Darum gehts
Amerika wird zum Kriegsgebiet. Anders lassen sich die Massnahmen nicht erklären, die die grössten Newsredaktionen des Landes derzeit treffen, um ihre Reporterinnen und Journalisten am Wahltag zu schützen.
Blick hat die «New York Times», die «Washington Post» und die Associated Press (AP), eine der grössten News-Agenturen Amerikas, besucht und exklusiven Einblick erhalten in die Krisen-Planung der amerikanischen Presse-Giganten. Die Verantwortlichen in Amerikas berühmtesten Redaktionen wollten anonym bleiben. Aber sie erzählten Blick, wie sie sich auf das Horror-Szenario «Bürgerkrieg» vorbereiten.
Die «New York Times», das Flaggschiff unter den US-Newsorganisationen und gleichzeitig das Hauptziel von Donald Trumps (78) journalismusfeindlichen Angriffen, behandelt den Wahltag und die Zeit unmittelbar danach als Ausnahmesituation. «Wir lassen unsere Inlandreporter dieses Jahr dieselben Trainings und Kurse absolvieren wie unsere Kriegs- und Krisenreporter», betont ein Mitglied der Führungsetage gegenüber Blick.
Darum ist die Situation 2024 so gefährlich
Das Ziel: Die Reporter, die rund um die Wahlen aus den alles entscheidenden Swing States berichten, sollen für die Risiken und Gefahren dieser aussergewöhnlichen Wahl sensibilisiert werden. «Ganz wichtig für uns ist: Wir setzen unsere Leute vor Ort nicht unter Druck. Wenn sich jemand unsicher fühlt, dann darf er sich sofort zurückziehen – auch wenn uns das eine Story kaputtmacht.»
Ganz ähnlich geht die «Washington Post» mit dem Rennen zwischen Trump und Kamala Harris (60) um. «Das Risiko für politische Gewalt ist extrem hoch. Sollte Trump verlieren, wird er einen Sündenbock suchen und die Medien erneut für seine Niederlage verantwortlich machen», sagt eine leitende Journalistin der «Washington Post» zu Blick.
Die «Post» schickt alle Reporterinnen und Reporter, die über die Wahlen berichten, deshalb in ein Training, wo sie lernen, mit Extremsituationen bei Massenaufständen und Ausschreitungen umzugehen. «Besonders heikel wirds dieses Mal, weil es wegen des extrem knappen Rennens und der Auszählungsregeln sehr wahrscheinlich ist, dass wir auch Tage nach der Wahlnacht noch immer kein definitives Resultat haben.»
Einen Schritt weiter geht die US-Abteilung des britischen «Guardians». «Wir haben schusssichere Westen und Helme im Wert von mehreren Zehntausend Franken für unsere Journalisten bestellt», sagt eine leitende Redaktorin im «Guardian»-Büro in Manhattan. «Wir haben einen Sicherheitsexperten engagiert, der uns schon zu den beiden Parteitagen begleitet hatte und uns jetzt rund um die Uhr für Tipps und Tricks zur Verfügung steht.»
Wahltag-Simulation aus Sicherheitsgründen
Auch die Associated Press investiert viel in die Sicherheit ihrer Journalisten. «Wir haben unsere Schutzausrüstung aufgestockt und 14 Trainings-Videos erstellt, die sich all unsere Reporter vor dem Wahltag anschauen müssen», erzählt eine hochrangige Angestellte der AP. «Zusätzlich führen wir in den kommenden Tagen zwei simulierte Test-Durchläufe des ganzen Wahltags durch, um in der Hitze des Gefechts dann bereit zu sein für alle Eventualitäten.»
Eine ganz besondere Massnahme plant das Washingtoner Medienunternehmen The Hill. «Beim Sturm aufs nahe gelegene Kapitol am 6. Januar 2021 haben wir unser Logo draussen am Gebäude abgedeckt, damit uns die tobende Meute nicht als einfaches Ziel herauspickt und angreift», erzählt uns ein führender Redaktor. «Das werden wir beim kommenden Wahltag aus rein präventiven Gründen sehr wahrscheinlich wieder tun.»
Dass die Ängste der amerikanischen Medien-Giganten mehr als berechtigt sind, zeigen die wüsten Vorfälle in den von Hurrikan Milton getroffenen Gebieten in Florida. Dort ist es nach dem Monstersturm mehrfach zu Gewalt von erzürnten Bewohnern gegen die Mitarbeitenden der staatlichen amerikanischen Katastrophenhilfe Fema gekommen.
Blick mit drei Live-Reportern vor Ort
Der Grund: Die falsche Behauptung, die Fema würde Flüchtlinge und Migranten amerikanischen Staatsbürgern bei der Verteilung der Hilfe bevorzugen, machte die Runde. Gestreut hatten die Falschinformationen die üblichen Verdächtigen: Social-Media-Accounts gesteuert aus dem Iran, Russland und China. «Diese Player werden auch rund um den Wahltag mit allen möglichen Mitteln versuchen, Verwirrung zu stiften und Chaos zu verursachen», warnt das ICFJ.
Übrigens: Blick selbst ist in der Wahlnacht mit drei Reportern vor Ort in Amerika – ganz ohne Kriegsausrüstung – und deckt mit einem Experten-Team in Zürich und einer 18-stündigen Live-Sendung alles ab, was Du zu den Wahlen wissen musst!