Carlo Janka im Interview: «Vielleicht zeige ich bei Olympia Emotionen»

  • Publiziert: 17.01.2010, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Carl Schönenberger

Phänomen «Jänks». Als 23-Jähriger gewinnt Carlo Janka die klassische Lauberhorn-Abfahrt. Bloss Austria-Legende Karl Schranz mit 21 (1959) und Peter Müller mit 22 (1980) waren bei ihrem Sieg noch jünger. Mit SonntagsBlick spricht Janka über Emotionen und Erfolgsrezept.

SonntagsBlick: Mal ganz ehrlich, Carlo Janka, haben Sie diesen Erfolg am Lauber- horn erwartet?
Carlo Janka:
Nein. Ich weiss zwar, dass mir die Strecke hier in Wengen liegt. Aber den Sieg bei dieser längsten Abfahrt der Welt habe ich mir zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich noch nicht zugetraut.

Marco Büchel oder Didier Cuche sagen, dass es für diese Piste sehr viel Erfahrung braucht. Setzen Sie solche Gesetze ausser Kraft?
Gerade weil andere hier viel erfahrener sind, habe ich mir diesen Sieg noch nicht zugetraut. Aber so wenig Erfahrung auf der Lauberhornstrecke habe ich auch wieder nicht. Schon vor sechs Jahren bin ich erstmals am Lauberhorn gefahren. Damals bei den Junioren-SchweizerMeisterschaften nicht auf der ganzen Strecke. Schon damals hat mir das Brüggli-S zugesagt.

Diese Passage haben Sie auch am Samstag fantastisch erwischt. Es gibt andere Fahrer, die sagen, die perfekte Linie dort sei Glücksache.
Meine Linie beim Brüggli-S ist sicher der Schlüssel zum Sieg gewesen. Ich bin sicher, dass da nicht speziell viel Glück dabei war. Diese enge Kurven-Kombination liegt mir ganz einfach. Jedes Mal, wenn ich am Lauberhorn gefahren bin, habe ich die Stelle gut gemeistert. Auch in den vergangenen Tagen beim Training und am Freitag bei der Kombi-Abfahrt.

Also ist es nicht Glück, sondern vielmehr Können?
Für mich ist das Instinkt. Ich liebe das Instinkt-Skifahren. Beim Brüggli kann ich das voll geniessen. Zum richtigen Zeitpunkt ansetzen, draufstehen und voll durchziehen.

Das tönt so simpel. Dabei sagt Didier Cuche, er bewundere Sie, weil Sie ohne viel nachzudenken einfach Ski fahren. Liegt Cuche mit seinem Eindruck richtig?
Nicht ganz. Ich mache mir schon meine Gedanken, man siehts mir vielleicht einfach nicht so an. Vielleicht ists so, weil ich auch beim Denken cool wirke.

Haben Sie an dieser Stärke mit Mental-Training speziell gearbeitet?
Eigentlich nicht. Das ist bei mir von Anfang an so gewesen. Ich bin froh, dass das eine meiner Stärken ist. Und so will ich auch bleiben.

Der Iceman also – das ist ohnehin Ihr Image. Marco Büchel wurde gefragt, was das Verrückteste während seiner zur Ende gehenden Karriere gewesen sei. Büxis Antwort: Haben Sie keine Emotionen?
Doch, sehr starke sogar. Aber ich bin nicht der Typ, der nach einem Erfolg im Zielraum tanzt. Das sollen andere tun. Ich freue mich lieber innerlich und muss das nicht alles gegen aussen zeigen.

Aber das Sieg-Erlebnis in Wengen ist auch für Sie speziell?
Sicher. Ein Heim-Rennen zu gewinnen und dazu noch die klassische Lauberhorn-Abfahrt – das ist etwas vom Grössten, was man als Skirennfahrer schaffen kann. Die vielen Schweizer Fahnen, die Nationalhymne – das geht unter die Haut. Für mich kommt dieser Lauberhorn-Sieg von seiner Bedeutung her direkt nach dem Riesenslalom-WM-Titel vor einem Jahr. Die Lauberhorn-Abfahrt ist halt nur ein Weltcuprennen, in Val d’Isère waren es Weltmeisterschaften.

Sie werden also in Ihrer Karriere nie Emotionen zeigen?
Vielleicht schon einmal. Vielleicht bei Olympia in Vancouver. Vielleicht.

Können Sie in der Nacht nach einem Sieg denn überhaupt schlafen, wenn Sie Ihre Freude für sich behalten – die Emotionen quasi in sich hineinfressen?
Ich bin sicher, dass ich heute (letzte Nacht) sehr gut schlafen werde. Müde bin ich nach diesen Berner Oberländer Tagen nämlich schon. Und nach einem Sieg schlafe ich besonders gut. Darauf freue ich mich. Und danach darauf, zu Hause auf dem Sofa am Fernsehen den Slalom zu schauen. Vielleicht ist ja auch das eines meiner Erfolgs-Geheimnisse: Weil ich die Emotionen nicht alle rauslasse, sondern für mich behalte, machen sie mich in den nächsten Rennen noch stärker.

Sind in Ihrer Familie alle so cool?
Mein Vater vielleicht schon. Aber die Mutter ist schon nervös. Speziell vor Abfahrten. Aber das ist wohl bei jeder Mama so. So sind sie halt, die Mütter.

Zurück zu Wengen. Was ist für Sie am Lauberhorn so speziell?
Fast alles. Die Jungfrau-Bahn – nur mit dem Zug kommt man ins Dorf und hoch zum Start. Die wunderschöne Bergwelt. Und die Einheimischen – die Wengener, die so langsam sind.

Ein bisschen langsamer waren Sie auch zum Schluss Ihrer Siegesfahrt, im Ziel-S. War das Taktik?
Nein. Ich bin einfach so «blau» gewesen und wollte nicht noch auf den «Ranzen» fallen. Drum habe ich vor dem Ziel-S bewusst gebremst und bin die letzte Schlüsselstelle nicht mehr so gefahren, wie ich es eigentlich geplant hatte.

Die Ski-Cracks ziehen vor Janka den Hut

Seit gestern gibts bei der Jungfrau-Bahn einen Schnellzug: Carlo Janka.

Der 23-jährige Obersaxener reisst alle in seinen Bann: Die Rekord-Zuschauer-Zahl von 32 000 wird von Jänks allein für die Abfahrt ans Lauberhorn gelockt. Und zum Schluss ziehen sogar die grössten Cracks aus der Abfahrer-Zunft vor dem phänomenalen Sieger den Hut.

Janka schafft eine Fahrt nahe der Perfektion. Um 66 Hundertstel pfeift er dem Zweitplatzierten Manuel Osborne-Paradis um die Ohren. Als Bode Miller 2007 und 2008 der Überflieger war, schaffte er bei seinen beiden Siegen jeweils «bloss» 65 Hundertstel zwischen sich und dem Zweiten, Didier Cuche, zu legen.

Schnellzug Janka fährt gestern auch Miller zu Boden. Völlig entkräftet stürzt der Ami im Ziel-S. So bleibt Marco Büchel als Dritter auf dem Podest.

Die Schweizer Bilanz ist auch hinter Sieger Janka grossartig: 5. Didier Cuche, 7. Didier Défago, 11. Patrick Küng.

Ein schöneres Geschenk hätte Swiss Ski zum 80. Lauberhorn- Jubiläum den Wengenern nicht machen können.

Von Carl Schönenberger
play Janka startet zur längsten Abfahrt der Welt. Und gewinnt den Klassiker am Lauberhorn souverän. (Sven Thomann)

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