Kamber: «TdF-Sieg ohne Doping praktisch unmöglich»

  • Publiziert: 12.08.2008, Aktualisiert: 03.01.2012
play Der Doping-Experte Matthias Kamber (r.) mit Blick.ch-Sportredaktor Luca Keusen im Chat.

Gendoping, unzählige Schwimmrekorde, chinesische Sportler, Cannabis, Radsport, Blutproben. Lesen Sie im kompletten Chat-Protokoll nach, was der Dopingexperte Matthias Kamber zu diesen brisanten Themen zu sagen hat!

Während einer Stunde beantwortete der Doping-Experte Matthias Kamber Fragen von Blick.ch-Lesern.

Das vollständige Chat-Protokoll zum Nachlesen:

Kurt, Zürich: Wieso erwischt es nicht alle Doper?
Matthias Kamber: Erstens testen wir nicht alle Sporttreibenden, es ist immer nur eine Auswahl. Zweitens gibt es immer noch Dopingmittel, die nicht nachweisbar sind (z.B. Eigenblutdoping).

Fredy Zurbrügg, Bern: Wer führt in Peking die Kontrollen durch?
Matthias Kamber: An Olympischen Spielen ist immer das IOK alleine für die Kontrollen zuständig.

Hugo Balzer, Jona: Wie erklären sie sich die Leistungssteigerungen in Sportarten wie Schwimmen, während die Medien sich ausschliesslich auf den Radsport einzuschiessen scheinen?
Matthias Kamber: Beim Schwimmen ist scheinbar die Technik (Schwimmanzüge, Bewegungen) noch nicht so wie in anderen Sportarten ausgereizt. Dies zeigt, dass einzelne Schwimmer über mehrer Distanzen und Lagen top sind, in anderen Sportarten währen sie spezialisierter. Im Radsport sind seit Beginn der Dopingbekämpfung immer wieder organisierte Dopingstrukturen aufgetaucht, deshalb wird der Radsport von Medien stärker beobachtet.

Fränz Gehring, Olten: Weshalb wird Fabian Cancellara so oft kontrolliert? Ist er gedopt? Und was würde mit ihm passieren, wenn er erwischt würde?
Matthias Kamber: Fabian Cancellara wird einerseits durch das teameigene Programm, durch die WADA, durch die UCI und durch uns unabhängig voneinander getestet. Dies hat nichts mit einem allfälligen Dopingverdacht zu tun. Würde er erwischt, käme der übliche Sanktionenkatalog zum Zug (z.B. 2 Jahre Sperre bei EPO).

Fränz Gehring, Olten: Haben Sie selber schon einmal gedopt. Sozusagen zu Testzwecken?
Matthias Kamber: Als früherer Laborleiter haben wir Selbstversuche zu Ausscheidungszwecken gemacht, ich verwendete einmal schwache Stimulanzien wie Ephedrin.

Schenk Stephan Bern: Hallo Herr Kamber, kennen Sie die Sachen die der angebl. Dopingbeschaffer Angel Heredia erzählt? Ist das wirklich alles wahr? gem. ihm ist ja kein Athlet der konstant Spitzenleistungen erbringt sauber?
Matthias Kamber: Ich kenne sie teilweise, es ist schwierig zu beurteilen wenn man nicht alle Fakten kennt. Es kommt auf die jeweilige Spitzenleistung, die Häufigkeit der Leistungen und die Sportart an, deshalb kann die Frage nicht generell beantwortet werden.

Müller Roman, Herrenschwanden: Sehr geehrter Herr Kamber, ich selber bin auch Sportler und wurde auch schon für eine Kontrolle aufgeboten. Jedoch meine Frage an Sie: Wie wird man eigendlich Doping Kontrolleur für Swiss Olympic?Muss man da eine Ausbildung machen? Ist dies ein Vollamtlicher Beruf?
Matthias Kamber: Antidoping Schweiz hat zwei Arten von Kontrolleuren: Vier Profikontrolleure, die vollamtlich angestellt sind und rund 30 Milizkontrolleure, die teilzeit für uns arbeiten. Alle Kontrolleure müssen eine mehrstufige Ausbildung durchlaufen, sonst dürfen sie keine Kontrollen durchführen. Bei Intresse kann man sich bei uns melden.

Lenzi Patrik, Appenzell: Herr Kamber, ist es beim Radsport überhaupt noch möglich, ohne Doping in der Weltspitz mitzufahren? Und ist eine Tour de France überhaupt fahrbar ohne Doping?
Matthias Kamber: Ich bin überzeugt, dass man im Radsport ohne Doping Spitzenleistungen erbringen kann. Die Tour de France ist meines Erachtens mit den heutigen Tempi schwer ohne Doping zu gewinnen.

René, St.Gallen: Wie kommt es, dass es eine Wada gibt, aber in jedem Land andere Gesetze herrschen? Z.B Spanien hat lockere Gesetze als wir... da stellt sich die Schweiz in sportlicher Hinsicht ja selbst das Bein.
Matthias Kamber: Die WADA ist für den privatrechtlichen Sport zuständig, das heisst, sie macht alle Reglemente bezüglich Kontrollen. Diese sind weltweit harmonisiert. Die Staaten sind in der Regel für die Bestrafung des Umfeldes zuständig. Gegenwärtig hat Spanien sogar eine strengere Gesetzgebung als die Schweiz.

Buchmann Michel, Aarwangen: Wie wird mit den Herstellern der Substanzen zusammengearbeitet? Wären Zusatzstoffe in den Präparaten nicht sinnvoll?
Matthias Kamber: Dies kommt ganz auf die Substanz und die herstellende Firma an. Sind es ganz neue Medikamente, ist die Zusammenarbeit aus patentrechtlichen Gründen schwieriger. Zusatzstoffe in Präparaten lösen das Problem nicht, diese können ja durch Untergrundlabors wieder entfernt werden. In Zukunft wird aber eine enge Zusammenarbeit mit Herstellern matchentscheidend sein.

hansruedi: wird cannabis auch als doping verwendet?
Matthias Kamber: Cannabis ist seit 2004 in allen Sportarten am Wettkampf verboten. Bei einigen Sportarten, wie Mountainbike Downhill oder Skispringen, kann die enthemmende Wirkung von Cannabis leistungssteigernd wirken, in anderen Sportarten aber überhaupt nicht. Ich befürworte, wenn Cannabis als Doping nur in Sportarten verboten wäre, bei denen es eine Leistungssteigerung zur Folge hat.

Peter, Baden: Wieso plötzlich diese Swimm-Rekorde?!: Wieso schafft man nicht eine Sportartenübergreifende «Superdopingbehörde», die alles mit gleichen Ellen misst?! Ist der politische Widerstand zu gross?
Matthias Kamber: Das hat nihts mit politischem Widerstand zu tun. Sport ist nicht nur Spitzensport. Wie würde man einem Jugendlichen erklären, dass er jetzt nicht dopen darf, wohl aber später. Zudem ist das Dopingverbot eine Sportregel, die nur der Sport wieder abschaffen kann.

Kummer, Fritz, Bern: Herr Kamber, glauben Sie, dass im Tennis, Fussball, Eishockey etc. weniger gedopt wird als beim Radfahren?
Matthias Kamber: Sportarten mit komplexen Bewegungsabläufen und verscheidenen Fähigkeiten sind tatsächlich weniger dopinggefährdet. Das heisst aber nicht, dass Doping dort nicht exisitieren könnte, deshalb kontrollieren wir in allen Sportarten.

Werner Uehlinger, Schaffhausen: Was ist Ihre Meinung zu den Sportlern aus China?
Matthias Kamber: China hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte in der Dopingbekämpfung gemacht. Trotzdem ist der Standart noch nicht so hoch wie in Westeuropa, vor allem fehlt es an der Transparenz der Abläufe und der Möglichkeit, von aussen überraschende Kontrollen durchzuführen.

Kurt Lauber, Brienz: Offensichtlich werden Anabolika bei Asiaten durch die gängigen Urintests nicht erkannt. Ein besserer Test existiert, wird aber nicht angewendet. Tribut an Olympia-Veranstalter China?
Matthias Kamber: Diese Aussage ist nicht korrekt. Der heutige Test auf Testosteron mit GC-IRMS (spezielle Massenspektroskopie) zeigt unabhängig der Rasse positive Resultate an.

Neuhaus, Stefan, Cazis: Wieso werden Blutproben nicht eingefroren und diese mit besseren Methoden in einigen Jahren wieder überprüft? Die Sportler sollten auch rückwirkend (10 Jahre später) verurteilt werden können, mit saftigen Geldbusen und Aberkennung der Titel...
Matthias Kamber: Dies ist heute bereits der Fall, an grossen Veranstaltungen wie Olympische Spiele und Weltmeisterschaften werden die Dopingproben eingefroren und bis zu 8 Jahre gelagert, um sie mit allfällig neuen Testmethoden überprüfen zu können.

Jonas, Olten: Wäre es nicht sinnvoller alle «Dopingmittel» zu legalisieren? Soll jeder nehmen, was er will...
Matthias Kamber: Dies ist aus medizinisch-ethischen Gründen nicht möglich, Arzneimittel werden zur Behandlung von Krankheiten zugelassen und nicht zu Dopingzwecken. Und denken Sie an unsere Kinder, die Sport treiben wollen...

Ueli Grunder, St.Gallen: Wie gross ist die Chance, dass auch unsere Spitzenathleten gedopt sind?
Matthias Kamber: Die Gefahr besteht, wie die Beispiele von McMahon, Camendzind und Hingis zeigen. Durch ein zielgerichtetes Kontrollprogramm, gepaart mit der entsprechenden Information, möchten wir zeigen, dass sich Doping nicht lohnt.

Fredy Zurbrügg, Bern: Was denken Sie über Gen-Doping? Sind die Chinesen gedopt?
Matthias Kamber: Gen-Doping ist eine reelle Gefahr in der nahen Zukunft. Ich persönlcih glaube nicht, dass bereits gen-gedopte Athleten antreten. Wir haben aber bereits eine Informationsbroschüre und Faktenblätter zu Gen-Doping erarbeitet. Sie sind auf unserer Website antidoping.ch einsehbar. Zum Thema Gen-Doping gibt es übrigens einen neuen Krimi von Beat Glogger mit dem Titel «Lauf um mein Leben», sehr spannend!

diego dominguez, freiburg: wieso dürfen athleten mitmachen, bei denen nachweislich nie getestet wurde und die seit monaten in irgendwelchen kasernierungsanlagen «vorbereitet» werden wie bei den chinesen. man könnte doch sagen wer nich jeden monat kontrolliert wird darf nicht teilnehmen?
Matthias Kamber: Das wäre eigentlich das Ziel. Wir müssen soweit kommen, dass alle Ahleten vor wichtigen Anlässen wie Olympischen Spielen, während mindestens eines Jahres regelmässig von unabhäniger Seite getestet werden können. Leider sind wir noch nicht soweit.

Neuhaus, Stefan, Cazis: Und wie sehen die Konsequenzen aus für die Sportler, wenn sie 8 Jahre später erwischt werden? Unterschreiben die Sportler einen Kodex? Das wie bei Erik Zabel war doch ein Witz, oder?
Matthias Kamber: Diese 8-Jahre-Regel gilt erst seit 2004. Somit können Vergehen, die vorher stattfanden, nicht mehr rückwirkend geahndet werden.

Graf, Philipp, Berneck: Stimmt das gängige Sprichwort noch; nur die Dummen lassen sich erwischen? Solange man unter den fixierten Grenzwerten liegt gilt der Sportler doch nach wie vor als „sauber“!?
Matthias Kamber: Es gibt Substanzen, bei denen es keinen Grenzwert gibt, werden sie nachgewiesen gilt das Resultat als positiv. Die Analytik hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Dies ist am Beispiel von CERA an der TdF ersichtlich. Hier waren die Kontrolleure sehr schnell im Nachweis.

Adrian Zangger, Oberkulm: Ist es nicht so, dass heutzutage vielen andere Genussmittel bei einer Kontrolle potitiv anschlagen können? Ich meine von Cola bis Curry bis zur harmlosen Kopfwehtablette
Matthias Kamber: Nein überhaupt nicht. Weder Cola noch Curry noch Kopfwehtabletten ergeben einen positiven Befund. Ein Athlet kann sich heute ohne grosse Einschränkung bei Krankheiten therapieren. Er muss einfach von dopinghaltigen Medikamenten auf andere ausweichen. Wir haben eine entsprechende Medikamentendatenbank auf unserer Website.

Wan, Odilo, Zürich: Grüezi Herr Kamber. Sportliche Höchstleistungen von wenig bekannten Atlethen erregen oft starkes Misstrauen, gerade in den berüchtigten Ausdauersportarten. Können Sie sagen, ob sich dieses Misstrauen mit Erfahrungswerten begründen lässt?
Matthias Kamber: Das Misstrauen ist verständlich. Es kann sein, dass jemand überraschende Leistungen erbringt. Er muss sie aber in Zukunft bestätigen und dies innerhalb eines Kontrollkonzepts. Wenn jemand einfach auftaucht und sofort wieder verschwindet, ist das verdächtig.

Neuhaus, Stefan, Cazis: Würden Sie persönlich lieber Gold MIT Doping gewinnen (Ruhm und Ehre ernten) oder nur 50er werden und vom Team rausgeschmissen werden (den Job verlieren)? Ethische Frage...
Matthias Kamber: Dies ist eine schwierige Frage, deshalb ist es so wichtig, dass Spitzensportler auch einen Beruf haben, auf den sie zurückgreifen können, wenn die Zeit des Spitzensports vorüber ist. Letzendlich ist es die persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen, ob er dopen will oder nicht. Hier spielt ein intaktes und ethisch verantwortungsvolles Umfeld eine grosse Rolle.

Roger, Neftenbach:: Guten Tag, Herr Kamber. Wie stark ist Ihrer Meinung nach Doping im Profifussball verbreitet?
Matthias Kamber: In der Schweiz gehört der Fussball zu den am meisten kontrollierten Sportarten. In den lletzten Jahren hatten wir aber nie einen positiven Dopingfall. Doping könnte aber im Fussball vor allem in der Regeneration eine Rolle spielen, deshalb machen wir sowohl im Training als auch im Wettkampf Kontrollen.

Jonas, Olten: Sind die Strafen für Dopingsünder nicht zu lasch?? Sollten Dopinsünder nicht lebenslänglich Gesperrt werden? Ein 2-jährige Sperre ist nicht wircklich abschreckend!
Matthias Kamber: Mit den neuen Regeln, die ab 2009 gelten, können Sportler bis zu 4 Jahre gesperrt werden. Einzelne Länder haben zudem Regeln, dass Sportler, die mit schweren Dopingmitteln wie Anabolika oder EPO erwischt werden, nie mehr an Olympischen Spielen teilnehmen dürfen. Ich begrüsse derartige Zusatzregeln.

Naegeli Matthias, Gossau: Gendoping kann man ja noch nicht nachweisen. Arbeiten Forscher an einem Nachweisverfahren oder wird dies gar nie möglich sein? Dann wäre jeder Sportler dof, der kein Gendoping macht. Und gibt es nicht schon Substanzen, welche sich unter Leistung aufbauen und danach nicht mehr nachweisbar sind?
Matthias Kamber: Die Forschung für ein Nachweisverfahren von Gen-Doping läuft auf Hochtouren. Vor allem die WADA steckt grosse Geldsummen in entsprechende Forschungsprojekte. Wir in der Schweiz ergänzen dies mit einem neuen Informationsmittel. Es gibt heute auch schon Substanzen und Methoden (Eigenblutdoping), die noch nicht nachweisbar sind.

Matthias Kamber: Vielen Dank für die zahlreichen Fragen. Leider konnten nicht alle beantwortet werden. Bei Interesse finden Sie auf unserer Website antidoping.ch weitere Informationen.

Zur Person

Als Leiter des Fachbereichs Dopingbekämfung in Magglingen hat Kamber die Dopingbekämpfung auf ein, im internationalen Vergleich, hohes Niveau gebracht. Der 53-Jährige ist Direktor der Stiftung «Antidoping Schweiz».

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