Unspunnen total Martin Grab – Der letzte Gladiator

  • Publiziert: 02.09.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Marcel W. Perren, Wolfgang Rytz (Text) und Benjamin Soland (Foto)
play Unspunnen 2006: Grab besiegt Jörg Abderhalden. (Keystone)

Unspunnen-Titelverteidiger Martin Grab wirkt im modernen Schwingsport wie ein wohltuendes Sägemehl-Fossil.

Bis Mitte der 90er-Jahre war es üblich, dass die Schwinger nach einem knallharten Arbeitstag ein noch viel härteres Training absolvierten. Dass Regeneration die Leistung fördert, wollte damals in Sägemehlkreisen keiner wahrhaben.

Die Wende kam mit Jörg Abderhalden, der sein Arbeits-pensum zurückschraubte, damit er den Nationalsport zumindest halbprofessionell betreiben konnte. Es ging nicht lange, bis Abderhaldens Trainings- und Ernährungspläne von vielen «Bösen» kopiert wurden, doch Martin Grab blieb der alten Hardcore-Linie immer treu.

Vor allem das Zauberwort «Regeneration» existiert bis heute nicht im persönlichen Duden des Rothenthurmers. Grabs langjähriger Weggefährte Adi Laimbacher bringt es auf den Punkt: «Der ‹Märtel› ist ein absolutes Phänomen. Wenn er sich einmal ausruhen könnte, geht er lieber Geissen melken. Und trotzdem hält er sich seit Jahren an der Spitze.»

Das ist tatsächlich kaum zu glauben, wenn man einen Blick in das tägliche Pflichtenheft des spektakulären Offensivschwingers wirft. Der fünffache Familienvater betreibt seit Anfang März eine eigene Spenglerei mit zwei Angestellten. Und so ganz nebenbei bewirtschaftet er mit seiner nicht weniger fleissigen Frau Monika noch einen 18 Hektar grossen Landwirtschaftsbetrieb, auf dem Mutterkühe, Ziegen und Schafe gehalten werden. Die sind im Sommer zwar auf der Alp, trotzdem sagt Monika Grab: «Martin und ich sind jeden Abend extrem müde und froh, wenn wir zeitig ins Bett kommen.»

Noch einmal sei die Frage erlaubt: Wie ist es möglich, dass ein Mann, der wirklich nie zum Verschnaufen kommt, über so lange Zeit an der Schwingspitze bestehen kann? BLICK-Experte Adrian Käser startet einen Erklärungsversuch: «Vielleicht ist gerade die viele Arbeit der Hauptgrund, dass kein anderer schneller einen Rückschlag verarbeitet als Martin. Weil er im Gegensatz zu den meisten anderen ständig beschäftigt ist, hat er gar keine Zeit, um über Misserfolge nachzudenken.» Mindestens bis zum Eidgenössischen 2013 will Grab dieses Mammutprogramm durchziehen. Vielleicht macht er sogar bis 2015 weiter, denn «dann kommt mein ältester Sohn Martin ins Aktivalter. Und es würde mich schon reizen, ein paar Wettkämpfe mit ihm zu absolvieren.»

Grab junior soll vom Papa nicht nur das grüne Wettkampf-Hemd, sondern auch den Fleiss und das Talent geerbt haben. Wetten, dass auch er viele «Böse» unter sich «beGraben» wird?

Warum ist Unspunnen so wichtig?

Es gibt nur drei Schwingfeste, die eidgenössischen Charakter haben: das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, der Kilchberger und der Unspunnen-Schwinget. Das heisst im Klartext: Nur an diesen drei Festen treten sämtliche Top-Schwinger aus allen fünf Teilverbänden geschlossen an. Historisch: Der Toggenburger Jörg Abderhalden ist bis jetzt der Einzige in der Geschichte, der alle drei eidgenössischen Titel gewinnen konnte.

Der Zwilchhosen-Kracher in Interlaken findet – im Gegensatz zum Eidgenössischen (alle drei Jahre) – normalerweise nur alle sechs Jahre statt, wie der Kilchberger. Ausnahme: 2005 musste das Unspunnen aufgrund der Hochwasser-Katastrophe im Berner Oberland um ein Jahr verschoben werden. Am Unspunnen wird neben dem Schwingen traditionell auch mit dem gleichnamigen 83,5 kg schweren Stein gestossen. Rekordhalter ist der Freiburger Markus Maire mit 3,89 Metern.

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