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Die Welt von Roger Rinderknecht ist wie guter Punkrock. Kurz, schnell – wie ein Tritt in den Hintern. Nichts für Zartbesaitete. Auf seiner Homepage ist ein Video zu sehen, auf dem sich die Stimme des Kommentators so spektakulär überschlägt wie Rinderknecht und seine drei Gegner auf dem Bike. Es tut schon beim Hinsehen weh.
Der Winterthurer holt schliesslich Silber in diesem WM-Finallauf im Fourcross, der Mountainbike-Disziplin. Zur internationalen Spitze gehört er aber auch im BMX, wo er 2003 Europameister wurde. Und weil der Sport mit den kleinen Rädern olympisch ist, setzt er bis im nächsten Sommer fast alles auf diese Karte. Mit 30 Jahren will er nochmals zum grossen Schlag ausholen.
Ein paar Brüche mehr
Es ist ein kühler grauer Herbstmorgen, als Rinderknecht wiederholt über die BMX-Piste in Dättnau schiesst. Die steile Startrampe runter, dann über Hügel, in eine Linkskurve, mit vollem Tempo über einen mon-strösen Sprung, hinein in eine Wand, wieder Sprünge, zurück in eine Linkskurve und mit letzter Kraft ins Ziel.
«Je nach Kurs sind das 30 bis 40 Sekunden Höchstbelastung», sagt Rinderknecht. «Es verlangt dir alles ab. Das Schwierigste ist aber: Du hast sieben Gegner, nur vier kommen weiter. Und nach 20 Minuten musst du schon bereit sein für den nächsten Lauf.» Bis zu sechs Durchgänge absolvieren die Profis an den Wettkämpfen. Der Sieg ist eine Frage der Kondition, der Technik – aber auch der Erfahrung.
Mit vier Tritten beschleunigt er von 0 auf 60 Stundenkilometer. Die Beine wirbeln über dem Bike mit den kleinen Rädern. Der Sport ist ein Spektakel. Und er ist im Gegensatz zu früher auch anerkannt. «Wir gelten nicht mehr als Rowdies, die mit Kindervelos auf die Schnauze fallen», sagt Rinderknecht.
Die Gefahr kann auch ein Profi wie er nicht immer ausschliessen. Zweimal hat er das Schlüsselbein gebrochen, einmal den Oberarm. Dazu zog er sich Bänderverletzungen und unzählige Schürfwunden zu. «Wenn man eine halbe Million Mal fährt, geht das in Ordnung», sagt er.
Vor drei Jahren in Peking war Rinderknecht bitter enttäuscht. Der 13. Platz bei Olympia war ein schlechter Lohn für den gewaltigen Aufwand.
Konkurrenz aus der Stadt
10 bis 12 Trainingseinheiten macht er pro Woche. Mal 45 Minuten, mal zwei Stunden. Der Kraftaufbau ist auf Explosivität und Schnellkraft ausgelegt. Auf intensive, kurze Reize. Dass die Konkurrenz nicht schläft, hat er gesehen. Mit David Graf hat ihm ausgerechnet ein Winterthurer den Kampf um das Olympiaticket angesagt. Der 22-Jährige erfüllte mit einem 7. Platz in London die Kriterien für Olympia bereits. Der zweifache Familienvater Rinderknecht muss im Frühling nachziehen.
«Ich weiss, dass das Ende langsam näher kommt», sagt er. «Einige haben mir schon gesagt: ‹Du bist vorbei›. Aber das lässt mich kalt.» Er hofft auf eine klare Entscheidung bei der Selektion. Sonst gebe es ein «Riesen-gschiss».
Er lächelt, drückt den Helm über den Kopf. Nochmal die Rampe runter.
Roger Rinderknecht- Benjamin Soland