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Kopfstoss von Pedro Lenz Sepp Blatter und die Vuvuzela

  • Publiziert: 22.06.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Pedro Lenz

Auch BLICK-Kolumnist Pedro Lenz sind die Tröten in Südafrika aufgefallen - und Sepp Blatters poetisches Talent.

Kolumne vom 22. Juni - Die Vuvuzela und Sepp

Vuvuzela heisst die südafrikanische Tröte, die manchen europäischen Fussballer offensichtlich so nervt. Eine Vuvuzela sieht aus wie eine zu dünn geratene Spielzeugtrompete und tönt ungefähr so: «Tuuu». Das geht ja noch, werden jetzt die meinen, die nicht bedenken, wie Zehntausende von zeitgleich trötenden Vuvuzelas tönen. Xabi Alonso jedenfalls, hat am Rande des Confed-Cups ein Verbot der Vuvuzela gefordert.

Es ist ein Zufall, dass Vuvuzela ausgerechnet auf Varela reimt. Für einmal ist Varela völlig unschuldig. Das Tuuu-Tuuu-Tuuu der Vuvuzela darf ihm nicht auch noch angelastet werden. Er hat genug damit zu beissen, dass er immer noch nicht sicher weiss, wo er in der kommenden Saison spielt.

Einer der bereits weiss, wo er in einem Jahr spielen möchte, ist unser Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. Er reiste schon mal nach Südafrika, um sein Gehör an diese viel zitierte Vuvuzela zu gewöhnen. Eine Kuhglocke, meinte Hitzfeld, sei lauter als eine Vuvuzela. Klar, wo der Denker von Lörrach recht hat, hat er recht. Trotzdem gibt es durchaus auch Trainer, die der Tröte weniger aufgeschlossen gegenüber stehen. So der Niederländer Bert van Marwijk, der ähnlich wie Xabi Alonso für ein Vuvuzela-Verbot plädiert.

Zum Glück für die Tröte, hat sich FIFA-Boss Sepp Blatter sehr rasch und energisch in die Vuvuzela-Debatte eingeschaltet. «Ich weiss nicht, ob wir diesen Sound stoppen können. Afrika ist laut, es ist voll Energie, Rhythmus, Musik, Tanz, Trommeln. Das ist Afrika, wir müssen dies so annehmen.» In Anlehnung an diese bemerkenswerte Aussage Blatters, sind wir versucht etwas ähnlich Poetisches über den Präsidenten selbst zu verfassen: «Wir wissen nicht, ob wir diese Intelligenz stoppen können. Blatter ist laut, er ist voll Energie, Rhythmus, Freunde, Beziehungen. Das ist Blatter, wir müssen dies so annehmen.» Tuuu-Tuuu-Tuuu!

Kolumne vom 15. Juni - Eine Rede für Sforza

Sehr geehrter Herr Sforza, in diesen Tagen werden Sie sich den Spielern als neuer GC-Trainer vorstellen. Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, haben wir hier exklusiv für Sie eine kleine Antrittsansprache verfasst.

Sie können diese Ansprache direkt übernehmen, brauchen sie nur noch abzulesen. Nichts zu danken.

«Liebe Profis, ich glaube nicht, dass ich mich vorstellen muss, man kennt mich, man respektiert mich, ich bin Ciriaco Sforza. Früher war ich ein grosser Spieler, nun bin ich ein grosser Trainer. Bei Luzern bin ich übrigens freiwillig weg. Ich habe den FCL mit dem einen gewonnenen Punkt nach fünf Spielen auf die richtige Spur gebracht, Morinini hat in weiteren sechs Spielen noch einen Punkt dazu gewonnen, so dass Fringer danach den Sack nur noch zumachen musste.
Hier beim FCB, pardon, bei GC, will ich noch besser starten, als letztes Jahr in Luzern. Wenn alles passt, liegt das drin.

Und apropos passen, habt ihr den Schnitt meines Anzugs schon bemerkt? Gut, he? Der Anzug ist aus Mailand. Dort habe ich sogar selber einmal gespielt, genau wie hier in Basel, pardon, in Zürich. Überhaupt war ich schon an vielen Orten, denn ich bin Ciriaco Sforza und auf mich kann ein Club schlecht verzichten.
Bereits als Spieler habe ich gedacht wie ein Trainer. So gesehen, bin ich als Trainer auch schon Champions-League-Gewinner und so. Ich möchte, dass ihr als Spieler auch so denkt wie ein Trainer, also so wie ich.

Ich bin drum Ciriaco Sforza. Habe ich euch übrigens schon gesagt, dass ich in Luzern freiwillig gegangen bin? Wenn ihr nicht spurt, werde ich das hier in Basel, äh pardon, in Zürich auch so machen. Dann hättet ihr voll die Strafe und müsstet ohne mich, also ohne Ciriaco Sforza auskommen. Ich würde es mir überlegen, wenn ich euch wäre. Und apropos überlegen: Ich bin überlegen. Sind noch Fragen? Keine Fragen? Respekt.»

Kolumne von 8. Juni

Darüber, dass wir Schweizer Roger Federer bewundern, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber im Unterschied zu unseren grössten Skiassen, die man praktisch nur im Alpenraum kennt, sind Federers Fans rund um den Globus verteilt. Einer von Ihnen ist der Eisverkäufer, der neulich von dieser Zeitung zum Final von Paris befragt wurde. Wo der junge Mann genau herkommt, wissen wir nicht. Sicher ist bloss, dass er Rogers Sieg voraussah: «Er schafft das scho, für ihm isch nid schwierig!»

Wie wahr! Präziser und gewählter kann man die Überlegenheit von Roger im Roland-Garros-Final nicht in Worte fassen. Für alle Tennisspieler dieser Welt ist es schwierig in Paris zu gewinnen, ausser für IHM. Mit dem an dieser Stelle ungewohnten Dativ hat der Eisverkäufer die Einmaligkeit des 14-fachen Grand-Slam-Siegers unterstrichen.

Daraufhin fügte der Mann von der Eisdiele noch einen weiteren bemerkenswerten Satz an: «Und ich hoffe ihm, dass er werde wieder die Nummer Eis!» Genau das hoffen wir ihm natürlich ebenfalls, mehr noch, Federer möge nicht nur die Nummer Eis werden, sondern, wenn es irgendwie geht, bald auch wieder die Nummer Eins.

Wobei hier anzumerken ist, dass Roger, gemessen an der Coolness, die er gestern bewiesen hat, längst schon die Nummer Eis ist. Wie er den bereits recht kühlen Schweden noch weiter abgekühlt hat, das schafft nur ein absoluter Eismann . Oder, um es in der blumigen Sprache des Eisverkäufers zu sagen: Mit so viel Coolness gewinnt nur ihm, weil für ihm isch nid schwierig.

Möge Roger Federer uns noch manchen solchen Tennissonntag schenken, und möge er den sympathischen Eisverkäufer möglichst bald zu seinem Biografen erheben. Wir zweifeln nicht daran, dass es für einen Sprachartisten wie ihm alles andere als schwierig wäre, unsere Nummer Eis auch poetisch unsterblich zu machen.

Kolumne vom 2. Juni

Als ich das letzte Mal beim Coiffeur war, sagte ich: «Wegschneiden!». Der Figaro schaute mich fragend an und meinte: «Klar werde ich schneiden. Aber sag mir bitte noch wie und wozu? Du musst doch eine Vorstellung davon haben, wie es danach aussehen soll.» Ach ja, das ist logisch, dachte ich. Mit wegschneiden allein, ist es nicht getan. Man muss wissen, was auf den Schnitt folgen soll.

Nur im Schweizer Profifussball gilt diese Erkenntnis noch nicht. Da wird einfach mal wacker weggeschnitten und erst hinterher überlegt, was folgen könnte. So wussten die Verantwortlichen beim FCB nur, dass Christian Gross weg muss. Um auch noch über seine Nachfolge nachzudenken, fehlte ihnen offenbar die Zeit oder die Weitsicht oder beides.

Gut, zugegeben, vielleicht ist es unpassend, ausgerechnet im Zusammenhang mit Christian Gross über Frisuren zu reden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass mein Coiffeur mehr überlegt, als der FCB-Vorstand.

Das Fehlen eines Konzepts hat natürlich Konsequenzen: Jetzt werden Figuren wie Ciriaco Sforza und Lothar Matthäus als Favoriten auf die Gross-Nachfolge gehandelt. Die haben zwar mehr Haare als Gross, aber ansonsten haben sie gar nichts. Oder kann uns jemand sagen, wie viele Meistertitel und Cupsiege Sforza und Matthäus als Cheftrainer schon geholt haben?

Aber vielleicht kommt ja sonst einer, Namen gibt es genug, denn an arbeitswilligen Übungsleitern hat es im Fussball nie gefehlt. Jeder darf sich in Erinnerung rufen. Jeder darf auf seine Visitenkarte schreiben, er sei «Potentieller FCB-Trainer 2009/2010». Fink, Finke, Doll, Di Matteo usw. Alles ist denkbar.
Und warum nicht mein Coiffeur? Er heisst übrigens Jean, ist freundlich, hat gleich viele Titel errungen wie alle oben aufgeführten Cheftrainer zusammen (also null) und stellt meist rechtzeitig die richtigen Fragen.

Der Autor

Pedro Lenz ist Schriftsteller und wohnt in Bern. Während der EM schrieb der 44-Jährige in der Kolumne «Kopfstoss» täglich für den BLICK. Lenz war nominiert für den Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb in Klagenfurt.

Kolumne vom 25.05.2009

Landauf und landab jubeln die Medien. Endlich ein Thema, bei dem sich alle einig sind: Chaoten beim Fussball. Chaoten gehören eingesperrt. Chaoten gehören auf schwarze Listen. Chaoten sollen lebenslänglich aus allen Stadien verbannt werden. Mehr Polizei, mehr Videos, mehr Tränengas.

Als friedliebender Fussballfan, zu dessen äussersten Aggressionen ein halblaut gemurmeltes «Fähnlimaa, mach d’ Ougen uf!» zählt, ist man natürlich auch gegen jede Form von Gewalt. Man möchte schliesslich nach dem Spiel einigermassen gesund heimkehren. Was einen allerdings wundert, ist die Hysterie, mit der die Öffentlichkeit auf einmal gegen alle wettert, die nicht wie Sonntagsschüler daherkommen. Dabei waren Fussballstadien und Sonntagsschulen seit je recht unterschiedliche Milieus.

Bevor wir nun jedoch nach noch drastischeren Anti-Hooligan-Massnahmen schreien, könnten wir uns fragen, wovor wir wirklich Angst haben müssen. Die Samstagspresse schrieb, die Stade de Suisse AG habe, um zu verhindern, dass nach dem Cupfinal Fans aufs Feld laufen, Schwinger und American-Football-Spieler auf die untersten Reihen gesetzt. «Nach Spielende erhoben sich die robusten Männer von ihren Sitzen, zogen sich eine gelbe Weste über, drehten sich um und reichten ihrem Nächsten die Hand.»

Wir haben diese «robusten Männer» am letzten Mittwoch studiert. Wir sassen nämlich in der zweituntersten Reihe. Die «robusten Männer», die uns hätten schützen sollen, sahen aus wie Rüpel und Flegel. Sie versperrten den friedlichen Fans die Sicht, rissen Zoten und bliesen uns Zigarettenrauch ins Gesicht. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn diese Horde von testosterongeladenen Jungmännern zum Einsatz gekommen wäre.

Müssen friedliche Fans in Fussballstadien wirklich Angst haben? So lange solche Figuren uns schützen sollen ganz bestimmt!

Kolumne vom 18.05.2009

Bern ist die Stadt des Leidens. «Mir wei nid grüble» ist ein oft gehörter Satz in Bern. «Mir wei nid grüble» heisst auf Hochdeutsch: «Wir fühlen uns elend, aber wir wollen nicht darüber nachdenken, denn es könnte ja alles noch viel schlimmer kommen.» Seit dem Cupsieg von 1987 haben die Berner Young Boys keinen Titel mehr geholt. Doch statt sich darob zu grämen, pflegen die YB-Fans einen kreativen Umgang mit der Niederlage. «No Title Since 1987» steht auf einem beliebten Berner Fan-T-Shirt. Und zuweilen dünkt es einen, der Fatalismus im Umfeld der Young Boys färbe auf die Mannschaft ab.

Als es YB vor einem Jahr in der Hand hatte, mit einem Sieg im letzten Spiel den Meistertitel zu holen, ergaben sich die YB-Spieler dem FCB praktisch kampflos. Die Berner Fans nahmen die Niederlage als gottgegeben hin. Das musste genau so kommen, schienen sie zu denken, während sie sagten: «Mir wei nid grüble.» Diese Woche könnte erstmals seit 22 Jahren alles anders werden. Trainer Vladimir Petkovic hat mit dem Berner Fatalismus nichts am Hut. Während manche YB-Fans schon vor dem Final darauf hinweisen, Sion habe noch nie einen Cupfinal verloren, bereitete Petkovic am Samstag in Aarau bereits den Cupsieg vor. Er schonte die halbe Stammelf, auf dass es am Mittwoch blitzt und donnert.

Nach dem Cupfinal werden die YB-Fans das T-Shirt mit der Aufschrift «No Title Since 1987» wohl in die Kleidersammlung geben müssen. Alle Bernerinnen und Berner, die jünger als 23 sind, werden sich erst an das Gefühl eines Titelgewinns zu gewöhnen haben. Manchen von ihnen, wird es schwerfallen, mit diesem neuen Seelenzustand umzugehen. Zu tief sitzt in ihnen die Gewissheit, dass Fussball und Leiden untrennbar verbunden sind.

Aber vielleicht bleibt am Ende doch alles beim Alten. Wer sagt denn, dass die Nerven der Gelbschwarzen ausgerechnet diesmal dem Erfolgsdruck standhalten? Mir wei nid grüble.

Kolumne vom 11.05.2009

Sind Fussballstadien Kathedralen der globalisierten Welt, so ist das Aarauer Brügglifeld eine Wallfahrtskappelle des alten Glaubens. Brügglifeld-Pilger sind Verfechter der Einfachheit. Ihre Lounge heisst Restaurant Sportplatz, ihre Gegentribüne ist ein Erdhügel und ihre Toilette ist das Gebüsch hinter dem Bierzelt.

Fussballerisch betrachtet ist Aarau das gallische Dorf, das sich gegen das Imperium behauptet. Am Drahtgitter hinter einem Tor hängt ein Schild auf dem mit ungelenker Handschrift geschrieben steht: «Besteigen verboten!» Vom Spielfeld aus können die Spieler des FC Aarau die Schrift nicht genau entziffern. Sie lesen darauf die Worte «Absteigen verboten!» Deswegen werden die Aarauer auch «die Unabsteigbaren» genannt.

Am Samstag erhielten diese Unabsteigbaren Besuch vom grossen FC Basel. Für Basel ging es um den Meistertitel, für Aarau ging es um nichts. Der FC Aarau hätte ehrenvoll verlieren können und niemand hätte sich beklagen dürfen. Trotzdem fegte das kleine Aarau den Titelaspiranten vom holprigen Platz, einfach so, weil sie mal wieder gewinnen wollten.

Wir Sportplatzromantiker, die wir den Duft nach «Rössli 7» oder «Rio 6» jedem «Chanel N°5» vorziehen, freuen uns über solche Siege. Das 3:1 von Aarau gegen Basel ist ein Sieg der Stumpenkultur gegen die Zigarrenkultur, es ist ein Sieg der Baumwollhemden gegen die Seidenhemden. Gäbe es nicht zwischendurch einen solchen Sieg, wäre uns der Fussball halb so lieb.

Kolumne vom 04.05.2009

Ein Fussballmatch für die Ewigkeit

Madrid, Barrio de Chamartín, ein Steinwurf vom Estadio Bernabéu, am letzten Samstag kurz vor acht, der Besitzer der Bar schwitzt sein Hemd voll: «Ein Sieg, egal wie, Hauptsache ein Sieg!» Vier grosse Bildschirme zeigen die erste Glanztat von Casillas. «Vamos, vamos, Rrrrrrreal!»

Die Atmosphäre kocht, die Weissen kommen über rechts, Ramos flankt, Higuaín schraubt sich hoch: «Gooooooooooooooool del Madrid!» Der Barchef küsst die Gottesmutter. Das Volk schreit sich die angestaute Angst von der Seele. «Weiter so, macht sie fertig!»

Es sind 13 Minuten gespielt, Real führt zuhause gegen den Leader. Und was macht Barcelona? Nichts. Das heisst, sie machen nichts anderes als vor dem 1:0. Sie spielen wie Kinder auf dem Schulhof, Pass, Annahme, Pass, Annahme, Pass, Iniesta, Henry, Messi, Henry und schon zappelt der Ball im Netz. Fussball ist das einfachste Spiel der Welt, aber man muss Henry und Messi spielen sehen, um diese Binsenwahrheit zu verstehen.

Minuten später Freistoss Barça, Puyol wirft seine Locken in die Luft, 1:2. Alles wie gehabt, Barcelona, pim, pam, pum, pim, pam pum, Lass vertändelt einen Ball, Messi läuft allein aufs Tor, 1:3. Es sind 35 Minuten um und die ersten Real Fans verlassen frustriert die Bar.

Die zweite Halbzeit ist noch jung, als Sergio Ramos auf 2:3 verkürzt. Die Hoffnung kehrt zurück. Real hat noch über eine halbe Stunde Zeit, das Spiel zu drehen.

Die Königlichen kämpfen, sie laufen und laufen und laufen in einen Konter: «Antención, Henrrryyy, siempre Henrrryyy, gogogogoool del Barça, goool de Henrrryyy». Und da geschieht das Unvorstellbare: Die hartgesottenen Real Fans beginnen zu verstehen, dass das kein gewöhnliches Fussballspiel ist. Sie spüren, dass sie heute Abend Zeugen eines historischen Ereignisses werden. Sie vergessen ihre Trauer um die verlorene Meisterschaft und beschliessen, nur noch zu geniessen.

Das ist kein Fussball mehr, das ist nur noch Magie. Messi links, Messi recht, ein Pässchen da, ein Pässchen dort und Messi bucht zum 2:5. Den Real-Fans bleibt nichts übrig, als sich innerlich vor soviel Schönheit zu verneigen. Das 2:6 von Piqué ist die Vollendung des Meisterwerks. Iniesta geht raus und die ganze Bar applaudiert.

Der Schiri lässt nicht nachspielen. Wozu auch? So ein Spiel braucht keine Nachspielzeit. «Heut Nacht zeuge ich ein Kind», sagt der Barbesitzer. «Ich will ein Kind, um ihm später von diesem Spiel zu erzählen.»

Kolumne vom 27.04.2009

Mit Würde verlieren

Bei jedem sportlichen Grossanlass zeigen die Medien Bilder von jubelnden Fans. An der aktuellen Eishockey-WM ist es nicht anders. Wer es kennt, kann das Gähnen kaum unterdrücken. Fans von Siegerteams verhalten sich nach jedem Sieg gleich. Sie klatschen, singen, hüpfen, grölen und küssen sich wechselseitig auf ihre bemalten Gesichter. Das interessiert uns nicht mehr, weil wir es tausend Mal gesehen haben.

Weniger bekannt und entsprechend interessanter als das Verhalten von Siegerfans nach dem Spiel ist das Verhalten von Verliererfans vor dem Spiel. Gemeint ist nicht die Minderheit gewaltbereiter Schlägertypen, sondern die Mehrheit ganz normaler Anhänger. Was tun Fans, die ein Team unterstützen, das sowieso keine Chance hat? Wie verhalten sie sich vor dem Spiel, wenn sie praktisch sicher sein können, dass es für sie nichts zu jubeln geben wird?

Am Samstag hatte ich Gelegenheit mit einer Gruppe österreichischer Eishockeyfans ein Zugabteil zu teilen. Die fünf Männer, alle in den Trikots ihres Nationalteams, waren auf dem Weg von Feldkirch nach Bern zum Spiel Österreich – Schweden. Sie sahen traurig aus, so traurig, wie nur Männer aussehen, die spüren, dass nicht einmal freundschaftlich geteilter Bierkonsum die Stimmung heben kann.

«Aber der Vanek...» – versuchte der Jüngste in der Gruppe ein kleines Licht der Hoffnung zu entzünden. «... vergiss Vanek, allein kann es der Vanek eh nicht richten!» wurde er von der Gruppe sofort gebremst. «Aber falls die Schweden einen schlechten Tag...» – «...egal, die schlagen uns auch am schlechtesten Tag!» – «Aber vielleicht, wenn wir diszipliniert und defensiv und jeder über sich hinaus...» – «...halt einfach mal die Goschn! Es wird eh nichts! Geh hol noch fünf Bier.» Traurig brachte der junge Fan seinen älteren Kumpels neues Bier. «Dann wird’s also eh nichts?» – «Genau, das wird nie was, nie im Leben! Prost, auf die nächste B-WM!»

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