In Wimbledon kommt es zum Traumfinal der Emotionen. Gewinnt Roger Federer, wird die Insel beben. Gewinnt Andy Murray, wird sie explodieren.
Heute, 15 Uhr, Treffpunkt Centre Court im All England Club. Kein Platz wird leer bleiben. Und kein Auge trocken. Denn Federer und Murray werden auf ihrer Mission zur Unsterblichkeit über ihre Grenzen hinausgehen. Garantiert.
Grenzenlos ist aber auch der Druck, der auf beiden Hauptdarstellern in diesem filmreifen Tennisklassiker lastet. Hier Federer, dem die Zeit schwer wiegt, die ihm aus Sicht eines Profi-Spielers davonläuft. Mit 30 Jahren werden die Gelegenheiten seltener, die Chancen dafür immer preziöser. Die heutige kann ihn wieder zur Nummer 1 machen!
US-Legende John McEnroe sagt: «Im Leistungssport ist 30 wie 40, es gibt so viel Stress für den Körper.» Die legitime Frage liegt in der Luft: Wenn sich King Roger nicht heute nochmal die Krone aufsetzt, wann dann?
Und da Murray. Dass er unter der Last, die seine Landsleute seit Jahren auf seine Schultern legen, nicht längst in die Knie ging, ist bewundernswert. Grossbritannien lechzt seit über 70 Jahren (1936 siegte Fred Perry) nach einem Spieler, der diesem traditionsreichen Tennisland würdig ist. In Murray ward er gefunden – auch wenn er es als Schotte in diesem gespaltenen Land nicht immer einfach hat. Doch nun ist das Talent schon 25 und hat noch keinen Major-Titel. Zweimal erreichte er einen Final, wo der Bemitleidenswerte stets mental zusammenbrach. Übrigens gegen Federer.
«Endlich!», schreit es nun auf mehreren Titelseiten im englischen Blätterwald – der Schotte ist mit diesem Finaleinzug endgültig einer von ihnen geworden.
«Murray endet die vielen Jahre des Schmerzes», schreibt «Daily Mail» pathetisch und verabschiedet den unfrisierten Flegel von einst: «Ich wartete auf den Tobsuchtsanfall … Aber dies ist ein neuer Murray.» Andy sei fast schon ein Gentleman wie Tim Henman.
Ein Land flippt aus: Die Schlange der Optimistischen, die auf einen Eintritt ins Gelände hoffen, formiert sich schon am Vorabend. Der TV-Sender BBC erwartet über 12 Millionen Zuschauer (8,7 Mio. sahen den letzten Final Djokovic gegen Nadal).
Die Tickets werden auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen gehandelt: Die Rekordmarke soll bei umgerechnet 18 000 Franken liegen! Die spinnen, die Briten.
Und dann der royale Hype. Der Buckingham Palace lässt in einem Kommuniqué verlauten, die Queen habe die Matches von Murray verfolgt, könne aber «wegen eines gedrängten Wochenend-Programms in Schottland» nicht an die Church Road kommen. Als 1977 mit Virginia Wade hier die letzte britische Lady gewann, gab ihre Majestät dem Club noch die Ehre.
Prinz William muss «wegen wichtiger privater Verpflichtungen» ebenfalls passen. Immerhin wird dessen Gattin Kate, die Herzogin von Cambridge, in der Royal Box sitzen. Schliesslich versprach auch Premier David Cameron, er werde sich den Match live ansehen und veranlassen, dass die schottische Fahne über der Downing Street 10 weht.
Wem setzt der ganze Wirbel mehr zu – Federer oder Murray? «Ich kam vor 35 Jahren erstmals nach Wimbledon, und seit 20 Jahren kommentiere ich hier», sagt BBC-Reporter John McEnroe, «aber so etwas habe ich noch nie erlebt.» Sein Tipp: Der Schweizer siegt im 5. Satz 9:7.
Auch sein BBC-Kollege Boris Becker hält Federer für den Favoriten. «55 zu 45 Prozent. Aber wer auch gewinnt, es wird Tränen geben.»
Der Deutsche prophezeit, dass nicht nur Murray durch einen Sieg von einer Zentnerlast befreit wäre. «Roger ist weniger gelöst als in den Tagen, wo er die Welt regierte. Je älter man ist, desto mehr kämpft man mit den Nerven. Dieser Titel bedeutet so viel für ihn! Er würde es allen zeigen, die ihn schon abschreiben wollten.»
Und was sagen die Spieler selbst? Federer hält den Ball natürlich flach. Erinnert, dass er mit 16 Grand-Slam-Titeln nichts mehr zu beweisen hat.
Murray zelebriert, was er von seinem Coach Ivan Lendl gelernt hat. «Niemals zu high und niemals zu down sein.» Nach dem Halbfinalsieg über Jo-Wilfried Tsonga habe ihm der Tscheche nur gesagt: «Gut gemacht. Wann willst du am Samstag trainieren?»
So stoisch will der wortkarge Schotte, der 1996 an seiner Schule in Dunblane den Anschlag eines Amokläufers, der 16 Erstklässler und eine Lehrerin erschoss, überlebt hat, auch den heutigen Tag angehen. Dass er in seinem ersten Wimbledon-Final ausgerechnet auf Federer treffe, nehme den Druck von ihm weg.
Auch wenn dies zunächst wie Wunschdenken klingt – daran könnte was dran sein. Einerseits, weil Murray als Debütant dem Rasenkönig gegenübersteht. Andererseits weil die Engländer in diesem Traum- und Tränenfinal in einer «Win-win-Situation» stecken: Verliert Murray, gewinnt Federer – und der ist ja fast einer von ihnen.
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