Rafael Nadal: Milchgesicht mit Killerinstinkt

Das Phänomen Nadal: Auf dem Tenniscourt tritt das Kraftpaket aus Mallorca auf wie ein Sandsturm, der über alle und alles hinwegfegt. Abseits des Platzes wirkt er scheu, ja geradezu ängstlich.

  • Publiziert: 04.05.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Sebastián Fest
play Logische Konsequenz des Nadal-Jahres: Er triumphiert im Finale von Wimbledon 2008 über den bisherigen Dominator auf Rasen, Roger Federer. (Keystone)

Acapulco, 27. Februar 2005
«Zamora! –Zamorita!» Es ist zwei Uhr in der Früh. Die jungen Männer der mexikanischen Oberschicht demütigen sich selbst. Sie verrenken sich. Sie schwitzen und kämpfen, um Einlass in den Club zu bekommen. Der Türsteher, Zamora, mit seinem bronzefarbenen Gesicht, schaut durch die Reihen, und geniesst es, die blonden Jungs leiden zu lassen. «Zamorita», wie sie ihn liebevoll nennen, entscheidet mit seinem Daumen, wer in Acapulcos angesagteste Disko rein darf.

Auf einmal huscht ein Lächeln über sein bis dahin regloses Gesicht. Eine Gruppe von vielleicht zehn Personen, ebenso adrett gekleidet wie die Mexikaner, übersteigt das Seil und steuert direkt auf den Eingang zu. Unter ihnen ein kräftiger Bursche mit Kindergesicht und blau-weiss gestreiftem, viel zu grossem Hemd: Es ist Rafael Nadal, der hier seinen zweiten Titel innerhalb von zwei Wochen feiern will. Keiner ausser Türsteher Zamorita nimmt Notiz vom19-jährigen Spanier.

Shanghai, November 2005
Zwischen der Episode mit Zamorita und Shi-Ting, die dasteht und gefällig lächelt, liegen neun gewonnene Turniere. Shi-Ting ist eines der Mädchen, das in den Katakomben des Qi-Zhong-Tenniscenters den Weg in die Presseräume weist, die alle aussehen wie Suiten in einem Nobelhotel.

Rafael Nadal muss an diesem kühlen Nachmittag alle Suiten betreten. Im Unterschied zu Acapulco, wo sie ihn in der Disko nicht erkannt haben, gibt es in Shanghai niemanden, der nicht weiss, wer Nadal ist. Schon gar nicht an einem Tag wie diesem: Sein Fuss ist verletzt, er wird das Turnier nicht spielen können. Am Morgen hatte bereits Andre Agassi abgesagt. Aberwährend sich Agassi still und heimlich davon schlich, bestreitet Nadal einen Medienmarathon. Spricht mit Fans. Erklärt, warum er nicht spielen kann. Für Chinesen ist das entscheidend. Agassi hat an diesem Tag viele Freunde in China verloren.

Nadal, der das Jahr 2005 auf Platz 50 der Weltrangliste begonnen hatte und es auf Rang 2 beendete, der elf Turniere gewann, und der sich wahrscheinlich nie mehr dieses viel zu grosse, blau-weisse Hemd anziehen würde, hat in Shanghai gewonnen, ohne überhaupt gespielt zu haben.

Miami, März 2006
Nadals fluorgelbes Shirt blendet fast die Augen unter der Mittagshitze von Miami. Es klebt am Körper und gibt den imposanten Bizeps frei. Aber ist das wirklich Nadal?

Irgendetwas stimmt nicht: Nadal liegt hinten. Carlos Moya, sein spanischer Landsmann, Freund und Vorbild, haut ihm die Bälle mit der Vorhand um die Ohren. Nadal wirkt wie abgelöscht. Gegen diesen Gegner, den er so bewundert und der ihm früher soviel geholfen hat. Er verliert, und muss nun erklären, warum er unterlegen ist.

Im Presseraum, mit gesenktem Kopf und leicht fröstelnd, weil der Saal so stark herunter gekühlt ist, sagt er: «Es war für mich eine Partie wie jede andere. Nichts Spezielles. Carlos ist mein bester Freund auf der Tour.» Nadal spricht nicht über die Fussverletzung, die er sich zwei Wochen zuvor in Indian Wells zugezogen hat, obwohl vorhin auf dem Platz offensichtlich war, dass er nicht in Bestform spielte. Lieber spricht er über das, was kommt: «Ich werde mich jetzt auf die Sandplatzsaison und das Turnier in Monte Carlo vorbereiten», sagt er. «Und zwar mit all meinen sechs Sinnen.»Neben ihm sitzt Benito Perez Barbadillo von der ATP-Medienstelle und kippt fast vom Stuhl. «Was hast du gesagt: Mit wie vielen Sinnen willst du dich vorbereiten?» –«Ach», antwortet Nadal, «gibt es etwa nur fünf? Okay, ich werde sechs trainieren müssen, denn die brauche ich in diesem Jahr.»

Miami, ein Tag später
Nadal ist ausser sich. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht, die bis fast um sechs Uhrfrüh gedauert hat, ist das Hotelzimmer eineinziges Chaos. Daran ist er sich zwar gewöhnt, doch an diesem Morgen kann er zwischen Schlägern, Shirts und Socken seinen Pass nicht finden. In weniger als zwei Stunden startet der Flug nach Madrid.

Unten in der Lobby wird auch sein Pressechef langsam nervös. Ein Interview mit dem nordamerikanischen«Tennis Magazine» hätte vor einer Stunde stattfinden sollen, und ein Deutscher Journalist will Nadal als Kolumnisten für die Fussball-WM2006 gewinnen.

Während des Turniers entdecken die deutschen Zeitungsleser eine ganz neue Facette: den Fussball-Experten Nadal. Das kommt nicht von ungefähr. Sein Onkel, Miguel Angel Nadal, stand früher für Barcelona und Spaniens Nationalmannschaft im Einsatz. Und natürlich kann auch Rafa gut mit dem grossen Ball umgehen. Doch jetzt muss der Reisepass her. Rafa schaut drein, als müsste er gleich gegen den Matchverlust aufschlagen. Zugekniffene Augen, schmale Lippen. Endlich! Da ist das verfluchte Dokument. Die Anspannung weicht. Zum Vorschein kommt: der andere Nadal. Der nervöse, ängstliche, der scheue Nadal, der während des Interviews den Blick auf den Boden senkt.

Wer ihn so sieht, weiss, weshalb Nadal das Angebot des «People»-Magazins ausgeschlagen hat. Die amerikanische Lifestyle-Postille wollte ihn als einen der 50 attraktivsten Männern der Welt porträtieren. Er fühle sich zu jung dafür, hatte er Bekannten anvertraut. Er sei noch kein Mann. Er wolle Tennis spielen. Überhaupt ist zu sagen, dass Nadal ein feines Gespür dafür hat, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentieren muss.

Vielleicht hat dies mit seinem unbedingten Siegeswillen zu tun. Menschen, die ihn kennen, sagen, dass Rafa nicht einmal beim Kartenspielen verlieren kann. Nadal war stets klar, dass er als Nummer1 der Welt auch neben dem Court perfekt sein muss. Das sportliche Ziel hat er am 19. August 2008 erreicht. An den Auftritten neben dem Spielfeld arbeitet er noch. Doch er wird auch dort immer besser.

Nach vier Siegen in Roland Garros und einem Titel in Wimbledon, spätestens aber seit seinem Sieg in diesem Jahr in Melbourne ist er derjenige, der das Undenkbare geschafft hat: Roger Federer zu entthronen. Nadal hat Federer zu Tränen gezwungen und ihn dermassen verunsichert, dass der Schweizer neuerdings Rackets zertrümmert.

So kämpferisch und martialisch Nadal auf dem Platz erscheinen mag, wenn er die eigenen Punkte mit grossen Gesten zelebriert, es gibt niemanden, der ihn je einen Schläger hätte zertrümmern sehen. Oder ihn jemals unflätig hätte reden hören. Das mag an seiner Kindheit in Manacor liegen, einem unscheinbaren Ort in Mallorcas Landesinneren, der eher an ein preussisches Dorf als an eine spanische Kleinstadterinnert. Die Kinder lernen dort Disziplin und Strenge, und dass es richtig ist, Danke zu sagen. Nadal bedankt sich den ganzen Tag bei allen möglichen Leuten. Sogar beiden Ballkindern. Abgesehen von der Erziehung gilt es aber noch etwas anderes zu berücksichtigen: In Spanien gibt es eigentlich nur Fussball. Nur zwei spanische Sportler können in der Gunst des Publikums mit den Fussballern mithalten: Nadal und Formel-1-Ass Fernando Alfonso. Schnell ist Nadal klar geworden, dass es von Vorteil ist, den wohlerzogenen, netten Jungen von nebenan zu geben und Danke zu sagen. Und so ziemlich genau das Gegenteil darzustellen von dem, was der verzogene Autorennfahrer repräsentiert.

Barcelona, April 2006
Im Klubhaus des königlichen Tennisklubs in Barcelona kocht die Luft. Für die katalanische Oberschicht ist es eine der wichtigsten Wochen im Jahr. Das Turnier auf Sand hat Tradition. Das Preisgeld beträgt inzwischen über eine Million Dollar. In den Lounges wird zwischen Brötchen, die mit Tomaten und Knoblauch bestrichen sind, über Tennis und Fussball gefachsimpelt.

Vor einem Jahr hatte sich Rafa einer jungen Frau, die nach den Spielen Autogramme von allen Athleten holte, ganz höflich vorgestellt. «Hallo, ich bin Rafael Nadal», hatte er verlegen gehaucht, als er seinen Namen hinkritzelte. Das braucht er 2006 nicht mehr zu tun. Alle kennen ihn. Doch an diesem Nachmittagwirkt Nadal müde.

Er leidet. Im Viertelfinal steht ihm Jarkko Nieminen gegenüber. Der Finne hat die schnelleren Beine und die härteren Schläge. Nieminen führt 6:4 und4:1 und ist drauf und dran, den Zuschauern den Nachmittag zu verderben. «Ich hole dieses Spiel», feuert sich Nadal mit seinem mallorquinischen Akzent immer und immer wieder an. Fünf Tage zuvor hatte er Federer in Monte Carlo geschlagen. Jetzt liegt er gegen einen Namenlosen zurück. Irgendwie gewinnt Nadal den zweiten Satz. Aber im dritten liegt er bereits wieder 1:3 hinten. Nadal kämpft sich zurück wie ein Besessener. «Ich hol mir dieses Spiel», knirrscht er nach einem verlorenen Punkt. «Ich hol mir dieses Spiel», brüllt er nach einem dieser Diagonalschläge, die praktisch parallel zur Netzkante wegspringen, und die nur er spielen kann. Er holt sich das Spiel. Und auch das nächste. Nadal gewinnt das Match.

Nach der Partie ist keine Verbissenheit mehr da. Nadal, scheu wie immer, sitzt vorne. Die Journalisten fragen ihn, ob er Björn Borgs Rekord brechen wird. Borg hat 46 Mal hintereinander auf Sand gewonnen. Guillermo Vilas, der Argentinier, sogar noch acht Mal mehr. Nadal gibt nicht recht Antwort. Er amüsiert sich lieber über sein schlechtes Englisch. Er entschuldigt sich dafür, dass er Shakespeares Grammatik nicht beherrscht. Doch wenn Nadal Spanisch spricht, wird seine Obsession schnell klar: Er könnte stundenlang über Zahlen, Punkte und das ATP Ranking reden.

In seinem Kopf hat er jedes Resultat gespeichert. Auch diejenigen seiner Rivalen im Kampf um die Nummer 1. Ohne auf ein Papier zu schauen, kann er alle Partien nennen, die er zwischen 2005 und 2008 auf Sand gespielt hat. Und am Abend, wenn er ein Spiel gewonnen hat, analysiert er den Gegner der nächsten Runde so akribisch, dass ihn sein Trainer, Onkel Toni Nadal, gelegentlich drängen muss, doch noch ein paar Stunden schlafen zu gehen.

Zahlen, Punkte, das Ranking. Sie sind Nadals Leidenschaft. «Mit den Punkten, die ich 2005 gewonnen habe, wäre ich in jedem anderen Jahr die Nummer 1 gewesen,» hat er einmal ausgerechnet. «Mein Problem ist, dass ich Federer vor mir habe. Er ist der Beste aller Zeiten.»

Hamburg, Mai 2007
«Das Gute ist, dass ich jetzt endlich weiss, wie man gegen Rafa auf Sand spielen muss.» Roger Federer lacht an diesem Wochenende in Hamburg. Und sein Lachen verrät, dass er wirklich glaubt, was er gerade gesagt hat. Federer hat Nadal im Endspiel 2:6, 6:2 und6:0 vom Platz gefegt und scheint auf dem besten Weg zum ersten Titel in Roland Garros.

Doch Nadal ist an diesem Nachmittag ausgelaugt. Nadal ist leer. In Paris wird er wieder auf der Höhe seines Könnens sein. In Hamburg, im Mai 2007, gewinnt Federer letztmals gegen Nadal auf Sand. Sieben der acht folgenden Partien verliert der Schweizer gegen den Emporkömmling aus Mallorca. Den Rekord von Vilas hat Nadal zu dieser Zeit schon längstens hinter sich gelassen. Doch Nadal will die Nummer 1 werden. Er will in Wimbledon triumphieren. Er will alles gewinnen.

London, Juli 2008
Die Sonne ist längst hinter dem Stadion untergegangen. Auch auf Federers Gesicht liegt ein Schatten. Der Traum von sechs aufeinanderfolgenden Wimbledon-Titeln ist ausgeträumt.

Nadal hat King Roger bezwungen, in einer Partie, von der John McEnroe sagt, es sei die beste aller Zeiten gewesen. Der Spanier gewinnt in diesem Sommer alles – auch Olympia. Er ist die Nummer 1. Natürlich gibt es auch in seinem Spiel Mängel, doch Nadal nimmt sie einfach nicht zur Kenntnis. Er ist so besessen vom Siegen, dass er gar nichts anderes kann als gewinnen.

Melbourne, Januar 2009
«Natürlich wird der Rekord von Sampras bald übertroffen», sagt Mats Wilander nachdem Final des Australian Open. Wieder hat Nadal in einem denkwürdigen Match gegen Roger Federer gesiegt. «Nadal wird den Rekord von Sampras brechen.»

Trotz Gelächter im Saal, denkt manch einer darüber nach, ob Wilander vielleicht Recht haben könnte. Auf jeden Fall ist aus dem jungen Haudrauf aus Mallorca in kürzester Zeit ein absoluter Champion gewachsen. Einer, der seine Ziele mit einer Entschlossenheit ansteuert, wie man sie bisher nur von Federer kannte.

Auch sein Auftritt ist reifer geworden: Die Hosen sind kurz, die Shirts haben jetzt Ärmel. Aus dem Milchgesicht ist ein Mann geworden: die Nummer 1 im Welttennis.

Doch wer ist er eigentlich, dieser Rafael Nadal? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Selbst wenn man Nadal während Jahren auf Schritt und Tritt verfolgt, ist er schwer zu fassen. Es fängt ja schon bei seinem Spiel an: Eigentlich ist der 22-jährige Mallorquiner Rechtshänder. Den Schläger hält er aber in der linken Hand. Das war eine Idee von Onkel Toni. Der war der Ansicht, Rafas beidhändige Rückhand könnte so noch effektvoller eingesetzt werden.

Dann ist da der extrovertierte Sportler, der neben dem Court ein bodenständiger Familienmensch ist und sich immer wieder nach Manacor zurückzieht. Sein Privatleben schirmt er ab. Das Scheinwerferlicht behagt ihm nur auf dem Tennisplatz. Lange Zeit wusste selbst in Spanien kaum jemand, ob Nadal eine Freundin hatte. Auch heute noch ist ihr Name wenig bekannt. Maria Francisca Xisca Perello heisst das Mädchen, das er schon seit seiner Schulzeit in Manacor kennt. Was ihm am besten gefalle an ihr? Dass sie sich nie für Rafa den Superstar interessiert habe, pflegt er über seine Jugendliebe zu sagen.

Je berühmter er wurde, erzählt Rafa, desto mehr habe sich Maria Francisca zurückgezogen. Schliesslich habe er sie trotzdem für sich gewinnen können. Er kann einfach nicht verlieren, dieser Rafael Nadal. (Übersetzung: Martin Arn)

Top 3

1 Roger sauer über neue Regeln Pfeift Federer auf Olympia 2016?bullet
2 Schwieriges Los in Paris Federer droht Halbfinal-Duell mit Djokovicbullet
3 Roland Garros Roger trainiert schon in Paris – Djokovic wird Japanerbullet

Tennis