Fabian Cancellara: «Nur die Familie fehlt!»

  • Publiziert: 02.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Hans-Peter Hildbrand aus Peking
play Schweizer Grüppchen: Bei Tianjin Jixian Huangyaguan fahren Albasini, Cancellara, Teamchef Steiner und Mechaniker Theel 150 Trainingskilometer. (Benjamin Soland)

Erst knallen Tennisbälle. Dann folgt ein Stöhnen oder Schreien. Fabian Cancellara (27) schaut aus dem Fenster und schüttelt den Kopf.

Die chinesischen Girls werden seit Stunden knallhart von den Trainern gedrillt», meint Radprofi Fabian Cancellera. Die Rennschuhe in der einen, eine Wasserflasche in der anderen Hand, den Rennhelm auf dem Kopf – so steht er auf dem Gelände des «Tianjiin Jixian Physical Training Center» und wartet.

«Norweger-Camp» nennt Swiss Olympic seine Aussenstation in den Bergen, in Sichtweite die imposante chinesische Mauer. Rund 120 Kilometer weg von der Olympia-stadt Peking. Weg vom Smog, weg vom Lärm und vom Stadtverkehr. Die Norweger haben dieses Leistungszentrum entdeckt. Die Schweizer Radprofis und Leichtathleten geniessen Gastrecht – dank guten Beziehungen zu den Nordländern.

«Die Lage ist ausgezeichnet», schwärmt Cancellara. «Ein ideales Trainingsgebiet. Und am Sonntag sind auch die chinesischen Tennisspielerinnen weg. Dann hörst du hier am Ende der Welt nur noch
das stetige, an- und abschwellende
Gezirpe der Grillen.»

Hierhin verläuft sich keiner
Es ist 10 Uhr morgens. Fabian Cancellara wartet auf seinen Berufskollegen Michael Albasini. Richard Steiner (65) steht schon bereit.

Der Delegationsleiter von Swiss Cycling sitzt auf dem Velo. «Solange ich mag, werde ich beim Training mitfahren», sagt der frühere Radquer-Profi und 10-malige WM-Starter. Auch CSC-Mechaniker Roger Theel (De) wagt sich an die rund 140 km lange Trainingsfahrt. Coach René Savary hat es schon gemütlicher. Er wird den Begleitwagen steuern, Pfleger Thomas Heidrich (De) kümmert sich um die Getränke.

«Und?», begrüsst Cancellara Michael Albasini, «Sonnencreme?» Der Thurgauer schüttelt den
Kopf. «Ist ja gar nicht so heiss.» Cancellara schaut Richtung Himmel, schüttelt ein paar Mal den Kopf, klopft dann mit der Faust auf den Helm – «es brätscht rächt!» 33 Grad zeigt das Thermometer bei 60 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Die kleine Wetterstation wird von einem chinesischen Soldaten bewacht. Einem von vielen in diesem Camp. Er lächelt den Europäern scheu zu, bei den Landsmännern aber wird zackig und ohne mit der Miene zu zucken salutiert.

«Für die Chinesen ist das Wichtigste, dass uns nichts passiert», erklärt Cancellara. «Aber hierher – beinahe ans Ende der Welt – verläuft sich keiner.»

Auf dem Trainingsgelände können die zwei Radprofis frei herumlaufen. Der Materialwagen, die Velos werden nicht jedes Mal kontrolliert. Ein Winken der Security-Leute und die Truppe ist durch. «Im Olympic Village wird halt jeder Schritt kontrolliert. Das Ein- und Ausladen jeden Tag für die Trainingsfahrten ist einfach mühsam», meint Coach Savary. «Wir profitieren hier von der Zusammenarbeit mit den fünfzig Norwegern. Wobei deren Radfahrer noch gar nicht eingetroffen sind.»

Fabian Cancellara spricht von Abschalten, von Ruhe, von Zu-sich-selbst-Finden. Er tut sich schwer damit. Ihm fehlt die Familie. Er war seit dem 1. Juli nicht mehr daheim, hat Frau Stefanie und Tochter Giuliana nur kurz am Tour-Ende (27. Juli) für ein Paar Stunden in Paris gesehen.

Aber er hat sein Ziel ausgewählt: Gold im Zeitfahren. Am 13. August gilt es Ernst. «Vier Tage vorher ist ja das Strassenrennen. Und das ist mehr als nur eine Vorbereitung. Es ist eine Strecke für kräftigere Fahrer – Michael und ich haben durchaus Chancen.»

Die Zeitverschiebung bekommen die beiden langsam in den Griff, sind aber morgens um acht (Tagwache) jeweils müde. Bei sechs Stunden Zeitverschiebung ist es dann in Bern zwei Uhr morgens. Um diese Zeit aufzustehen, kennen die Radprofis nicht. Aber um diese Zeit gehen sie auch nicht ins Bett – nur damit keine Missverständnisse aufkommen.

play (Benjamin Soland)

Top 3

1 Walliser Tages-16. Tschopp schnuppert am Giro an den Top Tenbullet
2 De Gendt gewinnt Hammer-Etappe Giro-Leader Rodriguez baut Vorsprung ausbullet
3 Platz 14 im Zeitfahren Cancellara sucht noch seine Formbullet

Rad