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Für den erfolgreichsten Tennisspieler der Geschichte ist nichts mehr wie zuvor. Der Moment des Glücks ist gleichzeitig ein Erdbeben in seinem Sportlerleben.
Bis anhin war Federer das Zentrum einer perfekten Maschinerie. Mit ihm und um ihn herum planen Leute ihren Tag. Vom Fitnesscoach über den Physio, den Manager und die Medienverantwortliche bis zum Trainer. Vor allem aber seine immer präsente Frau Mirka.
Die Firma Federer ist ein akribisch organisierter Mikrokosmos, in dem alles dem Chef untergeordnet und nichts dem Zufall überlassen wird. Federer hat alles im Griff. Sich, seine Mitarbeiter. Er pflegt seine Routine, schläft gerne aus. Gerade während eines Turniers zapft er seine Energie nur auf dem Platz an. Sonst will er seine Ruhe. Er isst, schaut fern. Mit einem Bewegungsradius à la Hakan Yakin. Er setzt seine Kräfte optimal ein. Überraschungen oder Änderungen im täglichen Fahrplan mag er nicht.
Doch genau dies wird ihm der Nachwuchs mit Sicherheit bescheren. Der Mann, der als Kontrollfreak gilt, hat nun gleich zwei unberechenbare Dinge in seinem Leben: seine Zwillinge.
Federer ist einer der wenigen Väter auf der Tour. Und dies kommt nicht von ungefähr. Der ATP-Zirkus verlangt von Januar bis November Reisen quer durch alle Zeitzonen. Für Federer sind es über 25 Flüge, über 100000 Meilen. Ein Leben aus dem Koffer. Er residiert zwar in Luxushotels, kann sich mit über 40 Millionen Franken Jahreseinkommen locker ein Kindermädchen leisten – was er im März andeutete. Aber die ständigen Ortswechsel sind trotz allem ermüdend.
Federer muss sich künftig im Spagat üben. Profi, Vater, Ehemann. Und Nerven wird er nicht nur im Tie-Break brauchen, sondern auch beim Schoppen-Intermezzo mitten in der Nacht. Zumindest, wenn er seine Familie immer dabeihaben will. Im Mai sagte er: «Ich denke schon, dass sie dabei sein werden. Aber wenn das Kind oder Mirka sich nicht wohl fühlen sollten, ist es klar, dass das Reisen nicht möglich ist. Wir werden zum Wohl des Kindes entscheiden.»
Die Veränderung des Lebens durch ein Kind haben vor ihm schon andere grosse Spieler erlebt. Mit unterschiedlichem Effekt. Andre Agassi etwa war zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes Jaden Gil bereits 31-jährig und die Nummer 2 der Welt. Er fiel in den darauffolgenden Monaten bis auf Rang 10 zurück, ehe er sich auf den Thron zurückarbeitete. Als sein zweites Kind Jaz Elle im Oktober 2003 zur Welt kam, war er die Nummer 4.
Lleyton Hewitt verlor nach der Geburt seiner Tochter Mia Rebecca jährlich rund 10 Plätze im Ranking, dies allerdings auch wegen Hüftproblemen. Mittlerweile hat er sich sportlich stabilisiert.
Boris Becker wiederum blieb nach der Geburt von Noah Gabriel konstant in den Top 10: «Während der Schwangerschaft habe ich kein einziges Turnier mehr gewonnen. Zwei Jahre nach der Geburt gewann ich nochmals ein Grand-Slam-Turnier, wurde nochmals stärker.»
Federer hat gegenüber seinen Vorgängern einen wichtigen Vorteil. Er ist der erfolgreichste Spieler der Geschichte, muss sich nicht unter Druck setzen. Er kann aus Freude am Tennis spielen. Ein Glück.
Trotzdem bleibt ein Fragezeichen. «Vielleicht fehlt mir nach der Geburt des Kindes der Biss», sagte er nach dem Sieg in Wimbledon. «Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ganz ausschliessen kann ich es nicht.»