«Wir können doch nichts für Fahrfehler»

  • Publiziert: 23.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Carl Schönenberger

Als Renndirektor der FIS steht der deutsche Günter Hujara vor allem bei Unfällen im Schussfeld. Nach dem Sturz von Daniel Albrecht beantwortet er BLICK auch unbequeme Fragen. Hujara glaubt, dass der Zielsprung in Kitzbühel ungefährlich ist.

Blick: Vor einer Woche in Wengen waren Riesen-Diskussionen im Gang, weil der Zielsprung abgetragen worden war. Die Lauberhorn-Abfahrt sei um ein Spektakel kastriert worden, hiess es.
Günter Hujara: Genau. Und jetzt gehen zum Teil die gleichen Leute wieder auf uns los mit dem Vorwurf, wir seien am schweren Sturz von Daniel Albrecht beim Zielsprung in Kitzbühel schuld. Das kann ich einfach nicht ernst nehmen.

Beim Zielsprung von Wengen ist aber seit dem Rennen im Januar 2000 kein folgenschwerer Sturz mehr passiert. Beim Zielsprung von Kitzbühel hingegen stürzte vor einem Jahr schon der Amerikaner Scott Macartney fürchterlich.
Der Sprung in Kitzbühel macht von unserer Seite her keine Korrekturen erforderlich. Mit der richtigen Vorbereitung, der korrekten Bewegung, ist es ja fast kein Sprung mehr. Das hat man auch vor und nach Albrecht gesehen. Axel Lund Svindal ist überhaupt nicht mehr abgehoben. Der Zielsprung von Kitzbühel, so wie er jetzt ist, verzeiht den Fahrern sogar relativ viel. Aber wenn ein Fahrer halt mit einem Positionsfehler – oder bereits mit Rückwärtsbewegung – drüber fährt, kann der Sprung das nicht mehr verzeihen.

Aber nach dem Macartney-Sturz hätte die FIS doch etwas ändern müssen?
Wir haben den Sprung nicht nach Macartneys Sturz angepasst, sondern vorher. Im letzten Jahr – nach dem Training, auf das Rennen hin. Es ist unser Ziel, vor schweren Unfällen für die Sicherheit zu sorgen, nicht erst danach. Wir wollen und dürfen doch nichts provozieren.

Was wurde in Kitzbühel am Zielsprung konkret geändert?
Wir haben beim Zielsprung eine Kante gemacht, damit jeder Fahrer weiss, wo er abspringt, oder wo er den Sprung drücken muss. Das war zuvor nicht der Fall.

Offensichtlich war das nicht genug, wenn Macartney und Albrecht danach dennoch so schwer gestürzt sind.
Von der Sicherheitsseite her können wir machen, was wir wollen – Fehler können immer wieder passieren. Skirennfahren ist und bleibt ein Risikosport. Dessen müssen sich endlich alle bewusst sein. Danis Sturz ist ganz klar das Ergebnis eines Fahrfehlers. Genau den gleichen Fehler hat im letzten Jahr Scott Macartney an der selben Stelle gemacht. Wir können doch nichts für Fahrfehler!

Das tönt jetzt aber nach Kapitulation.
Nein. Wir machen weiter. Die einzige Alternative wäre, aus Sicherheitsgründen mit allem aufzuhören, daheim zu bleiben und keine Rennen mehr zu fahren. Aber die Athleten betreiben ihren Sport ja in vollstem Bewusstsein. Ein Beispiel dafür hier in Kitzbühel: Direkt nach Albrechts Sturz und dem langen Unterbruch ist Hermann Maier als erster wieder den Berg runtergefahren. Mit neuer Bestzeit – er hat also kaum weniger riskiert.

Angst und Respekt fahren mit

Von Bernhard Russi

Die Angst oder mindestens der Respekt fahren in der Abfahrt immer mit. Die Frage ist nur wie viel und wie lange? Je nach Formstand oder Können ists etwas mehr oder etwas weniger.

Leider hatte Daniel Albrecht etwas zu wenig davon. Oder er hat beides während seiner bestechenden Trainingsfahrt abgelegt.

Die wirklich heissen Stellen, Mausefalle, Hausbergkante und die Traverse waren hinter ihm. Das gibt Mut und Selbstvertrauen. Der ruhige Zielschuss wiegte ihn in Sicherheit, verführte ihn zu einer noch tieferen Hocke und damit zum entscheidenden Fehler am Zielsprung!

Während uns allen das Blut stockt, während wir nicht begreifen können, dass dies einem der besten Fahrer passiert, stehen die anderen noch am Start. Sie sehen, hören oder vermuten den Unfall. «Start-Stop!» Das sind Momente, in denen Bilanz gezogen wird.

Warum der Sturz? Wer bin ich? Was kann ich? Was kann ich nicht? Will ich das Restrisiko eingehen oder nicht?

Alle sagen Ja! Ich jedenfalls habe noch keinen rückwärts aus dem Starthaus gehen sehen.

Sie sagen Ja, weil sie aus Erfahrung wissen, dass sich die Angst oder der Respekt spätestens nach dem ersten Stockstoss verabschieden. Wenn sie in den Steilhang fahren, wird dieser fürs Auge flach. Wenn sich das Tempo steigert, fühlt sich der Luftwiderstand an, wie ein weiches Kissen. Wenn der heikle Sprung sitzt, glaubt man zu fliegen.

Unten heil angekommen, möchte man am liebsten wieder hinauf!

Die Bilder von Albrechts Sturz werden die Fahrer sehen, analysieren und Lehren daraus ziehen. Und spätestens vor dem Einschlafen werden sich Angst und Respekt wieder melden.

«Es war riskant, den Helm abzunehmen»

Daniel Albrechts Gehirn sei in grosser Gefahr,
erklärt Neurologe Martin Sutter von der Zürcher Schulthess-Klinik.


Blick: Wird Daniel Albrecht jemals wieder gesund?
Martin Sutter: Derzeit kann das niemand beantworten. Er hat eine Hirnblutung, und jetzt kann vieles geschehen. Immerhin: Bei einem jungen und gesunden Mann wie Daniel Albrecht sind die Chancen gut. Das Gehirn hat ein erstaunliches Erholungspotenzial.

Daniel Albrecht wachte im Spital auf – aber die Ärzte versetzten ihn sofort ins künstliche Koma. Warum das?
Das wird bei Kopfverletzungen oft gemacht. Bei einer Blutung besteht das Risiko, dass das Gehirn anschwillt und praktisch keinen Platz mehr hat im Schädel. Das kann schwere Schäden bewirken. (Interview: Gabriela Battaglia)

Hinweis: Das ausführliche Interview und 6 Extra-Seiten zu Albrecht lesen Sie im BLICK vom Freitag!

Top 3

1 Heisser Bikini-Urlaub mit Schwestern Lindsey Vonn mischt St. Tropez aufbullet
2 Totalschaden Marcel Hirscher crasht in Baumbullet
3 Schwester hört auf Rücktritt – Janka hat Nase voll vom Spitzensportbullet

Ski