Andy Rihs: «Ende Jahr ist Schluss»

  • Publiziert: 15.08.2006, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Mario Casanova

OPFIKON – Um 11.09 Uhr wars soweit: Phonak-Boss Andy Rihs gibt auf – ein Stück Schweizer Radsport ist nur noch (schmutzige Doping-)Geschichte.

Sieben Jahre rannte der Stäfner Hörgeräte-Hersteller und Radsport-Fan Andy Rihs dem Erfolg hinterher. Die Krönung in diesem Jahr: US-Star Floyd Landis gewinnt in den grün-gelben Phonak-Farben die Tour de France.

Doch Landis wird in der 17. Etappe, einen Tag nach seinem Einbruch und einem Husarenritt hinauf nach Morzine, des Testosteron-Missbrauchs überführt. Am 27. Juli schockiert die Doping-Nachricht die ganze Radsport-Welt.

Landis selber flüchtet sich – wie so viele überführte Dopingsünder – in faule Ausreden: Zu viel Bier und Whisky getrunken, Schilddrüsen-Funktion. Landis kämpft wie viele andere um seine Unschuld.

Etwa wie Jan Ullrich («Ich wurde nie positiv getestet»), 100-m-«Weltrekordler» Justin Gatlin («Eine Salbe ist schuld»), 5000-m-Olympiasieger Dieter Baumann («Zahnpasta-Sabotage»), US-Sprinter Denis Mitchell («Zu viel Sex und Bier»), Radprofi Gilberto Simoni («Ich erhielt bei einer Tante in Peru Tee mit Kokain»), Radprofi Raimondas Rumsas («Die gefundenen Medikamente sind für meine kranke Schwiegermutter»). Die Liste liesse sich beliebig verlängern...

Auch Floyd Landis ist ein Betrüger. Mit diesem letzten von zwölf Phonak-Dopingfällen in sieben Jahren stirbt nun auch ein schönes Stück Schweizer Radsport-Geschichte.

Der Name Phonak wäre im Profiradsport sowieso kleiner geschrieben worden. Rihs hatte mit dem US-Fondsverwalter iShares einen neuen, potenten Hauptsponsor gefunden, der sein Signet auf den Trikots der Rennfahrer prangen sehen wollte. Rihs hätte mit seiner ARcycling AG die Infrastruktur gestellt.

Doch nach dem «Fall Landis» einigte man sich mit iShares über eine vorzeitige Vertragsauflösung. Den Bemühungen, andere Sponsoren zu finden, die das Budget von 15 bis 17 Millionen Franken gedeckt hätten, war kein Erfolg beschieden.

Bis Ende Jahr wird Andy Rihs seine Verpflichtungen einhalten und das Team alle Rennen bestreiten, auch die Spanien-Rundfahrt im Herbst. Rihs macht das unter anderem auch deshalb, um seinen Fahrern die Gelegenheit zu bieten, sich für andere Sportgruppen zu empfehlen. Insgesamt sind 55 Mitarbeiter betroffen.

Der Entscheid ist für den Schweizer Radsport eine mittlere Katastrophe, weil Phonak zehn einheimische Profis beschäftigt, von denen erst Martin Elmiger einen neuen Arbeitgeber gefunden hat.

Andy Rihs verschwindet aber nicht ganz von der Bildfläche des Schweizer Sports: Er ist u.a. auch engagiert bei Alinghi (verteidigt 2007 den America’s-Cup) und dem Fussballstadion Stade de Suisse in Bern.

Und die Begeisterung von Andy Rihs für den Radsport ist und bleibt so gross, dass er gewisse Nachwuchsprojekte und Vorhaben des nationalen Verbandes Swiss Cycling auch künftig unterstützt.

12 Dopingfälle in 7 Jahren

ZÜRICH – Nicht weniger als zwölf Mal stand Phonak in sieben Jahren Profiradsport in den Dopingschlagzeilen.

Jochen Summer: Dem Österreicher wird im Herbst 2000 der Missbrauch von Phentermin nachgewiesen.
Massimo Strazzer: Am 2. November 2001 bei der Bahn-WM in Antwerpen positiv auf Epo getestet. Die B-Probe ist negativ – der Italiener wird freigesprochen.
Matthias Buxhofer: Am 15. August 2002 wird der Österreicher während der Dänemark-Rundfahrt positiv auf Norandrosteron getestet und im Oktober entlassen.
Reto Bergmann: Der Schweizer gibt am 3. Februar 2003 zu, im Trainingslager in Spanien Andriol (Testosteron) mitgeführt zu haben, besteht aber darauf, nicht als Dopingsünder zu gelten.
Oscar Camenzind: Wird im Training positiv auf Epo getestet. Der Weltmeister von 1998 verzichtet am 9. August 2004 auf eine B-Probe und tritt zurück.
Tylor Hamilton: Am 21. September 2004 wird der Teamleader als Fremdblut-Dopingsünder überführt und vom Team suspendiert. Der US-Star bestreitet noch heute alle Vorwürfe und will nach seiner Sperre ein Comeback geben. Der Amerikaner bleibt nur Olympiasieger im Zeitfahren, weil die von ihm in Athen abgegebene Blutprobe unsachgemäss aufbewahrt wurde und keine Gegenanalyse vorgenommen werden konnte. Die in der Vuelta vorgenommene Kontrolle hingegen ist hieb- und stichfest.
Santiago Perez: Phonak suspendiert am 5. Oktober 2004 den Spanier, nachdem ihm Fremdblut-Transfusion nachgewiesen wird.
Tomasz Nose: Nach internen verdächtigen Kontrollen wird der Slowene am 15. Juni 2005 aus dem Rennbetrieb zurückgezogen.
Fabrizio Guidi: Der Italiener wird am 31. Juli 2005 während der Österreich-Rundfahrt positiv auf Epo getestet. Die B-Probe ist negativ.
Santos Gonzales: Phonak entlässt am 17. September 2005 den Spanier, nachdem Kontrollen auffällige Werte ergeben haben.
Sascha Urweider: Eine Trainingskontrolle am 13. März 2006 ergibt beim Schweizer einen zu hohen Testosteron-Wert. Entlassung und Rücktritt.
Santiago Botero, José Enrique und Ignacio Gutierrez: Das Trio wird am 2. Juni 2006 aus dem Rennbetrieb zurückgezogen, weil der Kolumbier und die spanischen Brüder in Verbindung mit der Dopingaffäre um Manolo Sainz und Dr. Eufemiano Fuentes stehen.
Floyd Landis: Am 27. Juli 2006 wird bekannt, dass Tour-de-France-Sieger Floyd Landis auf der 17. Etappe positiv auf Testosteron getestet worden ist.

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