Wilander: «Nadal ist schlauer als Federer»

  • Publiziert: 20.30 Uhr, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Christian Bürge aus Melbourne
play Messerscharf: Mats Wilander im Gespräch mit BLICK-Reporter Christian Bürge. (BLICK/Jim Kellam)

Der siebenfache Grand-Slam-Sieger Mats Wilander (44) verschont niemanden mit seiner Kritik. Auch nicht Roger Federer. Im BLICK-Exklusiv-Interview redet er über das Psychospiel Tennis und die Angst, die Rafael Nadal verbreitet.

Mats Wilander, haben Sie mit Roger Federer mitgelitten?

«Ja, auch wenn ich Berdych gegen Federer schon in der ersten Runde sehen möchte. Rafa und Roger dominieren so extrem, dass sie in den ersten Runden locker gewinnen und sich in Form spielen. Die rennen nicht von Beginn weg in Brocken rein. Die erste Woche war irgendwie tot für mich. Aber jetzt wirds unglaublich.»

Nach Federers mühsamem Sieg gegen Tomas Berdych wird er bereits in Frage gestellt. Zu Recht?

«Federer hat den Sieg ja nicht geschenkt bekommen. Er hat ihn geholt. Dass Berdych diese mentale Schwäche hat, kommt dazu. Aber so ist er. Das weiss Roger. Das wissen alle. Ich habe ja kommentiert und gesagt, dass ich von Federer beeindruckt war. Weil er keinen Zentimeter zurückwich, seine Taktik nicht änderte, Berdychs Vorhand nicht mied, auch wenn diese unglaublich war. Es braucht Eier, um dazustehen und zu sagen, komm, das ist noch lange nicht vorbei. Berdych ist der grösste Hitter auf der Tour. Es war ein Roger, den man nicht oft sieht. Vor allem, weil er es meist nichts tun muss. So etwas wie dieser Fünfsatzsieg wird ihm Selbstvertrauen geben, das weit über das hinaus geht, was er schon hat.»

Die Art und Weise, wie Federer gegen Berdych in den ersten zwei Sätzen spielte, musste einem aber Angst machen. Eine Frage des Selbstvertrauens? Des Alters?

«Er hatte keine gute Körpersprache. Wenn er gut spielt, dann hüpft er wie ein Ball über den Platz. Und das tat er nicht. Er war tot. Er lief, wie es normale Leute tun. Aber es geht viel mehr um seine Gegner. Die Tatsache, dass er so viele Matches verloren hat – verglichen mit zuvor -, macht die anderen lockerer. Die sehen das in der Kabine. Und Berdych unterscheidet Grand-Slams nicht von anderen Turnieren. Die meisten tun es nicht. Federer und Nadal schon. Die anderen sehen ihn also verlieren. In Doha zum Beispiel. Und sie denken: Aha, der wurde so und so geschlagen. Das Spiel habe ich auch. So kann man ihn bezwingen.»

Haben die andern sich Federer besser angepasst, ihre Technik oder Taktik geändert?

«Mehr und mehr, ja. Sie versuchen aggressiver zu spielen, weiter in den Platz reinzustehen. Er kriegt Probleme, wenn einer einen flachen Ball früh nimmt. Und das ist genau das, was Tipsarevic letztes Jahr machte. Und Berdych nun auch. Abgesehen davon denke ich immer noch, dass Federer ein viel besserer Sandplatzspieler als ein Hartplatzspieler ist. Kein Vergleich. Der Grund, dass Federer so viele Titel auf Hardcourt gewonnen hat, ist: Es gab keine Hartplatzspezialisten. Es gab keinen, der auf Hartplatz spielen konnte, bis Djokovic kam. Andy Roddick ist kein Hartplatzspezialist. Er ist ein Aufschläger. Und sonst macht er gar nichts. Lleyton Hewitt hatte nicht genügend Schlagkraft. Sobald er gegen Agassi spielen musste, geriet er in gewaltige Schwierigkeiten.»

Sie verherrlichen die Vergangenheit.

«Nein, aber sehen Sie mal: Agassi spielte gegen Federer, als er schon fast 35-jährig war, und für Roger wurde es gegen ihn zweimal sehr eng an den US Open. Pete Sampras war ein Hartplatzspezialist, wenn auch auf andere Art. Jetzt gibt es Seppi, Djokovic, Baghdatis, die ein Spiel für Hartplatz haben. Auf Sand gibt es diese Konkurrenz für Federer nicht. Er ist nicht ein viel besserer Sandplatzspieler, aber ein besserer Sandplatzspieler als ein Hartplatzspieler. Die Differenz zum Rest ist auf Sand grösser. Wenn es Nadal nicht gäbe, hätte er dieselbe fantastische Bilanz auf Sand. Er marschiert gleich locker in den Paris-Final wie zum US-Open-Titel. Federer muss jetzt auf die Jungen aufpassen, die auf Hardcourt aufgewachsen sind. Die auf beiden Seiten stark sind, bereit sind in den Platz zu gehen und den Ball so hart zu schlagen, wie es nur geht. Und Nadal muss auch aufpassen.»

Diese Meinung teile ich nicht. Der wird doch auf Hartplatz nur besser.

«Er ist auf jeden Fall kein Hartplatzspezialist. Und leichter auszurechnen. Spezialisten können den Aufprall des Balles bis zur Perfektion einschätzen. Die sehen die Rotation und wissen genau, wie sie den Ball schlagen müssen. Auf Gras und auf Sand gibt es aber immer die Chance, dass der Ball blöd wegspringt. Dieser schlechte Aufprall wird noch verstärkt durch den Drall. Und das lässt Leute wie Djokovic oder Berdych verzweifeln, wenn sie gegen Nadal auf Sand spielen müssen.»

Es gibt Leute, die sagen, Federer wird immer öfter verzweifeln. Er ist nun 27 Jahre alt. Ist seine beste Zeit vorbei? Was kann er tun? Was anders machen?

«Federer hat bis jetzt immer schlaues Tennis gespielt. Aber Nadal ist im Vergleich der schlauere Spieler. Er setzt seine Stärken besser ein als Roger. Er hat seinen Gegnern in vielen Matches nicht gezeigt: Hey, schau, so spiele ich. Ich schick dir jetzt einen Fax, was ich tun werde und bis zum Ende durchziehe. Taktik ist nicht, dem andern nicht zu zeigen, wie man spielt. Natürlich hat man so den einen oder anderen Überraschungseffekt. Ein anderer Weg ist aber, etwas von A bis Z in Perfektion zu demonstrieren. Bei Stefan Edberg wusste jeder, dass er einen Kick-Service auf deine Backhand macht, und du wusstest, dass er so nah am Netz stehen würde, und du wusstest, dass er einen Volley spielt. Bei Federer hat man diese klare Linie, diesen Spielplan, vielfach vermisst. Mit Ausnahme vielleicht bei den vergangenen US Open gegen Djokovic und Murray. Er kam viel mehr rein in den Platz als sonst. Und das funktionierte gegen Murray toll. Der stand völlig baff da.»

Haben Sie das Gefühl, dass Federer mehr Dinge fürchtet als früher? Vielleicht das Alter?

«Früher oder später wird das kommen. Aber andererseits hat er sich auch noch ein paar Jahre gegeben. Nur ist es nicht in deiner Hand zu entscheiden, wann der Tag kommt, an dem du denkst, ein Tennismatch zu gewinnen, ist nicht die wichtigste Sache auf der Welt. Es passiert einfach.»

Wann spürten Sie es? Gab es einen bestimmten Zeitpunkt?

«Logisch. Ich ging auf den Platz und zack, wars weg. Einfach so (schnippt mit den Fingern). Du stehst da und weisst exakt, dass du über dem Ablaufdatum bist. Lleyton Hewitt hat sein Spiel geändert, weil er dachte, so könne er mit den andern wieder mithalten. Dabei hat er nur seine Intensität verloren, die er früher immer hatte. Die war so viel höher als bei allen andern. Plötzlich schlug er die Bälle nicht mehr, wo er musste, und die Gegner nutzten diese fehlende Geschwindigkeit aus. Schliesslich sagten sie, er muss sein Spiel ändern, weil alle viel besser geworden sind. Nein, das ist falsch. Das Spiel verändert sich nicht in zwei Jahren, es verändert sich vielleicht in zehn Jahren. Auch ich verlor die Intensität irgendwann. Und bei Roger war es im vergangenen Jahr genau gleich. Er spielte bei den French Open schlecht, er spielte in Wimbledon okay. Auch wenn es ein spannendes Match war. Aber das war es nur, weil er nicht so toll wie in den Vorjahren spielte. Sonst hätte er es klar für sich entschieden. Seine Intensität war nicht da. Und die fand er erst bei den US Open wieder, als er vermehrt in den Platz rein kam.»

Wird Federer zu wenig kritisiert?

«Klar. 90 Prozent der Artikel sind so positiv. Man muss ihn kritisieren dürfen. Gerade weil er ein so fantastischer Typ ist und auch wir früheren Spieler niemals in der Lage waren, so zu spielen wie er, scheuen wir uns vielleicht davor, ihn zu kritisieren. Wir überwinden uns dann trotzdem, weil wir hoffen, ihn perfekt zu sehen. Er ist oft perfekt. Und es gibt unglaublich viele Momente, in denen ich keine Ahnung habe, warum er diesen Schlag macht und vor allem, wie er diesen Schlag macht. Aber es gibt auch Dinge, die er schlechter als ich macht.»

Was konnten Sie denn besser als Federer?

«Eine bestimmte Taktik auf einen bestimmten Spieler anwenden. Er hat zwar all die Schläge, und er mag denken, dass er immer die richtige Taktik wählt. Dafür spricht natürlich seine Bilanz. Aber er hat Rafa beispielsweise noch nie in den ersten fünf Minuten gezeigt oder gesagt: Schau, so werde ich spielen. Und wenn du mich so schlagen kannst, dann muss ich vielleicht über die Bücher. Er mischt seine Taktik immer. Und das ist nicht immer der richtige Weg. Es gibt Spieler, die zittern, wenn sie merken, dass einer eine Taktik voll durchzieht.»

Ich sage Ihnen jetzt was über Taktik. Sie haben vor dem Paris-Final 2007 in einer Zeitung gesagt, Federer solle gegen Nadal ans Netz kommen. Und zwar konstant. Letztes Jahr kam er im Minutentakt nach vorne. Das Resultat war ein Desaster.

«Es war ein Desaster, richtig. Aber er muss zumindest mal fühlen, was passiert, wenn er es tut. Wir Kritiker und Zuschauer haben ein Recht zu sehen, was passiert, wenn er das tut. Es gab einige Partien, die schauen auf dem Resultatblatt eng aus. Aber sie waren es nicht. Federer versuchte mitzuspielen und verlor 14 von 15 Punkten. Er muss also was ändern. Ob es jetzt Netzangriffe sind oder Angriffe auf Rafas zweiten Service und so weiter. Aber natürlich ist das schwierig. Denn Federer sieht Rafas Spin ein ganzes Turnier lang nicht. Umgekehrt sieht Rafa Rechtshänder mit Federers Spin jeden Tag. Die Versuchung ist darum gross, den Ball im Spiel zu halten, um einen Rhythmus zu kriegen. Man muss aber Dinge ausprobieren. Und wenn es dann trotzdem 6:1 steht, hast du wenigstens eine Idee, wie der auf der anderen Seite reagiert, wenn es 15:30 steht. Roger muss Rafas Niveau runterbringen. Und das hat er bis jetzt nicht gemacht.»

Ist Federer dünnhäutig gegenüber Leuten wie Ihnen, die ihn immer wieder offen kritisieren?

«Nein, eigentlich nicht. Vielleicht nahm er es mir einmal übel, als ich von einer amerikanischen Zeitung zitiert wurde, er hätte auf dem Platz ohne Herz gespielt. Doch das wurde aus dem Kontext gerissen. Ich meine, er ist der grösste Botschafter für diesen Sport. Grösser als jemals jemand für eine Sportart sein kann. Vielleicht mit Ausnahme von Tiger Woods fürs Golf. Was Roger fürs Tennis gemacht hat, gab es zuvor nicht. Ich sage damit, dass auch ich als Kommentator und Kritiker ihn bewundere. Auch ich will, dass er die French Open gewinnt und dabei Nadal schlägt. Bitte! Weil wenn er das tut, wird es das beste Spiel sein, das wir je gesehen haben und in den nächsten 20 Jahren sehen werden.»

Gegen wen würden Sie lieber spielen? Federer oder Nadal?

«Ich kann nur sagen, wie es die Spieler sehen. Die lieben es, gegen Federer zu spielen und hassen es, gegen Nadal zu spielen. Sie wissen, sie müssen kämpfen wie verrückt. Sie wissen, sie werden neun von zehn Mal verlieren, sie wissen, jetzt scheucht er mich hin und her. Der macht das mit denen 20 Minuten, bis sie denken: Ach, vergiss es doch! Bei Roger ist es anders. Der schickt wunderbare Slices übers Netz, ein halbes Dutzend Vorhandwinner, einhändige Rückhand-Passierbälle der Linie entlang. Und die denken: Wow! Wow! Wow! Das macht so viel Spass! Ich bin hier mit Roger Federer, der versohlt mir jetzt den Arsch. Aber Roger macht denen keinen Eindruck durch sein Auftreten, es ist nett mit ihm. Die sagen, es sei unglaublich gewesen, mit ihm zu spielen. Federer verängstigt sie nicht mit seinem Gehabe.»

Er hat das auch nicht nötig.

«Richtig, aber weil er es nicht nötig hat, hat er auch härtere Matches, als sie Nadal hat. Mental macht Nadal es richtig. Er gewinnt seine Matches oft schon in der Kabine. Und sonst kauft er denen nach 20 Minuten den Schneid ab. Spätestens aber nach einer Stunde. Aber Roger verängstigt niemanden. Er geniesst es, lächelt, sagt, wenns hoch kommt, vielleicht einmal „Come on!“. Berdych war ja so relaxt, als er reinkam. Der dachte, das wird der grösste Tag in meinem Leben. Das hätte er gegen Nadal nicht gedacht.»

Nadal hat noch einen grossen Vorteil. Er spielt mit der linken Hand. Wenn ich jetzt ein dreijähriges Kind hätte, sollte ich ihm den Schläger in die linke Hand drücken und sagen, so, jetzt üben wir Topspin?

«Nein, dafür sollte man ins Gefängnis gesteckt werden. Natürlich darf man ein Kind zu nichts zwingen. Das sollte alles aus freiem Willen kommen. Fragen Sie mich, ob es ein Vorteil wäre? Absolut. Die Antwort ist ja. Als Linkshänder hat man einen riesigen Vorteil. Neun von zehn Tennisspieler sind Rechtshänder. Man hat also nicht dieselbe Erfahrung mit Linkshändern. So wie Nadal kann man spielen lernen. Ob ich einem jungen Spieler raten würde, Federer zu kopieren? Nein, das ist viel zu kompliziert. Es schaut einfach aus. Aber damit man das so aussehen lassen kann, braucht man einen wahnsinnigen Instinkt. Und dann kommt die ganze Arbeit dazu, die er gemacht hat. Von den Naturtalenten ist er zudem mental mit Abstand der Stärkste. Normalerweise sind die im Kopf eher schwach.»

Kann man diese mentale Stärke auch wieder verlieren?

«Roger weiss, wie es ist, unsicher zu sein. Er war das bei den Junioren. Und er wird das irgendwann vielleicht wieder sein. Vielleicht wird er seinen mentalen Vorteil verlieren. Vielleicht an einem Tag, an dem er das Gefühl hat, ein Tennisspiel zu gewinnen sei nicht das Wichtigste im Leben. Das ist ein grauenhaftes Gefühl. Dann ist es vorbei. Hewitt? Vorbei. Genau deswegen.»

Hatten Sie je das Gefühl, Federer habe genug vom Tennis?

«Jetzt wieder weniger. Aber im vergangenen Jahr dachte ich manchmal, der spielt nur noch für die Geschichtsbücher und lebt nicht im Moment. Es sah so aus, als müsse er das tun, aber grundsätzlich gehe es darum, einfach noch einen Grand-Slam hinzuzufügen. Aber hier sieht es wieder ganz anders aus. Er scheint das Tennis zu geniessen. Ein Beispiel: Wenn der Punkt manchmal schon vorüber ist, nimmt er sich doch oft den Ball und spielt ihn im hohen Bogen dem Ballkind auf der anderen Seite zu. Und dies so genau, dass sich dieses oft gar nicht bewegen muss. Das ist so faszinierend. Ich hab ihn gefragt, warum er das mache. Er sagte mir, weil er es einfach liebe, einen Tennisball fliegen zu sehen.»

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