America's Cup (B)Logbuch, Tag 6 Unser Freund Ernesto

  • Publiziert: 13.02.2010, Aktualisiert: 03.01.2012

VALENCIA – BLICK-Reporter Christian Bürge schreibt in seinem Blog über den America's Cup.

14. Februar – Tag 7

Wenn ein Milliardär einlädt, ziert man sich nicht. Das Programm ist vielversprechend. Zuerst ein Rugby-Spiel, dann gibts die Männerabfahrt als Hauptgang und im Seitenwagen eine Portion Raclette.

Der Rahmen ist zugegebenermassen nicht so intim. Wir dinieren nicht auf Bertarellis Jacht «Vava», sondern auf der Alinghi-Basis. Mit dabei sind Techniker, Segler, deren Familien und eine handvoll Schweizer Journalisten. Nur der Boss fehlt. Und weil in Vancouver der Schnee geschmolzen ist, fällt nicht nur die Abfahrt ins Wasser, sondern auch das Raclette. Doch es gibt Häppchen und Bier und Walliser Rotwein. Kein allzu schlimmes Szenario.

Von der Terrasse aus sieht man die Alinghi und weiter hinten dominiert Larry Ellisons 138 Meter lange «Rising Sun» den Hafen. Die Jacht hat 82 Zimmer und 16 Suiten und beherbergt auf den 8000 Quadratmetern Fläche auch einen Indoor-Swimmingpool, ein riesiges Basketballfeld, einen grossen Weinkeller und ein Kino, von dem Steven Spielberg sagt: «Es ist schöner als alles, was ich in Hollywood gesehen habe.»

Ein Kaffeekränzchen da drüben wäre auch ganz nett. Doch Ellison ist keiner, der Normalsterbliche an sich heranlässt. Dafür ist Bertarelli auf der Basis eingetroffen. Er mischt sich unter die Leute, schüttelt Hände. Ganz der Teamplayer. Ein Westschweizer Radioreporter hält ihm ein Mikrofon vors Gesicht. «Heute nicht», sagt er, «wir sind doch hier unter Freunden.»

Ein wenig menschliche Wärme dürfte Bertarelli nun gut tun. Denn er hat sich während der letzten paar Jahre in Seglerkreisen viele Feinde geschaffen. Und in Valencia zum Abschluss eine böse Schlappe erlitten. Freunde aus jedem Lager – und eine Presse, die ihn mit ein wenig Nachsicht beurteilt – sind da bestimmt kein Nachteil. Denn die Americas Cup-Story ist für ihn vorläufig Geschichte.

13. Februar – Tag 6

Wer einmal über Geld definiert wird, hat es schwer, für andere Dinge anerkannt zu werden. Ernesto Bertarelli geht es momentan so. Nach dem verlorenen ersten Rennen sind die Bemerkungen gegenüber ihm spitz, die Fragen giftig.

Hätte ein anderer Segler vor dem Start geschickter manövriert? Hätte nicht der Franzose Loïck Peyron am Steuer sein müssen? Überlässt er das Kommando endlich anderen?

Anscheinend ticken wir so. Bertarelli mag Geld haben und ein guter Unternehmer sein. Und deswegen darf er wohl das Steuer in die Hand nehmen. Da wird grosszügig ignoriert, dass er ein erfolgreicher Segler auf Mehrrumpfbooten ist und dass er seinen Kollegen Peyron an Regattas schon mehrfach bezwungen hat.

Es braucht viel, bis sich die prägendsten Bilder in Luft auflösen. Roger Federer könnte plötzlich eine tolle Geschäftsidee haben und erfolgreicher Unternehmer werden – er bleibt für uns bis ans Lebensende Tennisspieler.

Kate Winslet kann noch tausend Charakterrollen spielen – sie wird in unseren Köpfen aber ewig die Galionsfigur der Titanic sein.

Und Bertarelli muss Milliardär bleiben. Weil es nicht sein darf, dass ein steinreicher Mensch auch noch andere Dinge brilliant beherrscht. Soviel Ignoranz muss sein.

Nach dem zweiten Rennen wird sich diese Frage vielleicht sowieso in Luft auflösen. Dann hat die Alinghi höchstwahrscheinlich verloren und Bertarelli ist wieder Milliardär – und Hobbysegler. Alles so, wie das in unseren Köpfen sein muss.

12. Februar – Tag 5

Nach fünf Tagen und dem ersten Rennen weiss ich soviel: Keiner weiss was. Praktisch alles, was geschrieben und gesagt wurde, war ein Witz.

Cirka 800 Journalisten sind in Valencia akkreditiert. Ein paar Dutzend können sich sogar Spezialisten nennen. Solche, die schon ein halbes Dutzend Americas Cups gesehen haben oder für eine Segelzeitschrift arbeiten. Sie haben Prognosen abgegeben für die Welt und für uns Laien. Zum Beispiel, welches Boot in welchen Konditionen schnell ist. Die Alinghi, so hiess es, sei bei wenig Wind schneller, weil leichter. Die USA 17 hingegen bei kräftigem Wind und höherem Wellengang, weil schwerer und stabiler.

Vielleicht hätte man einen echten Segler fragen müssen. Vielleicht den besten. Aber das taten wir ja. Herr Coutts, immerhin der CEO von BMW Oracle und erfolgreichster Americas-Cup-Segler, eröffnete uns aber denselben Mist. «Wenn ich am Morgen den Wetterbericht sehe, dann muss ich gar nicht aufs Wasser. Dann weiss ich, wer gewinnt.» Demnach hätte der Neuseeländer bei den heute moderaten Winden von 5 bis 8 Knoten seine Crew besser zum Kegeln geschickt und das 200 Millionen Dollar teure Boot im Hafen versenkt.

Mittlerweile wissen wir, dass die Amis mit dem Flügelsegel ein Wundersegel haben, ein technisches Meisterwerk. Und wenn am Sonntag nicht noch eine Riesenkrake aus den Tiefen des Meeres auftaucht und den Kahn verschluckt, ist das Ding gegessen und der Cup für Alinghi verloren.

Wir prognostizieren jetzt: Der nächste Cup findet nicht mehr in Valencia statt sondern in amerikanischen Gewässern. Einen Spezialisten fragen wir nicht mehr. Alles Laien, diese Segler!

11. Februar – Tag 4

Sir Richard Charles Nicolas Branson ist ungern nicht die Nummer 1. Der Gründer der Plattenfirma Virgin ist mit 2,5 Milliarden Dollar Vermögen nur die Nummer 261 der Welt unter den reichsten Menschen.

Am zweiten offiziellen Ruhetag des Americas Cup hat der Brite nun Ernesto Bertarelli, die Nummer 52 (8,2 Milliarden), besucht und nicht ein paar hundert Meter weiter Larry Ellison, die Nummer 4 (22,5 Milliarden).

Viel wichtiger als ihre finanzielle Potenz ist den drei Herren aber ihre sportliches Palmarès, das sie erst zu dem macht, was sie sind. Ellison ist wie Bertarelli ein erfolgreicher Segler, der bei einem seiner zwei Siege bei Sydney-Hobart fast sein Leben liess. Das Draufgängertum ist auch Richard Branson eigen, dessen Weltrekorde und Rekord-Versuche legendär sind.

Bei seinem Anlauf, mit dem Segelboot schneller als je ein Mensch zuvor den Atlantik zu überqueren, erlitt er 1985 Schiffbruch und musste von einem Helikopter in britischen Gewässern gerettet werden. 1986 holte er sich den Rekord dann, um ein Jahr später als erster Mensch mit einem Heissluftballon dieselbe Strecke zu meistern. 1991 schaffte er mit einem Ballon auch den Pazifik – mit einem Stundenmittel von 396 Kilometern. Nur bei der Weltumrundung musste er Bertrand Piccard den Vortritt lassen, nachdem Bransons Kapsel mitten im Pazifik notwassern musste.

«Mein Interesse am Leben besteht darin, dass ich mich riesigen, eigentlich unerreichbaren Herausforderungen stelle und an ihnen wachse. Aus der Perspektive, das Leben bis ans Limit auskosten zu wollen, musste ich es versuchen.»

Angesichts soviel Kühnheit und Risikobereitschaft der getriebenen Milliardäre kommt man sich als Mensch ohne Forbes-Eintrag, ohne Ritterschlag und panischer Angst vor offener See etwas klein vor. Immerhin hat Branson keinen Schulabschluss. Wir schon. Und er ist «milder» Legastheniker. Auf 1000 Zeichen Diktat hätte der also keine Chance. Die kleinen Siege können manchmal auch ganz schön sein.

10. Februar – Tag 3

Es steht zwar keine Audienz beim Papst an, aber die Sicherheitskontrolle in der Basis von BMW Oracle ist trotzdem ähnlich strikt. Ein Ausweis um den Hals reicht nicht. Noch eine Unterschrift, noch ein Badge, dann die Rolltreppe rauf.

Dort fläzen sich auserlesene Gäste auf grossen weissen Ledersofas, essen ebenso auserlesene Häppchen und trinken dazu Champagner von Dom Perignon. Hinter einem grossen weissen Vorhang geht es in einen Kinosaal. Aber dort wird nicht etwa Avatar gezeigt, sondern ein anderer Mensch in 3D.

James Spithill, der Steuermann von BMW Oracle, erklärt im breiten australischen Akzent, es sei eine Schande, dass wegen der eineinhalb Meter hohen Wellen nicht gesegelt wurde.

In San Diego hätte das Boot im Training locker zweieinhalb Meter hohe Wellen geschluckt. Ein amerikanischer Journalist nickt heftig. Der hat seinem Kollegen gerade erzählt, das seien alles Memmen. Er wäre mit seinem Boot rausgegangen – bei vollen Segeln.

Spithill ist zwar schon 30 Jahre alt, gilt aber immer noch als Jungstar unter den Seglern. Wenn er den Trimaran lenkt, sieht er aus wie Captain Future. Weil er eine Brille trägt, die jedem Science-Fiction-Film gut anstünde. Die Brille ist mit Technik ausgestattet, welche auch Kampfpiloten benützen.

Sie ist mit einem kleinen Laptop in einem kleinen Rucksack verbunden. Auf dem Brillenglas werden ihm digitale Informationen angezeigt. Die Gewichtsverteilung, die Ruderposition, alles über den Wind. 250 Sensoren an Bord liefern pro Sekunde 26 000 Daten.

Und alle wichtigen hat Spithill sofort im Visier. Das tönt kompliziert. Aber am Ende des Tages ist es immer einfach. Dann sagt Alinghi «es wäre gefährlich gewesen» und Oracle sagt «eine Schande, waren wir nicht da».

Sagen die einen «weiss», sagen die anderen «schwarz». Es ist alles eine Frage der Optik. Mit und ohne Brille von Captain Future.

9. Februar – Tag 2

Wer sucht, der findet. Heissts doch. Wenns so wär, hätten sie am Americas Cup schon am Montag den Wind gefunden. Doch die Boote suchten vergebens. Zuerst östlich, dann nördlich dann südlich. 50 Kilometer von der Küste entfernt. Aber kein Wind weit und breit.

Windfinder.com prognostiziert für den zweiten Versuch 10 bis 12 Knoten Wind von Nordwest. Wunderground.com sagt 7 bis 10 von Nordnordwest voraus. Das Rennen ist also geritzt, würde man meinen.

Aber da kommt schon der Haken. Wie beim Americas Cup eigentlich immer ein Haken dabei ist. Dreht der Wind während des 20 Seemeilen langen ersten Abschnitts bis zur Kehrtwende nur schon um 30 Grad, wird das Rennen abgebrochen.

Am Ruhetag kann kein Training absolviert werden. Nicht weil der Wind dreht, sondern weil er zu stürmisch ist. Die sündhaft teuren Boote werden also im Hafen behalten.

Weil keine Action ist, muss man selbst dafür sorgen. 5 Kilometer im steifen Gegenwind dem Strand entlang, wenden um die Abfalltonne, 5 Kilometer mit steifem Rückenwind Richtung Ziel. Kein Tagessieg für Alinghi, aber einer gegen den inneren Schweinehund.
play Christian Bürge.

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