Boris Becker vor dem Traum- und Tränenfinal «Einer wird nach dem Spiel sicher weinen»

In Wimbledon kommt es zum Traumfinal der Emotionen. Gewinnt Roger Federer, wird die Insel beben. Gewinnt Andy Murray, wird sie explodieren.

  • Publiziert: 08.07.2012
  • Von Cécile Klotzbach aus Wimbledon

Holt Federer heute die Nummer 1 zurück?»

Heute, 15 Uhr, Treffpunkt Centre Court im All England Club. Kein Platz wird leer bleiben. Und kein Auge trocken. Denn Federer und Murray werden auf ihrer Mission zur Unsterblichkeit über ihre Grenzen hinausgehen. Garantiert.

Grenzenlos ist aber auch der Druck, der auf beiden Hauptdarstellern in diesem filmreifen Tennisklassiker lastet. Hier Federer, dem die Zeit schwer wiegt, die ihm aus Sicht eines Profi-Spielers davonläuft. Mit 30 Jahren werden die Gelegenheiten seltener, die Chancen dafür immer preziöser. Die heutige kann ihn wieder zur Nummer 1 machen!

US-­Legende John McEnroe sagt: «Im Leis­tungssport ist 30 wie 40, es gibt so viel Stress für den Körper.» Die legitime Frage liegt in der Luft: Wenn sich King Roger nicht heute nochmal die Krone aufsetzt, wann dann?

Und da Murray. Dass er unter der Last, die seine Landsleute seit Jahren auf seine Schultern legen, nicht längst in die Knie ging, ist be­wundernswert. Grossbritannien lechzt seit über 70 Jahren (1936 siegte Fred Perry) nach einem Spieler, der diesem traditionsreichen Tennisland würdig ist. In Murray ward er gefunden – auch wenn er es als Schotte in diesem gespaltenen Land nicht immer einfach hat. Doch nun ist das Talent schon 25 und hat noch keinen Major-Titel. Zweimal erreichte er einen Final, wo der ­Bemitleidenswerte stets mental zusammenbrach. Übrigens gegen ­Federer.

18 000 Franken für ein Ticket!

«Endlich!», schreit es nun auf mehreren Titelseiten im englischen Blätterwald – der Schotte ist mit diesem Finaleinzug endgültig einer von ihnen geworden.

«Murray endet die vielen Jahre des Schmerzes», schreibt «Daily Mail» pathetisch und verabschiedet den unfrisierten Flegel von einst: «Ich wartete auf den Tobsuchtsanfall … Aber dies ist ein neuer Murray.» Andy sei fast schon ein Gentleman wie Tim Henman.

Ein Land flippt aus: Die Schlange der Optimis­tischen, die auf einen Eintritt ins Gelände hoffen, formiert sich schon am Vorabend. Der TV-Sender BBC erwartet über 12 Millionen Zuschauer (8,7 Mio. sahen den letzten Final Djokovic gegen Nadal).

Die Tickets werden auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen gehandelt: Die Rekordmarke soll bei umgerechnet 18 000 Franken liegen! Die spinnen, die Briten.

Und dann der royale Hype. Der Buckingham Palace lässt in einem Kommuniqué verlauten, die Queen habe die Matches von Murray verfolgt, könne aber «wegen eines gedrängten Wochenend-Programms in Schottland» nicht an die Church Road kommen. Als 1977 mit Virginia Wade hier die letzte britische Lady gewann, gab ihre Majestät dem Club noch die Ehre.

Prinz William muss «wegen wichtiger privater Verpflichtungen» ebenfalls passen. Immerhin wird dessen Gattin Kate, die Herzogin von Cambridge, in der Royal Box sitzen. Schliesslich versprach auch Premier David ­Cameron, er werde sich den Match live ansehen und veranlassen, dass die schottische Fahne über der Downing Street 10 weht.

Wem setzt der ganze Wirbel mehr zu – Federer oder Murray? «Ich kam vor 35 Jahren erstmals nach Wimbledon, und seit 20 Jahren kommentiere ich hier», sagt BBC-Reporter John McEnroe, «aber so etwas habe ich noch nie erlebt.» Sein Tipp: Der Schweizer siegt im 5. Satz 9:7.

Auch Federer unter Druck

Auch sein BBC-Kollege Boris Becker hält Federer für den Favoriten. «55 zu 45 Prozent. Aber wer auch gewinnt, es wird Tränen ­geben.»

Der Deutsche prophezeit, dass nicht nur Murray durch einen Sieg von einer Zentnerlast befreit wäre. «Roger ist weniger gelöst als in den Tagen, wo er die Welt regierte. Je älter man ist, desto mehr kämpft man mit den Nerven. Dieser Titel bedeutet so viel für ihn! Er würde es allen zeigen, die ihn schon ­abschreiben wollten.»

Und was sagen die Spieler selbst? Federer hält den Ball natürlich flach. Erinnert, dass er mit 16 Grand-Slam-Titeln nichts mehr zu beweisen hat.

Murray zelebriert, was er von seinem Coach Ivan Lendl gelernt hat. «Niemals zu high und niemals zu down sein.» Nach dem Halb­finalsieg über Jo-Wilfried Tsonga habe ihm der Tscheche nur gesagt: «Gut gemacht. Wann willst du am Samstag trainieren?»

So stoisch will der wortkarge Schotte, der 1996 an seiner Schule in Dunblane den Anschlag eines Amokläufers, der 16 Erstklässler und eine Lehrerin erschoss, überlebt hat, auch den heutigen Tag angehen. Dass er in seinem ersten Wimbledon-Final ausgerechnet auf Federer treffe, nehme den Druck von ihm weg.

Auch wenn dies zunächst wie Wunschdenken klingt – daran könnte was dran sein. Einerseits, weil Murray als Debütant dem Rasenkönig gegenübersteht. Andererseits weil die Engländer in diesem Traum- und Tränenfinal in einer «Win-win-Situation» stecken: Verliert Murray, gewinnt Federer – und der ist ja fast einer von ihnen.

Beliebteste Kommentare

  • Meier  Fritz
    Go Roger go! Die ganze Schweiz drückt Dir die Daumen!!!
    • 08.07.2012
    • 33
    • 2
  • Karin  Gsell , Marco Island , via Facebook
    Beide koennen wohl kaum gewinnen, immer schade! Mein Schweizer American heart schlaegt natuerlich ein bisschen mehr fuer Roger, fuer uns, gibts ein Tennis breakfast morning mit, wie immer es ausgeht, 2 Siegern! Alles gute von Marco Island. Ich freu mich auf einen super match, LG Karin.
    • 08.07.2012
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Alle Kommentare (6)

  • Sven  Twister
    Roger wird gewinnen!!! Gar keine Frage!
    Der Druck auf Murray wird viel zu groß sein, als dass er diesen standhalten könnte! Nach all den kritischen Abgesängen in den letzten Jahren, ist es nun an der Zeit, es den Kritikern zu zeigen.
    Go Roger, wir drücken Dir die Daumen! Du schaffst es!!!

    LG, Sven
    • 08.07.2012
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  • Meier  Fritz
    Go Roger go! Die ganze Schweiz drückt Dir die Daumen!!!
    • 08.07.2012
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  • e.  stoeby , Zürich
    Lets go Roger, Lets go!! Ich und die Schweiz drücken Dir die Daumen!!!
    • 08.07.2012
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  • Armin  Vogt , via Facebook
    Müssen wir uns das dümmliche Bobele-Geschwätz von diesem Selbstdarsteller nun bald jeden Tag zu Gemüte führen?
    • Thomas  Goetz
      Nein Sie müssen sich das Bobele-Geschätz nicht jeden Tag zu Gemüte führen. Schliesslich ahben Sie es selbst in der Hand, welche Artikel Sie lesen wollen und welche nicht. Doch wenn Sie einen Artikel lesen der von Bobele verfasst brauchen Sie sich nicht darüber beschweren.
      • 08.07.2012
      • als Kommentar auf Armin  Vogt
      • 20
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  • Karin  Gsell , Marco Island , via Facebook
    Beide koennen wohl kaum gewinnen, immer schade! Mein Schweizer American heart schlaegt natuerlich ein bisschen mehr fuer Roger, fuer uns, gibts ein Tennis breakfast morning mit, wie immer es ausgeht, 2 Siegern! Alles gute von Marco Island. Ich freu mich auf einen super match, LG Karin.
    • 08.07.2012
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Platz Name Land Punkte
1 Novak Djokovic SRB 12310
2 Andy Murray GBR 8670
3 Roger Federer SUI 8000
4 Rafael Nadal ESP 6895
5 David Ferrer ESP 6740
6 Tomas Berdych CZE 4700
7 Juan Martin Del Potro ARG 4320
8 Jo-Wilfried Tsonga FRA 3795
9 Richard Gasquet FRA 3090
10 Janko Tipsarevic SRB 2640
11 Stanislas Wawrinka SUI 2630

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