«Jeder hat vermutet, der andere dopt auch»

  • Aktualisiert am 03.01.2012

ZÜRICH – Ex-Radprofi Rolf Järmann fuhr Rennen mit Epo. Er weiss also, wovon er spricht. Im Blick-Online-Chat nahm er kein Blatt vor den Mund. Hier ist das komplette Protokoll.

Viktor, Zürich: Herr Järmann, sind die Ansprüche im Radsport heute ohen Doping überhaupt noch zu erfüllen?
Ex-Radprofi Rolf Järmann: Im Radsport geht es nicht um Weltrekorde, von daher geht es sicher ohne Doping. Auch die Strecke hat meiner Meinung keinen Einfluss auf das Doping. Der Anreiz für einen 100m-Läufer und einen Marathonläufer, sich zu dopen, sind genau gleich gross.

Mark, Bern: Hallo Rolf, das Thema hier heisst zwar Doping im Radsport, doch andere Sportarten sind genauso verseucht. Ich glaube, dass der Radsport seine letzte Chance endlich packt und jetzt reinen Tisch macht und zwar radikal und nicht mit lauwarmen Geständnissen. Wenn andere wichtige Sportarten (Verbände) glauben ihr Sport sei weitgehend dopingfrei, dann ist das ein Trugschluss. Was schlägst du für Massnahmen vor, um das Dopingproblem in den Griff zu bekommen?
Rolf Järmann: Solange nicht alle Instanzen zusammenarbeiten, wird man den Kampf gegen Doping nie gewinnen. Was wäre, wenn die Industrie in alle anabolikahaltigen Medikament einen roten Farbstoff, in alle Epo-ähnlichen, einen grünen und in die aufputschenden einen blauen Farbstoff verstecken würde? Die Dopingbekämpfung wäre ganz einfach... Der Gewinn der Pharmabranche aber ein bisschen kleiner...

Hanna Widmer, Bern: Haben denn die Sportler keine Angst vor den Nebenwirkungen? Diese Dopingmittel sind doch sicher nicht gesund.
Rolf Järmann: Ich habe mich vor der Einnahme sehr gut informiert, nicht nur von Ärzten aus dem Radsport. Da hatte ich also absolut keine Angst, auch weil ich mit «Mass» gedopt habe. Wenn ich allerdings von Januar bis Dezember gedopt hätte, wäre ich da auch nicht mehr von der Unschädlichkeit überzeugt gewesen.

Simon, Luzern: Sollen bestimmte Sportarten als Gütesiegel künftig eigene «dopingfreie» Ligen einführen?
Rolf Järmann: Das würde nix bringen, denn auch dort gibt es dann wieder solche, die mit dopen beginnen.

Viktor, Zürich: Sie sagen es gehe im Radsport nicht um Rekorde. Warum dopen dann alle? Wenn keiner Dopung nimmt, wären doch alle wieder «gleich» stark.
Rolf Järmann: Das stimmt. In den 90er-Jahren wurde flächendeckend begonnen, weil jeder vermutet hat, der andere nimmt auch. Die Ranglisten hätten ähnlich ausgesehen, wenn niemand gedopt hätte.

David Bauer, Bern: Wusste man früher, dass fast alle anderen auch Doping-Mittel nahmen oder war das alles unter den Fahrern ein Tabuthema?
Rolf Järmann: Bis zu der Skandal-Tour 1998 hat man unter den Fahrern davon gesprochen und mit guten Kollegen «Erfahrungen» ausgetauscht. Nach 1998 konnte man nicht mehr darüber sprechen, da man Angst hatte, verraten zu werden...

Heinz, Gümligen: War Ihrer Meinung nach Lance Armstrong auch gedopt? Wenn einer sieben Mal in Folge die TDF gewinnt ist das schon sehr verdächtig.
Rolf Järmann: Wenn ich hier ja sage, habe ich sofort eine Klage am Hals. Ich hatte das Gefühl, dass an einer Tour de France 90 Prozent gedopt waren und die 10 Prozent die nicht dopten, eher hinten herumfuhren als vorne.

Peter G., Thun: Als Hobby-Radfahrer kann ich es verstehen, dass man für die Mega-Etappen Doping nimmt. Irgendwann ist auch beim besttrainierten Fahrer der Schuss draussen. Müssten denn nicht einfach die Etappen oder die Tours insgesamt weniger extrem werden?
Rolf Järmann: Das würde nix bringen. Man dopt sich nicht, um die Etappen zu überstehen, sondern um schneller als der Zweite zu sein. Bei kürzeren Etappen wird schneller gefahren, also muss man sich dort auch wieder «dopen».

Dimebag: Herr Järmann, was halten sie davon, dass im Moment alle auf Jan Ullrich losgehen? Wieso hört man (fast) nichts zu Armstrong. Es entbehrt doch jeglicher Logik, dass Ullrich gedopt haben soll, Armstrong aber nicht.
Rolf Järmann: Eigentlich geht es darum, dass Jan es endlich mal zugeben soll, da die Indizien ja erdrückend sind. Bei Armstrong hat man nichts in der Hand, um ihm auch Doping vorzuwerfen. Vielleicht hat er es einfach cleverer gemacht ;-)

Reinhard, Döttingen, AG: Sie fordern ein Amnestie für Doping-Sünder: Würde die nur für die Fahrer gelten oder auch für Betreuer, Ärzte und so weiter?
Rolf Järmann: In erster Linie für Fahrer. Für die Ärzte wäre eine Amnestie meiner Meinung nach nicht angebracht oder auch nur so, dass sie nicht im Gefängnis landen, aber besser nicht mehr im Sport weiterwirken sollten.

Olivier Kapp, Binningen: Haben Sie denn auch Doping genommen?
Rolf Järmann: Ja, ich war auch einer von denen, die von 1993 – 1998 EPO genommen haben.

Viktor, Zürich: Wie gross ist die Leistungssteigerung durch Doping? Spürten Sie das wirklich körperlich oder ist das in erster Linie psychisch?
Rolf Järmann: Es kommt darauf an, welche Mittel. Ich habe EPO genommen und das hat wirklich sehr, sehr viel gebracht. Dazu habe ich mal Koffein ausprobiert, das nix gebracht hat und Cortison, wo ich noch schlechter war, wie ohne. Darum habe ich dann auch nur EPO gespritzt. Aber der Kopf ist schon wichtig, wenn man meint, irgendein Zeug bringt was, dann bringt es auch was...

Stephan T., Kleve: Wie durchbrechen wir die Mauer des Schweigens? Müssen die alten Köpfe weg?
Rolf Järmann: Ich bin dagegen, dass die alten Köpfe weg müssen. Alle waren gegen Doping und trotzdem haben alle mitgemacht. Dies war die Zeit damals. Aber man müsste endlich über Doping frei sprechen können, ohne dass jemand im Gefängnis landet oder sonst schlecht gemacht wird. Ich bin für eine Amnestie für Fahrer, die Epo zugeben, auch aktive.

Heinz, Gümligen: Was hältst Du von einer Doping-Freigabe?
Rolf Järmann: Absolut nichts, da man dann zum Doping gezwungen würde, wenn man Sport betreiben will.

H.P. Rennhard, Ehrendingen: Ist ein dopingfreier Radsport nicht eine Illusion? Ich denke es wird immer wieder Fahrer geben, die zu verbotenen Substanzen greifen, und die Kontrolle wird den neuesten Mittel hinterher rennen.
Rolf Järmann: Es wird immer Doping im Sport geben, aber man müsste endlich die Prävention fördern, was bis jetzt nur am Rande geschieht.

Ruedi Brunner, Teufen: Solange Dopen ein Kavaliersdelikt bleibt, wird sich nichts ändern: Der jahrelange Lügner und Betrüger Riis macht eine kurze PK und alles scheint erledigt. Armin Meier hat damals alles geleugnet, bis er nicht mehr anders konnte, ist jetzt TdS-Direktor. Und Cancellara sagt im SoBli, alles sei heute sauber und lobt seinen Chef(-Betrüger) über alles. Ausmisten? Fehlanzeige!
Rolf Järmann: Genau, ausgemistet ist bis jetzt noch nicht worden. Solange die Fahrer gezwungen werden, zu leugnen, wird sich nix ändern.

Reto, ZH: Beim Sport geht es doch offenbar nur noch darum, möglichst viel Geld zu machen – egal um welchen Preis. Oder sehen Sie das anders?
Rolf Järmann: Das Geld spielt beim Sportler selber nicht an erster Stelle, aber in seinem Umfeld. Der Sportler will gewinnen und Annerkennung bekommen.

Flo: Ich bin mir sicher, eine Tour de France wie sie heute zu meistern ist, geht ohne Doping nicht. Um im Radsport zu den 200 Besten zu gehören, muss man Doping nehmen! Solche Leistungen sind sonst gar nicht möglich. Ich glaube an den grossen Touren gibt es keinen Fahrer, der nicht «betrügt». Sehen Sie das ähnlich?
Rolf Järmann: Wenn die 200 besten Fahrer alle kein Doping nehmen, kann man sogar eine Tour de France ohne Doping gewinnen.

Betschart Roger München: Guten Tag Herr Järmann, ich wollte Fragen was so an Kosten anfallen für ein Jahr Doping konsumieren, nehme an das ist nicht ganz billig!
Rolf Järmann: Ich habe jeweils etwa für 4000 Franken pro Jahr EPO gekauft. Soooo teuer war das ja auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass im Sport für 1 Prozent mehr Leistung 100 Prozent mehr Lohn herausspringt.

Schneider Thomas, Zürich: Warum ist Doping gerade im Radsport ein solches Thema? Warum bei anderen Ausdauersportarten nicht?
Rolf Järmann: Weil Radsportler dümmer sind??? Nein, im Radsport will man etwas gegen Doping machen, man geht es vielleicht falsch an. In anderen Sportarten kann man wegen den Weltrekorden nicht auf Doping verzichten, man ist angewiesen darauf. Wenn plötzlich alle merklich langsamer sind, merkt man das an den Rekorden überall an, nur im Radsport eben nicht...

Sandra C., Winterthur: eine ganz anderer frage: Wieso sind die Schweizer nicht mehr vorne dabei im Radsport? Zu ihren Zeiten hatten wir mehrere Stars, heute nur noch den Cancellara. Hatten die Schweizer damals einfach die besten Ärzte? Fehlt es an der Nachwuchsarbeit?
Rolf Järmann: Es gibt immer eine Wellenbewegung, manchmal ist eine Sportart oben, dann wieder unten. Aber zu unserer Zeit sind wir in der Schweiz behütet gross geworden und wenn man dann ins Ausland wechselte und etwas «nachhalf» explodierte die Leistung eben auch nach oben.

Stephan T., Kleve: Erik Zabel ist bisher der einzige aktive Fahrer der Doping gestanden hat. Wie wird ihn das Peloton aufnehmen? Macht man jetzt mit ihm den Simeoni?
Rolf Järmann: Ich glaube nicht, das wichtigste im Feld ist, dass man keinen anderen reinreitet. Wenn du nur für Dich sprichst, sagt keiner etwas.

David, Filzbach: Hallo Rolf. Dann sind wir ehemaligen (sauberen) Eliteamateure aus «deiner» Zeit grundsätzlich die verarschten...? Ich denke, auch eine Amnestie bringt nicht alles zu Tage was läuft und gelaufen ist. Es war für uns praktisch unmöglich, eine SM zu Ende zu fahren bei den Profis... Die 10% fehlten uns halt ;-( Janu, das war nun halt mal so, etwas andere als akzeptieren bleibt uns nicht übrig! Gruess
Rolf Järmann: Tja, das war so. Ein sauberer Amateur hatte gegen die unsauberen Profis keine Chance. Allerdings sind wir alle ohne Doping Profis geworden und haben dort auch erfolge gefeiert, als wir sauber waren.

Jufer Michael, Bern: Können Sie sich heute einfach aufs Rad setzen und ohne Uhr, Pulsmesser etc. stundenlang fahren gehen, ohne diesen den Wettkampfgedanken in sich zu haben? Sprich, den Sport einfach geniessen?
Rolf Järmann: Ja sicher, bei meinem Tempo heute wäre ein Wettkampf ein Grauen....

Tom, Berikon: Was heisst, Radfahrer werden gezwungen zum Leugnen? Wer zwingt sie? Wer zwingt die Fahrer zum lügen?
Rolf Järmann: Sobald man zugibt, gedopt zu haben, wird man sofort gesperrt, hat kein Einkommen mahr, die Familie sitzt auf dem Trockenen. Nur «reiche» können eine zweijährige Sperre durchhalten.

Bernie: Hallo, haben Sie die Pressekonferenz Aldag/Zabel gesehen? Und was ging Ihnen dabei durch den Kopf?
Rolf Järmann: Ich habe sie gesehen und ich war absolut nicht glücklich darüber. Wenn sie schon gestehen, sollen sie doch bitte alles gestehen und nicht nur das, was fast bewiesen ist. Ist aber nur meine Meinung...

Bernie: Hallo, wird in der Schweiz gut kontrolliert, oder gibt es hier noch viele Schlupflöcher?
Rolf Järmann: Die Kontrollen sind sehr gut, vor allem, weil fast nur noch unangemeldete Trainingskontrollen gemacht werden. Aber die Kontrollen hinken eben immer hinterher

Lutz Claudio, Steffisburg: Amnestie? Betrüger gehören in den Knast!
Rolf Järmann: Wer wurde betrogen? die Zuschauer und die Sponsoren, aber nicht die Gegner, weil die ja auch mitgemacht haben.

H.P.Rennhard Ehrendingen: Ich denke man sollte alles unternehmen um diese schöne Sportart aus dem momentanen «Dopingsumpf» zu befreien und ihn vor einem Schattendasein zu befreien. Wir will heute die Jugend noch zum Radsport anhalten?
Rolf Järmann: Der Radsport ist immer noch eine sehr schöne Sportart, aber alle schauen halt nur zu den Profis aus. Vielleicht ändert ja jetzt etwas, allerdings warte ich nun schon seit 1998 darauf, dass endlich mal was passiert

Stefan, Illnau: Können Sie sich noch mitfreuen, wenn Cancellara eine «Classique» gewinnt?
Rolf Järmann: Ja sicher, weil er dann an diesem Tag der Beste ist. Der 2. und 3. sind bestimmt auch nicht (un-)sauberer wie der 1.

Andi, Näfels: Was hat Sie veranlasst Doping zu nehmen? Geld oder Ehrgeiz ?
Rolf Järmann: Ehrgeiz, Rennen zu gewinnen und der Beste zu sein. Geld kommt immer erst nach der Ziellinie in den Kopf aber nie vorher.

Mark, Bern: Da gehe ich mit dir nicht ganz einig. Die Ranglisten hätten in den 90er-Jahren nicht fast gleich ausgesehen. Rennfahrer wie Ullrich waren sicher so talentiert, dass sie auch unter lauter Ungedopten oben vorne gewesen wäre. Man sollte aber nicht vergessen, dass es auch viele talentierte Sportler auf Doping verzichtet haben und deshalb gar nie den grossen Erfolg haben konnten. Mittelmässige talentierte Fahrer haben die dann am Berg locker abgehängt, nur dank Doping. Das finde ich die grosse Ungerechtigkeit diesen Fahrern gegenüber! Die werden nie mehr eine Wiedergutmachung erfahren, weder finanziell noch moralisch... Das darf in Zukunft nicht mehr so sein, deshalb bin ich für eine Kriminalisierung des Dopingkonsums. In meinen Augen ist es nämlich nichts anderes als Betrug, nicht nur gegenüber Fans und Sponsoren, sondern vor allem gegenüber ehrlichen Sportlern, denen sie Verträge und Preisgeld wegnehmen. Wie siehst du das?
Rolf Järmann: Da hast du schon Recht, aber glaube mir, es hat nicht viele sauberen gegeben. Aber dass muss man sagen, Hut ab, vor denen, die immer sauber geblieben sind! Aber wer jubelt denn denen schon zu? niemand. Die werden an der Tour de Suisse in abgehängten Grüppchen von den Zuschauern noch als Faule Säcke beschimpft.

Stefan, Illnau: 1998 war der Festina-Skandal, mir scheint, dass bisher nichts Einschneidendes passiert ist. Oder wie sehen sie dies?
Rolf Järmann: Eben, da ist viel zu wenig passiert. Fast gar nichts,

Bernie: Hallo, als Sie noch aktiv waren und knapp ein Sieg verpasst haben, was ging bei Ihnen durch den Kopf? Immerhin Zweiter, Epo sei Dank, oder: ich brauch mehr von diesem Doping? Oder gar: lieber schlechter fahren dafür mit reinem Gewissen
Rolf Järmann: Da habe ich mich aufgeregt, dass ich nicht gewonnen habe. Aber an Doping habe ich da sicher nicht gedacht

Stefan, Illnau: Würden sie wollen, dass ihr Sohn Profi-Radsportler wird? Könnten sie dies als Vater verantworten?
Rolf Järmann: Ja das könnte ich mit guten Gewissen. Auf alle Fälle viel besser, wie wenn er Schwimmer oder Leichtathlet werden würde...

Rudi, Zürich: Kann man theoretisch davon ausgehen dass alle, somit auch Rominger, Indurain und Ullrich Doping genommen haben?
Rolf Järmann: Ich weiss es nicht, ich habe ja keine Beweise. Aus meiner Sicht dazumal, war es so. Allerdings wären diese drei auch ganz vorne, wenn alle sauber gefahren wären.

Balet, Benoit, Wettingen: Rolf, du bist der Grösste! Der einzige mit Mut, der es von sich selber und ohne Druck zugegeben hat! Chapeau monsieur!
Rolf Järmann: Danke, solche Komplimente nehme ich gerne an, ob sie gerechtfertigt sind oder nicht.

H.P. Rennhard, Ehrendingen: Haben sie «Nachwehen» von der Einnahme von EPO? Ja, ich denke auch das eine Prävention für sauberen Radsport sehr wichtig wäre, da könnten wohl «geschädigte» Fahrer wie sie eine aktive Rolle übernehmen.
Rolf Järmann: Ich würde sehr gerne in der Prävention mitwirken, aber bis jetzt wurde ich noch nie angefragt und die Sportverbände stehen ja nicht so auf «gedopte» Sportler auch als Funktionäre.

Schwarz, Kreuzlingen: wer hier von Amnestie redet, der hat die tragweite dieses Skandals nicht verstanden. Gegenteiliges müsste nämlich der fall sein. Die Arbeitgeber müssten die Gehälter zurückverlangen!
Rolf Järmann: Okay, und die Sportler erhalten dafür den vergrösserte Gewinn des Unternehmens wie bei Festina zum Beispiel?

Andy Müller, Zug: Ist es aber nicht so, dass ihr erst die Chance auf einen Profivertrag bekommt, wenn ihr auch zum Doping ja sagt.
Rolf Järmann: Nein, das bestimmt nicht. Meine Meinung wurde von den Mannschaften immer akzeptiert, als ich kein Doping nehmen wollte. Profiteams sind «heiss» auf saubere Sportler

Peter Leuenberger, Bärau: Wie siehts eigentlich aus in Sachen Doping im Eishockey oder Fussball?
Rolf Järmann: Dass weiss ich auch nicht. Aber wenn man bedenkt, dass EPO hilft, wenn die Muskeln übersäuert werden, und dies passiert nach 40 Sekunden intensiver Anstrengung, dann gibt es wenige Sportarten, wo es nix bringt.

Filip, Schwerzenbach: Waren die Doping-Kontrollen vor 10-20 Jahren so viel schlechter als heute oder was glauben sie ist der Grund des «Massenkonsums»?
Rolf Järmann: Der Grund darin ist, dass die heutigen Medikamente einen wirklich grossen Leistungsschub bringen, so dass man als sauberer Sportler fast nix mehr gewinnen kann. Früher konnte man sauber immer noch gewinnen, weil die Leistungssteigerung mit Doping nicht so gross war.

Roland, Zürich: Wie viel bringt EPO-Doping? z.B. bei einer Strecke, die man clean in drei Stunden schafft, wie viel schneller ist man in etwa mit EPO?
Rolf Järmann: Schwer zu sagen, aber ich schätze mal so 10 Minuten...

Lisa, Biel: Wie können Sie behaupten, dass alle Amateure den Sprung zu den Profis sauber geschafft haben?
Rolf Järmann: Das kann ich nicht behaupten, ich weiss nur, dass das in meiner Zeit so war und ich und meine Kollegen, die ich gut kenne, dass wir dazumal ALLE sauber zu den Profis übertraten und dort zu Beginn auch sauber blieben

I. Warthmann, Zürich: In welchem Alter wird man im Radsport mit Doping konfrontiert?
Rolf Järmann: bei mir war es dazumal mit 25 Jahren. Heut sicher früher, jeder Nachwuchsathlet liest ja Zeitung...

Müller Andy Zug: Ich bin nicht fürs Doping, aber ich bin der Meinung, dass wenn man schon überführt wird, dass man auch dazu steht (siehe Oskar Camenzind)
Rolf Järmann: Ganz genau, Oskar hat im Gegensatz zu Jan Ullrich seine Glaubwürdigkeit behalten.

Rachel, Bern: War der Fall «Pantani» nicht Warnung genug? Ist den Radfahrern die Gesundheit so unwichtig?
Rolf Järmann: Das war keine Warnung. Pantani hat mit Doping übertreiben, das wussten bei uns fast alle, oder mindestens gab es vor seinem Tod schon viele Gerüchte. Und gestorben ist er an einer Überdosis Drogen.

Andi, Näfels: Wer hat Ihnen das Arztzeugnis ausgestellt, die Ihnen erlaubt hat in der Apotheke EPO zu kaufen?
Rolf Järmann: Ich würde darauf lieber keine Antwort geben. Aber mit einem Computer, einer Fake-Adresse in Italien und einer unleserlichen Unterschrift ist ein Rezept schnell gemacht... Und der Apotheker wollte ja auch nur Geld verdienen.

D.Dumoulin Hochdorf: Es wird der Tag kommen an der keine TV Station diese Sportart übertragen wird.
Rolf Järmann: Könnte sein, aber dann darf auch die Olympiade nicht mehr übertragen werden...

John, Bern: Hallo Rolf. Was denkst Du, gibt es von den aktuellen Fahrern wirklich solche die sauber fahren?
Rolf Järmann: Ja, das gibt es ganz bestimmt. Das hat es schon zu meiner Zeit gegeben. Und man muss auch bedenken, dass wir dazumal ca. 8 Wochen pro Jahr gedopt waren und die restlichen 44 Wochen sauber gefahren sind.

M.S., Zürich: Rolf Järmann, Sie haben vorhin erwähnt, wenn man das Doping legalisieren würde, wäre man gezwungen Doping einzunehmen. Als ehemaliger Radsport-Junior wurde mir im Alter von 19 Jahren ganz klar dargestellt, dass ich OHNE nicht mehr weiterkommen könnte. Also gab es für mich auch keine Wahl.
Rolf Järmann: Mich nimmt wunder, von wem du diese Informationen hattest. Aber das ist genau das Problem, es gibt keine Anlaufstelle für Nachwuchssportler, wo sie sich objektiv mit allem wenn und aber informieren können und offene Fragen stellen dürfen.

Peter Leuenberger, Bärau: Ist der Radsport heute sauberer als in den 90iger Jahren? Ich kann mir das einfach fast nicht vorstellen?
Rolf Järmann: Das weiss ich zum Glück nicht, da ich nun als Aussenstehender nicht mehr den gleichen Einblick habe, wie früher.

Bernie: Mit welchen Gefühlen schauen Sie dieses Jahr den Giro oder die Tour France/Suisse an?
Rolf Järmann: Mit der nötigen Distanz. Aber die Sieger bringen immer eine super Leistung, da sie meistens ja nicht «ehrlicher» sind wie die weiter hinten.

Mark, Bern: Da kann ich David aus Filzbach nur zustimmen. Die ehrlichen Rennfahrer sind jetzt die Verarschten und werden keine Wiedergutmachung erfahren. Ausserdem gab es auch schon bei den Elite-Amateuren solche, die nur dank einem Doktor in Lausanne einen Profivertrag erhalten haben ... Ich rechne dir allerdings hoch an, dass du einer der wenigen warst, die «frewillig» gestanden haben. Hättest du persönlich auch gedopt, wenn du gewusst hättest, dass deine Urinprobe 10 Jahre aufbewahrt werden könnte, um zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt mit neuen Testverfahren kontrolliert zu werden?
Rolf Järmann: Ich glaube, dann hätte ich nicht damit begonnen. Ich war ein grosser «Schisshas».

Lisa, Biel: Im Moment ist nur die Rede von EPO. Was ist mit Wachstumshormonen, aufputschenden Drogen, dem so genannten «Pot Belge». Welche Rolle spielten diese Stoffe zu ihrer Zeit? Welche Rolle spielen sie heute?
Rolf Järmann: Heute weiss ich es nicht. Aber den «Pot Belge» und Wachstumshormone haben nur die hartgesottenen genommen, die meisten nahmen «nur» EPO

H.P. Rennhard, Ehrendingen: : Wie gefährlich ist die Einnahme dieser verbotenen Substanzen, wie Anabolika, Testosteron, EPO usw., da sind doch sicher Nebenwirkungen zu erwarten, wäre es nicht auch angebracht in der Öffentlichkeit über dieses Kapitel zu reden? Dies gehört sicher auch zur Prävention.
Rolf Järmann: Da müsste man besser einen Arzt fragen. Epo in Massen hatte für mich keine einzige Nebenwirkung. Vielleicht auch, weil wir es nie übertrieben und als Profisportler unter ärztlicher Überwachung standen.

Mark, Bern: Ich bin im Profibereich gefahren und habe niemals gedopt. Natürlich sind grosse Erfolge nicht möglich gewesen. Es war mir schon Mitte der 90er-Jahre bewusst, dass das nur mit EPO möglich ist. Trotzdem war es für mich nie ein Thema. Wenn ich mir jetzt so alte Ranglisten anschaue und sehe wer schon gestanden hat oder wer mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mitgemacht hat, dann fühle ich mich schon beschissen und mir ist bewusst, wie viel Geld mir «gestohlen» wurde. Keine Versicherung kann so einen Schaden ersetzen. Ich habe auch immer gewartet, 1998 nach dem Festina-Skandal besonders, habe immer wieder geglaubt, dass sich was ändert, aber nichts ist passiert. Meine Karriere ist jetzt vorbei, doch ich hoffe, dass die jetzige Generation endlich würdige Bedingungen vorfindet, Spitzensport zu treiben. Ich glaube, dass das Problem nur durch die Politiker (Gesetze) gelöst werden kann. Vielleicht versuchst du dich mal als Sportpolitiker? Kompetente Politiker, die sich für den Sport einsetzen fehlen nämlich in Bern weitgehend...
Rolf Järmann: Da gebe ich dir recht und ich bewundere dich, dass du den sauberen Sportler durchgezogen hast. Erst wenn die ganz grossen Sportverbände den Kampf gegen das Doping wirklich ernst nehmen, wird sich etwas ändern.

Toni, Luzern: Ciao Rolf, Doping hin oder her... Radsport ist und wird eine der faszinierenden Sportarten bleiben! Ich denke nur schon an die grossen Rundfahrten die es gibt und was für Massen die anziehen. Was denkst du?
Rolf Järmann: Radsport ist eine faszinierende Sportart. Aber all die Sportler, die dauernd sagen, ich bin sauber und dann später doch zugeben, dass sie gedopt haben, dies schadet dem Sport, nicht das eigentliche Doping. Den Zuschauer interessiert es nicht, ob die Sportler gedopt sind, aber er will sich nicht belügen lassen. Und da stimme ich dem Zuschauer bei.

Sven Wettingen: Hallo Herr Järmann, von mir aus ist jeder der mit Sport, in dem es um kraft und Ausdauer geht, gedopt. Und die Beichten und die Balco Affäre sprechen ja für sich.
Rolf Järmann: Jeder nicht, aber viele

Stefan, Illnau: Vielen Dank für Ihre beispiellose Offenheit. Schade, dass es nicht mehr Athleten von Ihrer Sorte gibt. Die ehemaligen Telekom-Fahrern gestehen ja leider nur das, was man ohnehin schon weiss. Ich wünsche Ihnen alles Gute, und dass Leute wie Sie den Radsport «sauber» kriegen. Es ist eine wirklich faszinierende Sportart!
Rolf Järmann: Danke, ich bin wenigstens Stolz darauf, dass ich nie lügen musste. Ich bin nur ein einziges Mal gefragt worden, ob ich dope oder nicht...

Mark, Bern: Dass in den Neunziger-Jahren sehr viele gedopt haben, das ist sicher so. Ob die Ranglisten ähnlich ausgesehen hätten, da bin ich mir nicht ganz sicher.
Rolf Järmann: Das wissen wir heute leider nicht. Allerdings glaube ich auch, dass wenn keiner gedopt hätte, hätte ich einige Siege mehr auf meinem Konto ;-)

Turi Gerber, Bassersdorf: Ist es nicht auch so, dass die «alten» Radlegenden wie Indurain, Rominger, Mercxk, LeMond, etc. auch bis zum Optimum gedopt waren?
Rolf Järmann: Das kann ich leider auch nicht sagen, so ganz sauber war ja zumindest Merckx nicht, da er 3x erwischt wurde...

Rene, Zürich: Wie sehen sie das im Triathlon, gilt ja bis jetzt (mit einigen ausnahmen) als relativ sauber, aber die Sportart scheint ja für Doping auch prädestiniert?
Rolf Järmann: Es gelten ja alle Sportarten sauber ausser Radsport und Bodybilding... aber die Medikamente wirken bei allen genau gleich.

Joe, Bern: Warum sollen Dopingsünder nicht bestraft werden? Wo bleibt da die Moral?
Rolf Järmann: Dopingsünder sollen schon bestraft werden, wenn sie erwischt werden. Aber alle, die von sich aus Fakten auf den Tisch legen und zugeben, die helfen dem Sport eventuell dopingfrei zu werden.

Olivier Kapp, Binningen: Respekt vor Ihrer ehrlichen Antwort! Nur so kommt der Radsport wieder zu dem was er mal war, einer faszinierenden Sportart mit tollen Kämpfern und Persönlichkeiten. Ich wünsche ihnen und dem Radsport alles gute!
Rolf Järmann: Vielen Dank. Und danke an all die tollen Fragen, die ich beantworten durfte.

Zabel fährt weiter

Der deutsche Radprofi Erik Zabel (36) darf seine Karriere beim Team Milram zumindest bis zum Saisonende fortsetzen. Das gaben Hauptsponsor Nordmilch und der Rennstall gestern Dienstag bekannt. Zabel hatte letzte Woche gestanden, sich 1996 mit EPO gedopt zu haben.

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