Gegen Daniel Köllerer war John McEnroe ein Waisenknabe Der Rüpel mit der Wut im Bauch

  • Publiziert: 25.03.2009, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Christian Bürge

Der österreichische Tennisprofi klopft an die Türe zu den Top 100. Doch der 25-Jährige ist unbeherrscht. Auf dem Platz hat er nur Feinde. Österreichs Profis schämen sich.

Eines vorweg: Dieser Mann, der so oft Gegner verflucht, wie er selbst verflucht wird, hat auch gute Seiten. Er sei privat ein angenehmer Kollege, eher zurückhaltend. Er trinke nicht, rauche nicht und mache keine Eskapaden, sagen österreichische Experten. Und Daniel Köllerer hat ein grosses Kämpferherz. Auch darum ist er zurzeit so gut klassiert wie nie zuvor: auf ATP 103. Soviel zum Positiven. Die negative Seite erlebt Marco Chiudinelli in Indian Wells. Köllerer, der Provokateur, bringt den Schweizer während des Qualispiels mit seinen Mätzchen und Gesten, mit seinem Herumgeturne und den bösen Blicken in Rage. Chiudinelli bezeichnet seinen Gegner als «Vollidioten» und sagt: «Du bist Dreck.» Im Spiel ist Gift und Galle. Der absolute Tiefpunkt ist eine verbale Attacke Köllerers gegen ein Ballmädchen. Die Worte sind so ungeheuerlich, dass sie hier nicht wiedergegeben werden können. Nur weil der Schiedsrichter kein Wort versteht, kommt Köllerer um eine Disqualifikation herum. Die skandalöse Entgleisung ist aber kein Einzelfall. John McEnroe, in den Achtzigerjahren der Inbegriff eines Tennis-Flegels, bewegt sich im Vergleich mit dem wütenden Österreicher in der Kategorie «Waisenknabe». Die Aufstellung von Köllerers Aussetzer ist lang. Mai 2003: Köllerer spielt mit dem NLB-Team von Lido Luzern um den Aufstieg in die NLA gegen Genf Eaux-Vives. In seinem Einzel rastet er trotz 5:3-Führung aus, weil ihn sein Gegner angeblich provoziert. Köllerer schöpft sein ganzes verbales Arsenal aus, das vor allem dem Tierreich entnommen ist. Konsequenz: Sein Gegner gewinnt forfait und Lido verzichtet auf die Doppel, «um Schlimmeres zu verhindern». Der Aufstieg ist verpasst, Köllerer sofort entlassen. September 2004: Nach seinem Sieg in Genua gegen den mittlerweile tragisch verstorbenen Italiener Federico Luzzi brennen bei einigen Spielern die Sicherungen durch. Provokateur Köllerer wird von Profikollegen in der Garderobe verprügelt. Der Fall wird der ATP nie offiziell gemeldet. Februar 2006: Köllerer spielt in der Quali von Acapulco gegen Nicolas Almagro. Nachdem dieser einen Punkt für sich entschieden hat, nennt ihn Köllerer «hijo de puta» (Hurensohn). Der Österreicher verteidigt sich, er habe auf Spanisch «schöner Punkt» sagen wollen. März 2006: Die ATP sperrt ihn wegen obiger Entgleisung für sechs Monate. Als Köllerer davon erfährt, spielt er gerade an den österreichischen Hallenmeisterschaften. In seinem Achtelfinal rastet er bei einem 1:4-Rückstand aus, nachdem ein knapper Ball zu seinen Ungunsten entschieden worden ist und er einem Breakball gegen sich entgegensieht. Der Schiedsrichter verhängt einen Strafpunkt, was das automatische 1:5 zur Folge hat. Köllerer gibt auf. Seine Begründung: eine Erkältung. Oktober 2006: Nach dem Absitzen der Sperre tritt Köllerer in Montevideo an. Er gewinnt zwar sein Spiel gegen den Italiener Fabio Fognini, treibt aber alle zur Weissglut. Fogninis Trainer Leonardo Caperchi schreibt einen Brief an die ATP: «In zehn Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt. Köllerer hat beleidigt, provoziert, die Regeln verletzt. Die Attacken waren gegen seinen Gegner gerichtet, das Publikum, die Stadt Montevideo, gegen den Schiedsrichter und den Supervisor.» Und weiter: «Er legt eine Aggressivität an den Tag, die mit Sport nichts mehr zu tun hat. Köllerer ist eine Zeitbombe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine Provokationen dazu führen, dass jemand etwas Schlimmes tut.»200 Profis unterschreiben diesen Brief, verknüpft mit der Aufforderung, den Spieler zu sperren. Selbst die Österreicher Werner Eschauer, Marco Mirnegg und Rainer Eitzinger wollen ihn von den Plätzen verbannen. Eitzinger: «Wir schämen uns als Österreicher. Was Daniel macht, ist bodenlos.»Köllerer weiss, wie unbeliebt er ist. «Der einzige Österreicher, der mit mir redet, ist Oliver Marach.»Er sei ein «extrem mühsamer Siech», sagt Chiudinelli über ihn. Kein Wunder, finde er keine Trainingspartner, müsse oft mit Frauen trainieren. «Durch die Aussetzer habe ich mir viel vertan», weiss Köllerer selbst. «Aber ich arbeite an mir. Einige respektieren mich. Das war vorher nicht so, weil ich es mit jedem vergeigt habe.»

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