das ­anderswo im Land nicht zu finden ist.

Die französischsprachige Schweiz ist bisher mit drei Bundesräten im Regierungskollegium vertreten. Was würde Pierre Maudet sagen, wenn der Anspruch seiner Sprachregion auf Teilhabe an der Landesregierung mit dem paternalistischen Satz beiseite gewischt würde: «Die Westschweiz muss im Bundesrat nicht unbedingt vertreten sein, denn es ist an allen sieben Bundesräten, sich um die Westschweiz zu kümmern»?

Wie das Tessin ist die Suisse romande: die Schweiz – die Schweiz des Westens.

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Pierre Maudet möchte den ausscheidenden dritten Romand im Bundesrat ersetzen – gegen den Anspruch des Tessins. Ist seine Kandidatur ein «Ausdruck welscher Arroganz», wie die «NZZ am Sonntag» ätzte? Das ist sie nicht, denn erstens darf eine Minderheit auch mal über­repräsentiert sein, und zweitens ist Pierre Maudet ein Kandidat, der neben seiner intellektuellen und poli­tischen Statur eine weitere ganz besondere Qualität mit Ignazio Cassis teilt: Er entstammt einer Agglomera­tion, die täglich mitten in der europäischen Wirklichkeit lebt.

Der Raum Genf ist, genau wie das Tessin, ein Grenzraum, der das Pulsieren der Europäischen Union geradezu physisch spürt: durch den Grenzverkehr von Arbeitsmigranten, durch Gesetze und Regelungen der EU, die in unmittelbarer Nachbarschaft wirken und darum auf Genf einwirken, dessen ­Lebensraum weit über die nahe Grenze in die französischen Départements Franche-Comté und Rhône-Alpes hineinreicht. Auch darin ähnlich dem Tessin, das an die bewegte, oft auch erregte Industrieregion Lombardei grenzt – mit mehr als zehn Millionen Einwohnern und Italiens grösster Metropolenregion Mailand als Mittelpunkt.

Ignazio Cassis und Pierre Maudet sind vertraut mit der europäischen Realität, wie sie im Krähwinkel-Zürich mit seinen unwirklich reichen und deshalb unwirklich seligen Seeufern kaum je zu erfahren ist.

Europa im Bundesrat – das braucht die Schweiz.

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