Cancellara: «Peking kann kommen»

  • Publiziert: 23.07 Uhr, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Hans-Peter Hildbrand aus Saint-Amand-Montrond

Den Etappensieg verpasst, aber das Gelbe Trikot gewonnen. Fabian Cancellara (27) und sein Team waren gestern die Glücklichsten.

Das dänische CSC-Team, an dieser Tour de France klar das stärkste, krönte sich auf der zweitletzten Etappe selbst.

Teamleader Carlos Sastre (33) wuchs über sich hinaus. Der Spanier fuhr das Zeitfahren seines Lebens. Er wird heute auf den Champs-Elysées die 98. Tour de France gewinnen. Vor Cadel Evans (Aus) und Bergkönig Bernhard Kohl (Ö). Die letzte Etappe wird wie immer zu einem Schaulaufen und endet mit einem Massensprint in Paris.

«Wenn ein Team das Gelbe Trikot verdient hat, dann wir. Wenn es ein Fahrer verdient hat, dann Carlos Sastre», freute sich Fabian Cancellara. «Dass ich nicht gewonnen habe, ist nicht so tragisch. Der Sieg war ja auch nicht mein erstes Ziel.» Er wusste, warum es nicht sein Ziel war.

Cancellara ist in den letzten drei Wochen fast jeden Tag ein Zeitfahren gefahren. Für sein Team, für seine Leader Carlos Sastre und Fränk Schleck. Und auch für Andy Schleck (23), den besten Jungprofi und Gewinner des Weissen Trikots. Sein Gesicht ist kantiger geworden. Heute Abend beim festlichen Teamdinner in Paris wird Fabian Cancellara wieder zwei Finger in den geschlossenen Hemdkragen stecken können. Der Anteil seines Körperfetts ist ein Prozent tiefer als noch beim Tour-Start in Brest (8 Prozent).

Nur die zwei echten Einzelrennen gegen die Uhr konnte der Berner nicht gewinnen. Die Kraft in den Beinen, die hat er behalten. Und auch die mentale Kraft, die die Beine steuern. «Peking kann kommen», sagte er nach dem ersten Medien-Marathon vor den TV-Kameras schmunzelnd. Er wusste, dass er ein gutes Zeitfahren auf die 53 Kilometer gelegt hatte. Kein Vergleich mit dem ersten in Cholet, als er auf Sieger Stefan Schumacher (De) 33 Sekunden verloren hatte.

Damals war er gestresst. Von dem ständigen «Geheue» auf den drei Flachetappen, den 570 Kilometern durch die Bretagne. Genervt vom stetigen Schubsen, der Millimeterarbeit durch die Zuschauerreihen. Und dann noch die Sorge um seinen Leader Fränk Schleck («hinter Fabian fahre ich wie auf Schienen»). Er war im Kopf nicht frei.

Das erste Zeitfahren in Cholet hat er aus dem Gedächtnis gestrichen. Wie die US-amerikanische Golf- Legende Jack Nicklaus (68). Der 18-fache Major-Sieger (Rekord) betonte immer und immer wieder, noch nie einen Putt aus 30 Zentimetern verfehlt zu haben – obwohl auch ihm das passiert ist.

18 Tage sind seit der damaligen Etappe vergangen, die Fahrer haben fast 3400 Kilometer in den Beinen, mit den Pyrenäen und Alpen. Fabian Cancellara fuhr noch nicht das Zeitfahren seines Lebens. Das muss er ja erst am 13. August an den Olympischen Sommerspielen in Peking zeigen.

«Wichtig war für mich die mentale Vorbereitung», sagte er gestern nach seiner 8. Dopingkontrolle. «Kaum im Sattel, die ersten Pedalumdrehungen und ich hatte dieses schöne Gefühl. Es lief.» Der Kopf war frei, die Gedanken konzentriert. «Schliesslich ist es der Kopf, der die Beine dirigiert. Ich wollte den Kopf frei haben, den Start in Peking simulieren. Das ist mir gelungen.»

Nach der ersten Zwischenzeit (18 km) war er noch zeitgleich mit dem späteren Sieger Stefan Schumacher. Dass er auf der zweiten Streckenhälfte über 30 Sekunden auf Schumacher einbüsste, fand er «komisch». Beunruhigte ihn aber nicht. «Ich bin müde. Ein Zeitfahren an der Tour ist nicht zu vergleichen mit einem Zeitfahren an Titelkämpfen. Hier gewinnt nicht der stärkste Zeitfahrer, sondern der frischeste.»

Zweimal hat er an der Tour de France gegen Stefan Schumacher verloren. In Peking wird er sich eine dritte Niederlage nie verzeihen.

play Teamwork: «Wenn ein Fahrer das Gelbe Trikot verdient hat, dann Carlos Sastre», freute sich Fabian Cancellara (links) für seinen Teamkollegen. (Reuters)

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