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Andy Murray gibt eine Pressekonferenz in Wimbledon. Die Briten sind aus dem Häuschen. (Reuters)
Das erste mal seit 73 Jahren, das erste Mal seit Fred Perry den letzten seiner drei Titel in Wimbledon gewann, haben die Briten einen potentiellen Champion in ihren Reihen.
Lange war er ein dünner Teenager, der im Schatten Tim Henmans um Anerkennung kämpfen musste. Jetzt ist er die Weltnummer 3 und wird von den Buchmachern hinter Federer (Wettquote 1,12!) als zweiter Kandidat auf den Titel gehandelt (Quote 3,5).
Wenn Murray auf den Platz schreitet, dann ist er sicher, dass er gewinnen kann. Er hat Rafael Nadal zweimal bezwungen, Roger Federer die letzten vier Mal. Nach seinem Sieg im Queens Club hat er selbstbewusst formuliert: «Ich habe in letzter Zeit Federer in Panik versetzt. Ich denke, er ist meistens sehr frustriert, wenn er gegen mich spielt. Das zeigt, dass mein Stil und meine Taktik gegen ihn funktionieren.»
Doch Wimbledon ist anders, vor allem für die Briten. Während ihnen zu den Turnieren rund um die Welt rund ein Dutzend Sportjournalisten folgen, schickt während Wimbledon jedes Käseblatt und jedes Lokalradio aus der hintersten Ecke des Landes einen Journalisten. Insgesamt eine Armada von Leuten, die weder Murray noch den Sport kennen. Doch alle haben den gleichen Auftrag: etwas Exklusives, Geheimes über den Jungstar zu finden.
Im Gegensatz zum Spiessrutenlauf zwischen den journalistischen Spürhunden ist ein Duell auf dem Centre Court ein Spaziergang.
Doch Murray ist ein ruhiger Typ. Er bietet keine Exzesse. Spass haben beim Ausgehen heisst für ihn Kino oder ein Besuch beim Japaner. Alkohol versuchte er zweimal als Teenager. Er mochte den Geschmack nicht – Thema erledigt. Er hat gleich drei weibliche Favoritinnen in seinem Leben.
Aber die eine ist seine Mutter, die zweite Maggie, die Hündin. Und die dritte, seine Freundin Kim Sears, hat er seit drei Jahren. Wenn er mit ihr fotografiert wird, benimmt er sich wie ein Sonntagsschüler. Und wenn er ein Turnier gewonnen hat, küsst er seine Mutter – wie zuletzt im Queens Club – und schüttelt seiner Freundin die Hand.
«Das letzte Mal, als ich sie küsste, hatte sie nachher fünf Tage die Fotografen vor dem Haus. Also beglücke ich halt meine Mutter», sagt Murray trocken und mit einem Grinsen. Der 22-Jährige hat nicht nur sein Tennis im Griff, sondern immer mehr auch die Medien.
Die Fettnäpfchen lässt der Schotte mittlerweile aus. Seine vor ein paar Jahren gemachte Aussage zum Fussball («Ich bin für Schottland und für jedes Team, das gegen England spielt.») ringt ihm heute nur noch ein Lächeln ab.
Er ist zwar ein stolzer Schotte und ist beleidigt, wenn ihn einer versehentlich Engländer nennt. Aber er schweigt zu diesem Thema, um keine unnötige Aufregung entstehen zu lassen. Die Engländer stossen sich zwar an seinem Nationalstolz, aber zusammen ist man schliesslich britisch – und man will einen Sieger.
Murray ist es wohl in seiner Haut. Er kann sich gut ausdrücken, ist intelligent und hat einen scharfen Sinn für knochentrockenen Humor. Ihm ists auch wohl als Mitfavorit. Weil er sicher ist, einer der Fittesten zu sein, weil seine Masters-Titel ihm Selbstvertrauen gegeben haben und weil er die Fähigkeiten und die Erfahrung hat, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.
«Ich glaube daran, hier gewinnen zu können», sagt er. «Das dachte ich zwar schon letztes Jahr in Australien und Wimbledon. Aber ich war da noch nicht bereit. Jetzt kommt alles zusammen. Die Physis, der Kopf, mein Spiel.»
Murray ist die Ruhe selbst, das Auge des Sturms. Der ungeheure Druck der Medien lässt ihn ungerührt. An ihm scheint alles abzutropfen.
Wenn er dieses Jahr in Wimbledon nicht gewinnt, dann eben in New York oder Melbourne oder das nächste Jahr in Wimbledon. Mit 22 Jahren ist die Zeit auf seiner Seite. Es gibt noch einige Grand-Slams für ihn, und er weiss, dass er eines gewinnen kann. Das lässt einen Typen wie ihn ruhig schlafen – auch wenn die Welt rund um ihn durchdreht.
Alix Ramsay ist freie Journalistin. Sie begleitet Murray seit seinen Jugendjahren und ist selbst Schottin.