Ab dem 8. Februar soll der America's Cup in Valencia losgehen. Aber die beiden Hauptdarsteller streiten sich so hartnäckig, dass vielleicht gar nie gesegelt wird.
Ernesto Bertarelli weiss, wie man zum Schlag ansetzt und punktet. «Schauen Sie in den Hafen hinaus», sagt der Genfer Milliardär und «Alinghi»-Eigentümer mit grosser Geste. «Wie viele Boote sehen Sie da? Genau. Da ist nur ein Team. Die anderen verbarrikadieren sich da weit hinten im abgeschirmten Handelshafen, zu dem keiner Zutritt hat. Wir haben nichts zu verbergen. Sie offenbar schon. Wir wollen segeln.»
Die Weltpresse ist in Valencia. Sie filmt, notiert und dokumentiert die letzten verbalen Scharmützel vor einem möglichen Showdown des Katamarans aus der Schweiz und des Trimarans aus Amerika.
Womit wir beim Punkt wären, warum Bertarelli auch zweieinhalb Wochen vor dem geplanten Startschuss immer noch die Galle hochkommt. Ist die Alinghi durch und durch schweizerisch? Der New Yorker Supreme Court muss das nach «Oracles» erneuter Eingabe entscheiden. Konkret geht es um die Segel, deren Material gemäss den Amerikanern nicht aus der Schweiz stammt. Was es laut der Stiftungsurkunde aber müsste. Das Rennen ist deswegen in der Schwebe. Kommt das Gericht zum Schluss, dass die Segel nicht schweizerisch sind, hat Alinghi keine Segel, Oracle gewinnt forfait (siehe Kasten rechts).
Draussen vor der Basis steht die Alinghi derweil auf dem Trockenen. Arbeiter hämmern und schleifen an ihr. Das Boot ist eine ständige Baustelle, weil Feinheiten korrigiert werden.
Nils Frei, der Schweizer Trimmer, schaut vorbei. Er ist verantwortlich, dass das Segel richtig im Wind steht. Er kann abschätzen, wie schnell die Gegner sind. «Wir machen Video-Analysen. Bei nicht allzu starken Winden sind wir ein wenig bevorteilt. Sie dagegen bei starken Winden.»
Bertarellis Privat-Yacht «Vava» wiegt im Hafen sanft hin und her. Das Schiff ist sein momentanes Zuhause. Ob es ihn auch selig ihn den Schlaf schaukeln kann?
Dafür sind die Umstände wohl zu widrig. Bis jetzt ist in Valencia nichts von Vorfreude zu spüren. Eine Übertragung wird zwar von der Stadt organisiert, aber selbst das Schweizer Fernsehen wird nicht live vor Ort berichten.
Die Souvenirläden sind praktisch leer. Die Verkäufer nesteln an perfekt gestapelten Shirts herum. 200 Meter weiter glänzt das Oracle-Gebäude. Auch dort sind die Medien eingeladen. Und Skipper Russell Coutts wettert gegen Alinghi. Alles wie gehabt.
So verliert Alinghi im Gerichtssaal
Die Stiftungsurkunde des America’s Cup, die «Deed of Gift», besagt, dass alle Yachten zugelassen werden, die im eigenen Land konstruiert wurden und nur von Segeln angetrieben werden. BMW Oracle glaubt, dass dies für alle Teile des Schiffes gilt. Die Segel der Alinghi seien aus den USA – ergo Alinghi nicht startberechtigt. Bertarelli sagt, die Segel seien in der Schweiz designt und geschnitten worden.
Der New Yorker Supreme Court muss nun darüber entscheiden. Wann er zu einem Urteil kommt, ist unsicher. Werden die Segel vor dem Start am 8. Februar abgelehnt, verliert Alinghi am grünen Tisch. Der Skipper des Titelverteidigers, der Neuseeländer Brad Butterworth, ist aber überzeugt, dass die Entscheidung später fällt. Weil die Eingabe relativ neu ist und meist mehr Zeit vergeht, bis solche Fälle behandelt werden. Dann könnte Alinghi segeln, gewinnen und im Nachhinein im Gerichtssaal wieder verlieren.
Von Alinghi-Seite und Experten wird der jüngste Gerichtsfall als Verzweiflungstat gewertet. Weil für die Amerikaner das Rennen zu früh kommt, die Abstimmungen nicht perfekt sind. Punkto Trainingstage liegt die Alinghi vorn. Ob es etwas nützt?
Von Christian Bürge
Bertarelli: «Das alles ist absolut lächerlich!»
Der grosse Streitpunkt sind die Segel der Alinghi. Ernesto Bertarelli, sind die Segel nun aus der Schweiz oder nicht?
Ernesto Bertarelli: Die Segel sind Schweizer Technologie. Wie alles bei uns. Die Leute von BMW Oracle hingegen haben ein französisches Boot. Sie brauchten zuerst Franzosen, die ihnen zeigten, wie man damit segelt. Und sie haben einen deutschen BMW-Motor drin. Ist das denn amerikanisch? Der Vorwurf, unsere Segel seien nicht schweizerisch ist doch abenteuerlich.
Warum lässt sich der Gegner nicht blicken?
Sie verbarrikadieren sich im Handelshafen, wo niemand ausser ihnen Zutritt hat. Offenbar haben sie etwas zu verbergen. Es ist, als ob wir ein Fussballmatch hätten und sie auf dem Parkplatz spielten. Kürzlich haben sie uns beim Training die Polizei auf den Hals gehetzt, weil wir ihnen mit unserem Boot angeblich zu nahe gekommen waren. Das alles ist absolut lächerlich.
Gewinnt Oracle vor Gericht?
Wenn Larry Ellison statt am 8. Februar gegen uns zu segeln die Trophäe vor Gericht gewinnt, werde ich mit einer Flasche Champagner nach New York fliegen und ihm sagen: «Well done, Larry!»
Von Christian Bürge, Valencia