Exklusiv «Plötzlich bist du die Zielscheibe für alle»

  • Publiziert: 29.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Christian Bürge und Marcel Hauck aus Paris

Vor einem Jahr gewann Ana Ivanovic Paris und wurde die Weltnummer 1. Heute kämpft sie um den Anschluss an die absolute Spitze.

BLICK Ana Ivanovic, vor einem Jahr gelang Ihnen hier in Paris grosse Durchbruch. Sie gewannen Roland Garros, wurden die Weltnummer 1. Helfen die guten Gefühle, um zum Erfolg zurückzukehren?
Natürlich sind die schönsten Erinnerungen sofort wieder da. Es waren die zwei fantastischsten Wochen meiner Karriere. Man erinnert sich an jedes Detail. Ich hatte ein sehr gutes Jahr bis dahin. Erst was nach Paris kam, war frustrierend. Denn bis zu diesem Zeitpunkt ging meine Karriere nur nach oben. Dann kamen plötzlich diese Rückschläge. Und es war schwierig, damit umzugehen.

Was taten Sie?
Ich lernte viel über mich selbst. Vor allem geduldiger zu sein. In der Vergangenheit reichte harte Arbeit und ich sah das Resultat sofort. Diesmal nicht. Ich arbeitete, fokussierter und entschlossener denn je, doch die Resultate kamen nicht. Als ich dieses Jahr bei den Australian Open dann früh ausschied, war das sehr hart. Ich wollte in den Final. Ich hatte ein Top-Vorbereitung und dachte, ich sei bereit.

Drückten Sie die falschen Knöpfe?
Ich realisierte einfach, dass ich viel zu oft ans Tennis dachte. Die ganze Zeit. Es war schwierig für mich, abzuschalten, den Schalter zu finden. Immer wenn ich den Platz verliess, dachte ich an Tennis. Plötzlich realisierte, dass Ablenkung vom Tennis den Unterschied ausmachen könnte.

Zum Beispiel?
In Australien wars das Surfen. Aber es ist eigentlich egal was. Andere Sportarten, irgendwas. Etwas friedliches, ruhiges, was die Gedanken vom Tennis weg lenkt.

Novak Djokovic sagte uns, Sie seien stets so fokussiert, dass es schwierig sei, Sie zum Essen auszuführen.
Ich bin fokussiert. Das hat mich schliesslich auch soweit gebracht, zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Vor meinen Matches habe ich immer gerne ein frühes Abendessen mit meinen Coaches, spare Energie, gehe ins Zimmer, lese ein Buch. Zwischendurch muss man das aber auch vergessen können. Muss man Spass haben, mit Freunden ausgehen. Ich versuche, ausgewogen zu sein. Früher hatte ich Leute um mich herum, die mir einredeten, ich müsse immer in dieser Tennis-Blase drinbleiben. Jetzt habe ich diese andere Seite wieder entdeckt. Und es hilft. Ich bin auf dem Platz wieder motivierter.

Wer sind Ihre Freunde?
Hier im Tenniszirkus gibt es eigentlich keine. Denn unter den Mädchen gibt es keine richtigen Freundschaften. Aber meine Familie ist hier. Also verbringe ich mehr Zeit mit ihnen. Ich sehe sie ja nicht so oft.
Das Team ist aber während 12 Monaten um sie herum. Ist es nicht langweilig, ständig dieselben Gesichter zu sehen?
Natürlich. Manchmal sage ich: Geht bitte, lasst mich allein! Man muss sich das mal vorstellen. Man reist rund um die Welt. Und beim Frühstück, Mittagessen und Abendessen sitzen dir immer die gleichen Leute gegenüber. Das strapaziert einen dann doch. Und man möchte es gern ändern. Andererseits ist man auch froh um sie, denn man hat nicht viele Freunde auf der Tour. Und meine Freunde von zuhause kann ich ja nicht mitnehmen.

Sie sind in Paris. Eine Frau wie Sie wird sich sicher auch beim Shoppen ablenken.
Ich spar’ mir das für das Ende des Turniers auf. Weil es hier so viele gute Läden gibt. Und ich kenne mich. Ich kann nicht einfach eine Stunde beim Shoppen verbringen. Meistens brauche ich mehr als einen halben Tag. Ich muss aber ein wenig Energie sparen. Und das mache ich beim Shoppen nicht.

Haben Sie sich vergangenes Jahr mit einem Geschenk belohnt?
Ich habe mir Ohrringe gekauft. Letztes Jahr wars für mich ja am Samstag zu Ende. Aber am Sonntag waren die meisten Läden geschlossen. Ich sagte: Nicht mit mir. Jetzt verlängern wir. Das haben wir dann auch gemacht.

Der Titel hat aber auch seinen Tribut gefordert.
Es war eine sehr intensive Zeit. Ich hatte die ganze Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ich wollte alles aufsaugen, machte auch alles mit den Medien mit. Danach war ich total erschöpft. Aber es war mein erster Grand-Slam-Titel. Ich bereue nichts.

Wie sehr hat das Rampenlicht geschadet?
Irgendwie verdient man sich ja die Aufmerksamkeit. Man verfolgt ein Ziel mit allem, was man hat. Und irgendwann bist du da. Du bist an der Spitze. Und niemand ist mehr vor dir. Du hast nur noch Leute hinter dir. Du bist die Zielscheibe für alle. Ich brauchte Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Weil ich Angst hatte, trainierte ich zu viel. Ich war übertrainiert. Und darum kamen wohl auch die Verletzungen.

Im Winter trennten Sie sich nach kurzer Zeit von Ihrem damaligen Freund Fernando Verdasco. Hat Sie das mitgenommen?
Ich versuche, das nicht allzu sehr miteinander zu vermischen. In gewisser Weise ist es natürlich schwierig, weil wir so sehr im Rampenlicht stehen und die Leute alles über unser Privatleben wissen wollen. In Zukunft werde ich mich in dieser Hinsicht aber noch mehr abgrenzen. Privates sollte privat bleiben. Und mein Privatleben sollte auch nicht mein Tennis beeinflussen. Denn Tennis hat klar Priorität. Es ist das, was ich liebe. Ich habe grosse Ziele. Natürlich kann ich meine Gefühlswelt nicht völlig ausschliessen. Jeder braucht das. Es ist wichtig, eine Balance zu haben. Für mich war diese Freundschaft eben auch etwas Neues. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches. Aber ich werde daraus lernen. Eines ist jedoch klar: Ich gewinne oder verliere keine Matches wegen einer Beziehung.

Verändert es gar nichts?
Sicher kann dich ein guter Partner motivieren. Vielleicht kann man den Erfolg zu zweit auch mehr geniessen, gut möglich. Ich brauche einfach jemanden, der mich versteht und der mich unterstützt. Im Prinzip denke ich schon, dass es wichtig ist, jemanden zu haben. Um ein erfülltes Leben zu haben, relaxter zu sein, befriedigt zu sein.

Aber eine Beziehung mit einem Spieler scheint nicht einfach zu sein.
Ja, ganz klar. Aber es ist vergessen, es liegt hinter mir. Ich schaue vorwärts.

Sie bezahlen den Preis der Berühmtheit.
Vielleicht. Aber wir sind gegenüber Schauspielern oder Leuten aus dem Musikbusiness immer noch im Vorteil. Es ist ganz klar. Niemand will ein Paparazzi-Bild von sich in irgend einer Zeitung sehen.

Gut ausgesehen hats.
Oh, danke! (lacht) Nein, aber ernsthaft. Man ist einfach ausgestellt. Ich bin eine scheue Person. Ich mag diese Dinge nicht in den Medien sehen. Ich fühl’ mich ja nicht mal wohl, mit meinen Eltern über meine Beziehungen zu reden.

Die negative Seite der glitzernden Tenniswelt hat auch Jelena Dokic beschrieben, die von ihrem Vater unterdrückt wurde. Haben Sie mit ihr darüber geredet?
Das ist natürlich ein heikles Thema und ich tue mich schwer, mit jemandem solche Dinge anzusprechen. Es ist traurig, keine Frage. Unglücklicherweise gibt es viele solche Fälle im Tennis. Ich realisiere jetzt, wie glücklich ich mit meinen Eltern sein kann, die mich nur unterstützt haben. Dafür kann man Gott danken. Wenn solche Dinge dann in der Öffentlichkeit geschehen, ist es umso peinlicher. Jeder hat seine Meinung, alle urteilen.

Wurden Sie nie unter Druck gesetzt?
Nein, nie. Sie haben mich nie zu was gezwungen. Bei mir wars ja umgekehrt. Ich hab die Eltern genötigt, mich in die Tennisschule einzuschreiben.

Gibt es viele Negativ-Beispiele auf der Tour?
Auf der Tour, vor allem aber in gewissen Klubs. Ich sehe diese überehrgeizigen Eltern oft, wie sie ihre Kinder beim Training anstarren. Ich merke nur schon in der Art, wie sie mit ihnen sprechen, wenn etwas nicht gut ist. Ich kann oft sagen, dass ein Kind vielleicht im Moment talentiert ist, aber später zerstört sein wird. Kinder hören auf ihre Eltern bis in ein gewisses Alter. Wenn sie aber in die Pubertät kommen, wollen sie selbst entscheiden. Dann wollen sie etwas tun, was sie geniessen. Es ist traurig, dass so viele Eltern ihre Träume durch ihre Kinder ausleben wollen.

Wie gelang es Jelena, wieder zurückzukommen?
Schwierig zu sagen. Es ist jedenfalls toll. Ich hoffe, sie kann wieder Grosses erreichen, weil sie eine so talentierte Spielerin ist.

Dem Frauentennis würde es generell gut tun. Das Niveau wird ja immer wieder heftig kritisiert. Was fehlt?
Das grösste Problem beim Frauentennis ist vielleicht, dass die Spitzenspielerinnen nicht so konstant sind wie die Männer. Es gibt viele gute Spielerinnen und immer wieder tolle Matches.

Mats Wilander hat gesagt, in den letzten drei oder vier Jahren hätte er auf der Damentour nichts Gutes gesehen. Was entgegnen Sie?
Zum Glück lese ich diese Dinge nicht. Natürlich haben wir es gegen die Männer im Moment schwer. Die haben Rafa, Roger, Novak und Murray. Alles konstante Spitzenspieler. Und vor allem sind es verschiedene Charaktere. Das ist ein Riesenvorteil und toll fürs Männertennis. Wir warten noch auf so eine Konstellation. Aber wir haben immerhin die Williams-Schwestern, Scharapowa ist wieder da, Safina, dann gibt es uns, die Serbinnen. Die Ausgangslage ist sehr interessant.

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