Das ist die neue Alinghi

  • Publiziert: 04.07.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

VILLENEUVE - Mit einem gigantischen Katamaran will Alinghi den America’s Cup verteidigen. BLICK ist exklusiv dabei, als das Geheimnis um die neue «Alinghi 5» gelüftet wird.

Im Industriequartier von Villeneuve am Lac Léman steht ein grosses weisses Zelt. Rundum zu-!geknöpft. Tag und Nacht bewacht. Umringt von versteckten Kameras – um Spione abzuschrecken.

Monatelang war die «Alinghi 5» ein grosses Geheimnis. Jetzt ist die Zeit der Enthüllung gekommen. Das Boot, das im Zelt – 40 auf 30 Meter gross – entwickelt wird, füllt dieses nahezu aus.

Masse bleiben geheim

Genaue Masse des zweirumpfigen Ungetüms gibt es nicht. Erzfeind BMW Oracle soll im Unklaren bleiben. Aber von blossem Auge sieht man, dass die Alinghi 5 grösser ist als das 27,5 m lange Monster, das die Amerikaner für den erneuten Angriff auf den Cup bereit halten.

Der erste Eindruck ist überwältigend. Alinghi-Stratege Murray Jones (51) sagt: «Jeder, der die Alinghi 5 zum ersten Mal sieht, staunt nur.» Zwei riesige weisse Kufen sind durch ebenso grosse schwarze Streben und Verstärkungsträger miteinander verbunden. Ein Mast sei viel zu hoch, um ihn in der Halle zu montieren, erklärt Jones. Der werde so hoch wie ein zwanzigstöckiges Haus. Der Gennaker, das bauchige Vorsegel, messe mehr als 1000 Quadratmeter.

Gut gepokert

Rund 40 Bootsbauer wirbeln sechs Tage die Woche, zehn Stunden täglich wie Ameisen unter, um und auf den Bootsteilen. Sie feilen, schleifen und hämmern. Die Zeit drängt. Mit dem Bau begonnen hat Alinghi im Februar 2008. Wegen des langen Rechtstreits mit BMW Oracle wurde das Projekt aber bis zur Urteilsverkündung auf Eis gelegt. BMW Oracle hingegen baute siegessicher einen dreikufigen Trimaran – und trainiert seit Monaten auf diesem.

Nächste Woche fliegt ein Helikopter die Alinghi 5 in den nahe gelegenen Badeort Le Bouveret und wassert das Boot im Genfer See. Dann versuchen die Segler die verlorene Zeit aufzuholen. Allerdings haben sie bisher keinerlei Erfahrungen mit solchen Dimensionen. «Das Segeln auf der Alinghi 5 wird extrem anders», sagt Jones.

Die neue Alinghi ist gefährlich

Wichtig ist, dass die neue Alinghi zuerst in stillen Gewässern und im lauen Wind der Romandie gesegelt wird. Denn das Monster bringt grosse Gefahren mit sich. Jones: «Wir müssen sehr vorsichtig und besonnen segeln, um Unfälle zu vermeiden. Menschliche Fehler können im Desaster enden.»

Niemand weiss, welcher Krafteinwirkung der komplex gebaute Katamaran trotzen kann. Das Bruchrisiko ist hoch. Der Speed auch. Man rechnet mit bis zu 40 Knoten (74 Stundenkilometer) – das Doppelte der Spitzentempi beim Cup 2007. Ein Kufen-Eintaucher in die Wellen kann fatal sein. Kentert das Boot, droht den Seglern (mit Helm!) ein Sturz ins Wasser aus 30 bis 40 Metern Höhe.

Allein die Vorstellung, in schwindelerregender Höhe ungesichert durch die Fluten zu preschen, ist für «Normalos» schauderhaft. Die Segler jedoch spüren bereits Adrenalin im Blut. Jones: «Wir haben Respekt. Aber wir freuen uns auf die aufregendste Herausforderung im Segelsport. Es ist ein Privileg, dabei zu sein.»

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