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Alle Kolumnen von Lenz (Teil 1)

Die Kolumne des Berner Autors Pedro Lenz erscheint jeden Montag im BLICK.

Von Pedro Lenz | Aktualisiert um 12:38 | 14.12.2009


Kolumne vom 15. Juni 2009 - Rede für Sforza

Sforza ist als Coach in seinem Element. (Toto Marti)
Sforza ist als Coach in seinem Element. (Toto Marti)

Sehr geehrter Herr Sforza, in diesen Tagen werden Sie sich den Spielern als neuer GC-Trainer vorstellen. Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, haben wir hier exklusiv für Sie eine kleine Antrittsansprache verfasst.

Sie können diese Ansprache direkt übernehmen, brauchen sie nur noch abzulesen. Nichts zu danken.

«Liebe Profis, ich glaube nicht, dass ich mich vorstellen muss, man kennt mich, man respektiert mich, ich bin Ciriaco Sforza. Früher war ich ein grosser Spieler, nun bin ich ein grosser Trainer. Bei Luzern bin ich übrigens freiwillig weg. Ich habe den FCL mit dem einen gewonnenen Punkt nach fünf Spielen auf die richtige Spur gebracht, Morinini hat in weiteren sechs Spielen noch einen Punkt dazu gewonnen, so dass Fringer danach den Sack nur noch zumachen musste.
Hier beim FCB, pardon, bei GC, will ich noch besser starten, als letztes Jahr in Luzern. Wenn alles passt, liegt das drin.

Und apropos passen, habt ihr den Schnitt meines Anzugs schon bemerkt? Gut, he? Der Anzug ist aus Mailand. Dort habe ich sogar selber einmal gespielt, genau wie hier in Basel, pardon, in Zürich. Überhaupt war ich schon an vielen Orten, denn ich bin Ciriaco Sforza und auf mich kann ein Club schlecht verzichten.
Bereits als Spieler habe ich gedacht wie ein Trainer. So gesehen, bin ich als Trainer auch schon Champions-League-Gewinner und so. Ich möchte, dass ihr als Spieler auch so denkt wie ein Trainer, also so wie ich.

Ich bin drum Ciriaco Sforza. Habe ich euch übrigens schon gesagt, dass ich in Luzern freiwillig gegangen bin? Wenn ihr nicht spurt, werde ich das hier in Basel, äh pardon, in Zürich auch so machen. Dann hättet ihr voll die Strafe und müsstet ohne mich, also ohne Ciriaco Sforza auskommen. Ich würde es mir überlegen, wenn ich euch wäre. Und apropos überlegen: Ich bin überlegen. Sind noch Fragen? Keine Fragen? Respekt.»

Sandkasten


Kolumne vom 8. Juni 2009 - Hommage an Federer

Darüber, dass wir Schweizer Roger Federer bewundern, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber im Unterschied zu unseren grössten Skiassen, die man praktisch nur im Alpenraum kennt, sind Federers Fans rund um den Globus verteilt. Einer von Ihnen ist der Eisverkäufer, der neulich von dieser Zeitung zum Final von Paris befragt wurde. Wo der junge Mann genau herkommt, wissen wir nicht. Sicher ist bloss, dass er Rogers Sieg voraussah: «Er schafft das scho, für ihm isch nid schwierig!»

Wie wahr! Präziser und gewählter kann man die Überlegenheit von Roger im Roland-Garros-Final nicht in Worte fassen. Für alle Tennisspieler dieser Welt ist es schwierig in Paris zu gewinnen, ausser für IHM. Mit dem an dieser Stelle ungewohnten Dativ hat der Eisverkäufer die Einmaligkeit des 14-fachen Grand-Slam-Siegers unterstrichen.

Daraufhin fügte der Mann von der Eisdiele noch einen weiteren bemerkenswerten Satz an: «Und ich hoffe ihm, dass er werde wieder die Nummer Eis!» Genau das hoffen wir ihm natürlich ebenfalls, mehr noch, Federer möge nicht nur die Nummer Eis werden, sondern, wenn es irgendwie geht, bald auch wieder die Nummer Eins.

Wobei hier anzumerken ist, dass Roger, gemessen an der Coolness, die er gestern bewiesen hat, längst schon die Nummer Eis ist. Wie er den bereits recht kühlen Schweden noch weiter abgekühlt hat, das schafft nur ein absoluter Eismann . Oder, um es in der blumigen Sprache des Eisverkäufers zu sagen: Mit so viel Coolness gewinnt nur ihm, weil für ihm isch nid schwierig.

Möge Roger Federer uns noch manchen solchen Tennissonntag schenken, und möge er den sympathischen Eisverkäufer möglichst bald zu seinem Biografen erheben. Wir zweifeln nicht daran, dass es für einen Sprachartisten wie ihm alles andere als schwierig wäre, unsere Nummer Eis auch poetisch unsterblich zu machen.



Kolumne vom 2. Juni 2009 - Beim Coiffeur

Als ich das letzte Mal beim Coiffeur war, sagte ich: «Wegschneiden!». Der Figaro schaute mich fragend an und meinte: «Klar werde ich schneiden. Aber sag mir bitte noch wie und wozu? Du musst doch eine Vorstellung davon haben, wie es danach aussehen soll.» Ach ja, das ist logisch, dachte ich. Mit wegschneiden allein, ist es nicht getan. Man muss wissen, was auf den Schnitt folgen soll.

Nur im Schweizer Profifussball gilt diese Erkenntnis noch nicht. Da wird einfach mal wacker weggeschnitten und erst hinterher überlegt, was folgen könnte. So wussten die Verantwortlichen beim FCB nur, dass Christian Gross weg muss. Um auch noch über seine Nachfolge nachzudenken, fehlte ihnen offenbar die Zeit oder die Weitsicht oder beides.

Gut, zugegeben, vielleicht ist es unpassend, ausgerechnet im Zusammenhang mit Christian Gross über Frisuren zu reden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass mein Coiffeur mehr überlegt, als der FCB-Vorstand.

Das Fehlen eines Konzepts hat natürlich Konsequenzen: Jetzt werden Figuren wie Ciriaco Sforza und Lothar Matthäus als Favoriten auf die Gross-Nachfolge gehandelt. Die haben zwar mehr Haare als Gross, aber ansonsten haben sie gar nichts. Oder kann uns jemand sagen, wie viele Meistertitel und Cupsiege Sforza und Matthäus als Cheftrainer schon geholt haben?

Aber vielleicht kommt ja sonst einer, Namen gibt es genug, denn an arbeitswilligen Übungsleitern hat es im Fussball nie gefehlt. Jeder darf sich in Erinnerung rufen. Jeder darf auf seine Visitenkarte schreiben, er sei «Potentieller FCB-Trainer 2009/2010». Fink, Finke, Doll, Di Matteo usw. Alles ist denkbar.
Und warum nicht mein Coiffeur? Er heisst übrigens Jean, ist freundlich, hat gleich viele Titel errungen wie alle oben aufgeführten Cheftrainer zusammen (also null) und stellt meist rechtzeitig die richtigen Fragen.



Kolumne vom 25. Mai 2009 - Hooligans raus!

Landauf und landab jubeln die Medien. Endlich ein Thema, bei dem sich alle einig sind: Chaoten beim Fussball. Chaoten gehören eingesperrt. Chaoten gehören auf schwarze Listen. Chaoten sollen lebenslänglich aus allen Stadien verbannt werden. Mehr Polizei, mehr Videos, mehr Tränengas.

Als friedliebender Fussballfan, zu dessen äussersten Aggressionen ein halblaut gemurmeltes «Fähnlimaa, mach d’ Ougen uf!» zählt, ist man natürlich auch gegen jede Form von Gewalt. Man möchte schliesslich nach dem Spiel einigermassen gesund heimkehren. Was einen allerdings wundert, ist die Hysterie, mit der die Öffentlichkeit auf einmal gegen alle wettert, die nicht wie Sonntagsschüler daherkommen. Dabei waren Fussballstadien und Sonntagsschulen seit je recht unterschiedliche Milieus.

Bevor wir nun jedoch nach noch drastischeren Anti-Hooligan-Massnahmen schreien, könnten wir uns fragen, wovor wir wirklich Angst haben müssen. Die Samstagspresse schrieb, die Stade de Suisse AG habe, um zu verhindern, dass nach dem Cupfinal Fans aufs Feld laufen, Schwinger und American-Football-Spieler auf die untersten Reihen gesetzt. «Nach Spielende erhoben sich die robusten Männer von ihren Sitzen, zogen sich eine gelbe Weste über, drehten sich um und reichten ihrem Nächsten die Hand.»

Wir haben diese «robusten Männer» am letzten Mittwoch studiert. Wir sassen nämlich in der zweituntersten Reihe. Die «robusten Männer», die uns hätten schützen sollen, sahen aus wie Rüpel und Flegel. Sie versperrten den friedlichen Fans die Sicht, rissen Zoten und bliesen uns Zigarettenrauch ins Gesicht. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn diese Horde von testosterongeladenen Jungmännern zum Einsatz gekommen wäre.

Müssen friedliche Fans in Fussballstadien wirklich Angst haben? So lange solche Figuren uns schützen sollen ganz bestimmt!



Kolumne vom 18. Mai 2009 - Die Stadt des Leidens

Bern ist die Stadt des Leidens. «Mir wei nid grüble» ist ein oft gehörter Satz in Bern. «Mir wei nid grüble» heisst auf Hochdeutsch: «Wir fühlen uns elend, aber wir wollen nicht darüber nachdenken, denn es könnte ja alles noch viel schlimmer kommen.» Seit dem Cupsieg von 1987 haben die Berner Young Boys keinen Titel mehr geholt. Doch statt sich darob zu grämen, pflegen die YB-Fans einen kreativen Umgang mit der Niederlage. «No Title Since 1987» steht auf einem beliebten Berner Fan-T-Shirt. Und zuweilen dünkt es einen, der Fatalismus im Umfeld der Young Boys färbe auf die Mannschaft ab.

Als es YB vor einem Jahr in der Hand hatte, mit einem Sieg im letzten Spiel den Meistertitel zu holen, ergaben sich die YB-Spieler dem FCB praktisch kampflos. Die Berner Fans nahmen die Niederlage als gottgegeben hin. Das musste genau so kommen, schienen sie zu denken, während sie sagten: «Mir wei nid grüble.» Diese Woche könnte erstmals seit 22 Jahren alles anders werden. Trainer Vladimir Petkovic hat mit dem Berner Fatalismus nichts am Hut. Während manche YB-Fans schon vor dem Final darauf hinweisen, Sion habe noch nie einen Cupfinal verloren, bereitete Petkovic am Samstag in Aarau bereits den Cupsieg vor. Er schonte die halbe Stammelf, auf dass es am Mittwoch blitzt und donnert.

Nach dem Cupfinal werden die YB-Fans das T-Shirt mit der Aufschrift «No Title Since 1987» wohl in die Kleidersammlung geben müssen. Alle Bernerinnen und Berner, die jünger als 23 sind, werden sich erst an das Gefühl eines Titelgewinns zu gewöhnen haben. Manchen von ihnen, wird es schwerfallen, mit diesem neuen Seelenzustand umzugehen. Zu tief sitzt in ihnen die Gewissheit, dass Fussball und Leiden untrennbar verbunden sind.

Aber vielleicht bleibt am Ende doch alles beim Alten. Wer sagt denn, dass die Nerven der Gelbschwarzen ausgerechnet diesmal dem Erfolgsdruck standhalten? Mir wei nid grüble.

Kolumne vom 4. Mai 2009 - Ein Fussballmatch für die Ewigkeit

Madrid, Barrio de Chamartín, ein Steinwurf vom Estadio Bernabéu, am letzten Samstag kurz vor acht, der Besitzer der Bar schwitzt sein Hemd voll: «Ein Sieg, egal wie, Hauptsache ein Sieg!» Vier grosse Bildschirme zeigen die erste Glanztat von Casillas. «Vamos, vamos, Rrrrrrreal!»

Die Atmosphäre kocht, die Weissen kommen über rechts, Ramos flankt, Higuaín schraubt sich hoch: «Gooooooooooooooool del Madrid!» Der Barchef küsst die Gottesmutter. Das Volk schreit sich die angestaute Angst von der Seele. «Weiter so, macht sie fertig!»

Es sind 13 Minuten gespielt, Real führt zuhause gegen den Leader. Und was macht Barcelona? Nichts. Das heisst, sie machen nichts anderes als vor dem 1:0. Sie spielen wie Kinder auf dem Schulhof, Pass, Annahme, Pass, Annahme, Pass, Iniesta, Henry, Messi, Henry und schon zappelt der Ball im Netz. Fussball ist das einfachste Spiel der Welt, aber man muss Henry und Messi spielen sehen, um diese Binsenwahrheit zu verstehen.

Minuten später Freistoss Barça, Puyol wirft seine Locken in die Luft, 1:2. Alles wie gehabt, Barcelona, pim, pam, pum, pim, pam pum, Lass vertändelt einen Ball, Messi läuft allein aufs Tor, 1:3. Es sind 35 Minuten um und die ersten Real Fans verlassen frustriert die Bar.

Die zweite Halbzeit ist noch jung, als Sergio Ramos auf 2:3 verkürzt. Die Hoffnung kehrt zurück. Real hat noch über eine halbe Stunde Zeit, das Spiel zu drehen.

Die Königlichen kämpfen, sie laufen und laufen und laufen in einen Konter: «Antención, Henrrryyy, siempre Henrrryyy, gogogogoool del Barça, goool de Henrrryyy». Und da geschieht das Unvorstellbare: Die hartgesottenen Real Fans beginnen zu verstehen, dass das kein gewöhnliches Fussballspiel ist. Sie spüren, dass sie heute Abend Zeugen eines historischen Ereignisses werden. Sie vergessen ihre Trauer um die verlorene Meisterschaft und beschliessen, nur noch zu geniessen.

Das ist kein Fussball mehr, das ist nur noch Magie. Messi links, Messi recht, ein Pässchen da, ein Pässchen dort und Messi bucht zum 2:5. Den Real-Fans bleibt nichts übrig, als sich innerlich vor soviel Schönheit zu verneigen. Das 2:6 von Piqué ist die Vollendung des Meisterwerks. Iniesta geht raus und die ganze Bar applaudiert.

Der Schiri lässt nicht nachspielen. Wozu auch? So ein Spiel braucht keine Nachspielzeit. «Heut Nacht zeuge ich ein Kind», sagt der Barbesitzer. «Ich will ein Kind, um ihm später von diesem Spiel zu erzählen.»

Kolumne vom 11. Mai 2009 - Fussballromantik

Sind Fussballstadien Kathedralen der globalisierten Welt, so ist das Aarauer Brügglifeld eine Wallfahrtskappelle des alten Glaubens. Brügglifeld-Pilger sind Verfechter der Einfachheit. Ihre Lounge heisst Restaurant Sportplatz, ihre Gegentribüne ist ein Erdhügel und ihre Toilette ist das Gebüsch hinter dem Bierzelt.

Fussballerisch betrachtet ist Aarau das gallische Dorf, das sich gegen das Imperium behauptet. Am Drahtgitter hinter einem Tor hängt ein Schild auf dem mit ungelenker Handschrift geschrieben steht: «Besteigen verboten!» Vom Spielfeld aus können die Spieler des FC Aarau die Schrift nicht genau entziffern. Sie lesen darauf die Worte «Absteigen verboten!» Deswegen werden die Aarauer auch «die Unabsteigbaren» genannt.

Am Samstag erhielten diese Unabsteigbaren Besuch vom grossen FC Basel. Für Basel ging es um den Meistertitel, für Aarau ging es um nichts. Der FC Aarau hätte ehrenvoll verlieren können und niemand hätte sich beklagen dürfen. Trotzdem fegte das kleine Aarau den Titelaspiranten vom holprigen Platz, einfach so, weil sie mal wieder gewinnen wollten.

Wir Sportplatzromantiker, die wir den Duft nach «Rössli 7» oder «Rio 6» jedem «Chanel N°5» vorziehen, freuen uns über solche Siege. Das 3:1 von Aarau gegen Basel ist ein Sieg der Stumpenkultur gegen die Zigarrenkultur, es ist ein Sieg der Baumwollhemden gegen die Seidenhemden. Gäbe es nicht zwischendurch einen solchen Sieg, wäre uns der Fussball halb so lieb.

Kolumne vom 27. April 2009 - Mit Würde verlieren

Bei jedem sportlichen Grossanlass zeigen die Medien Bilder von jubelnden Fans. An der aktuellen Eishockey-WM ist es nicht anders. Wer es kennt, kann das Gähnen kaum unterdrücken. Fans von Siegerteams verhalten sich nach jedem Sieg gleich. Sie klatschen, singen, hüpfen, grölen und küssen sich wechselseitig auf ihre bemalten Gesichter. Das interessiert uns nicht mehr, weil wir es tausend Mal gesehen haben.

Weniger bekannt und entsprechend interessanter als das Verhalten von Siegerfans nach dem Spiel ist das Verhalten von Verliererfans vor dem Spiel. Gemeint ist nicht die Minderheit gewaltbereiter Schlägertypen, sondern die Mehrheit ganz normaler Anhänger. Was tun Fans, die ein Team unterstützen, das sowieso keine Chance hat? Wie verhalten sie sich vor dem Spiel, wenn sie praktisch sicher sein können, dass es für sie nichts zu jubeln geben wird?

Am Samstag hatte ich Gelegenheit mit einer Gruppe österreichischer Eishockeyfans ein Zugabteil zu teilen. Die fünf Männer, alle in den Trikots ihres Nationalteams, waren auf dem Weg von Feldkirch nach Bern zum Spiel Österreich – Schweden. Sie sahen traurig aus, so traurig, wie nur Männer aussehen, die spüren, dass nicht einmal freundschaftlich geteilter Bierkonsum die Stimmung heben kann.

«Aber der Vanek...» – versuchte der Jüngste in der Gruppe ein kleines Licht der Hoffnung zu entzünden. «... vergiss Vanek, allein kann es der Vanek eh nicht richten!» wurde er von der Gruppe sofort gebremst. «Aber falls die Schweden einen schlechten Tag...» – «...egal, die schlagen uns auch am schlechtesten Tag!» – «Aber vielleicht, wenn wir diszipliniert und defensiv und jeder über sich hinaus...» – «...halt einfach mal die Goschn! Es wird eh nichts! Geh hol noch fünf Bier.» Traurig brachte der junge Fan seinen älteren Kumpels neues Bier. «Dann wird’s also eh nichts?» – «Genau, das wird nie was, nie im Leben! Prost, auf die nächste B-WM!»

Kolumne vom 20. April 2009 - Milchgesicht Buemi

Kennen Sie den Unterschied zwischen meiner Grossmutter und Sébastien Buemi? Meine Grossmutter hat mehr Bartwuchs. Oder anders gesagt, die heutige Formel 1 hat ein ernsthaftes Milchgesicht-Problem.

Die gegenwärtigen Grand-Prix–Fahrer ähneln einer Pfadfinderschar. Buemi, Vettel, Hamilton, Räikkönen, Kubica und wie sie alle heissen haben die persönliche Ausstrahlung von Playmobil-Figuren. Als Typen sind sie austauschbar wie Barbie-Puppen.

Der Motorsport kann einem gefallen oder nicht. Aber wenn die Formel-1-Verantwortlichen möchten, dass Automuffel wie ich irgendwann wieder ein Autorennen anschauen, dann müssen sie sich bei der Wahl der Piloten dringend etwas einfallen lassen. Jo Siffert oder Clay Regazzoni waren noch Kerle mit Schnäuzen, Kanten und Ecken. Und wenn Regazzonis Namensvetter Alberto heute bei den Young Boys zum Flügellauf ansetzt, nehmen die alten Männer auf der Tribüne den verstorbenen Ferrari-Fahrer noch immer als Referenz und meinen anerkennend: «Dä cheibe Regazzoni beschleuniget wie sinerzyt der Clay!»

Seit dieser Saison hat die Schweiz wieder einen Formel-1-Fahrer. Will man sich über ihn auf seiner Webseite schlau machen, erfährt man über ihn persönlich zuerst seine Körpergrösse und sein Gewicht. Aber wir Sportverrückten, wir, die wir den Sport immer als eine Art Literatur der Strasse verstanden haben, wir können mit technischen Daten nichts anfangen. Es interessiert mich nicht, wie schwer Sébastien Buemi ist, weil ich ohnehin schon weiss, dass jeder Formel-1-Pilot das optimale Gewicht und die optimale Kondition hat.

Das ist ja gerade die Krux an diesem Sport. Alles ist so clean und so perfekt. Wenn nicht wenigstens die alten Funktionäre noch ab und zu für einen zünftigen Skandal sorgten, wäre uns beim Thema Grand Prix längst das Gesicht eingeschlafen.

Gestern hat der Zirkus in Shanghai Station gemacht. Das Rennen gewann – äähm, ja, wer denn eigentlich?



Kolumne vom 23. März

Cologna liest DostojewSKI

Als er Anfang Jahr die Tour de Ski gewann, haben wir ihn an dieser Stelle den Hugo Koblet der Loipe genannt. Aber das war untertrieben! Dario Cologna ist nicht nur flott, weltgewandt und leichtfüssig wie einst der Pédaleur de Charme, nein, er ist auch cool wie ein Eiswürfel im arktischen Meer. Denn eines ist es, vor dem letzten Rennen Favorit zu sein, und etwas ganz anderes ist es, dieser Rolle auch mit Bravour zu entsprechen.

Bemerkenswerterweise hat ja die Wintersportnation Schweiz keine herausragende Tradition im Langlauf. Während Schweizer Ehrenmeldungen im Bob, Curling, Eiskunstlauf, Ski Alpin, Eishockey oder Skispringen längst an der Tagesordnung sind, können wir die grossen Langlauferfolge an einer Hand abzählen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Langlaufsport eine geistige Weite voraussetzt, die in unserem engen Land eher selten vorkommt. Wer stundenlang durch verschneite Wälder und Täler gleitet, kommt leicht ins Grübeln. Um alles auszuhalten, was einem da durch den Kopf geht, braucht es eine philosophische Abgeklärtheit.

Deswegen gehörte der Langlauf-Weltcup bisher den kühlen Skandinaviern, Deutschen oder Russen. Dario hat seine Gegner eingehend studiert. Dabei hat er nicht bloss geschaut, wie sich etwa die Russen in der Loipe fortbewegen. Er hat auch ihre Literatur verinnerlicht. Auf seiner Webseite gibt Cologna jedenfalls an, sein liebster Roman sei «Der Idiot» von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Wir wissen nicht, wie es dazu kam, dass Cologna sich zu Dostojewski hingezogen fühlt. Wir wissen nur, dass es ein Skistar, dessen Lieblingsautor einen Namen hat, der auf Ski endet, noch sehr weit bringen wird.

Herzlichen Glückwunsch Dario Cologna! Und wenn Sie mit den russischen Autoren durch sind, gehen Sie hinter die Deutschen. Wir empfehlen zum Beispiel Walter KempowSKI.



Kolumne vom 16. März

Die Zukunft wird gross!

Roger Federer erwartet also ein Baby. Klar, dass da in der Öffentlichkeit viel darüber geredet wird, was so eine Vaterschaft aus einem Menschen macht. Wird Federer noch zum Schlafen kommen? Wird sich sein Fokus verändern? Wird ihn das Kind sportlich hemmen oder antreiben? Und was bedeutet das Baby für die Beziehung zu seiner Mirka? Das sind die Themen, über die in den letzten Tagen endlos spekuliert wurde.

Für uns reine Sportfans jedoch, die wir alles über Serve-and-Volley, aber nichts übers Windelwechseln wissen, drängt sich eine ganz andere Frage auf: Wir denken bei dieser Nachricht weniger an die künftigen Eltern, als an die sportlichen Perspektiven in 15 oder 20 Jahren. Erinnern Sie sich an Gabet Chapuisat? Er war zu seiner Zeit einer der talentiertesten Schweizer Fussballer. Sein Sohn Stéphane schaffte es sogar an die Weltspitze. Warum? Weil er vom Vater neben dem Talent auch noch das Fachwissen geerbt hat.

Bei Stéphane Chapuisat verhielt es sich ähnlich wie beim Radrennfahrer Thomas Frischknecht. Auch da zählte der Vater schon zu den Grossen, und der Sohn war noch besser. Die Gleichung ist einfach: Vater gut = Kind super. Es spielt keine Rolle, ob Rogers Baby ein Mädchen oder ein Junge wird. Wichtig ist nur, dass es die Gene des Vaters mit dessen Erfahrung und Weisheit verknüpfen kann.

Besser als ein Mini-Federer wären allerdings zwei. Ideal für die Sportnation wäre es deshalb, wenn Mirka gleich Zwillinge zur Welt brächte. Den Daviscup könnte uns auf Jahre hinaus niemand mehr streitig machen. Ein dynamisches Zwillingspaar zu zeugen, sollte für Spitzensportler durchaus im Bereich des Möglichen liegen. Hakan Yakin hat es wohl vorgemacht. Bei Roger Federer haben wir diesbezüglich noch keine Details vernommen. Aber wir hoffen das Beste und warten voller Vorfreude auf die goldenen Jahre des Schweizer Sports.

Pedro Lenz an einer Lesung. (zvg)
Pedro Lenz an einer Lesung. (zvg)

Der Autor

Pedro Lenz ist Schriftsteller und wohnt in Bern. Während der EM schrieb der 44-Jährige in der Kolumne «Kopfstoss» täglich für den BLICK. Lenz war nominiert für den Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb in Klagenfurt.

Website von Lenz
EM-Kolumnen von Lenz
Grosser Real-Fan! Der Jubel von Fussball-Poet Lenz im Berner Lokal HalbZeit nach dem Sieg in der Champions League von Real Madrid 2002. (zvg)
Grosser Real-Fan! Der Jubel von Fussball-Poet Lenz im Berner Lokal HalbZeit nach dem Sieg in der Champions League von Real Madrid 2002. (zvg)


Kolumne vom 9. März

Beim Flirt top, im Bett flop

Noch vor wenigen Jahren wurde dem Misserfolg im Sport mit Prügelstock und Peitsche begegnet. Verlor ein Sportteam zu viele Spiele, holten die Vereinsbosse irgendeinen Zuchtmeister, dessen Aufgabe es war, mit eiserner Härte den Erfolg herbeizuprügeln. Inzwischen sind die Methoden verfeinert worden. Nach sportlichen Abstürzen kommt heute nicht mehr der Peitschenmann, sondern der Psychologe.

So wie am letzten Samstag, als im Radio DRS ein Sportpsychologe das frühe Ausscheiden der ZSC Lions erklärte. Die Qualifikation im Eishockey sei wie eine Schwangerschaft, säuselte der Seelenklempner ins Radiomikrophon. Das Playoff entspreche folglich dem Geburtsvorgang. Die Schwangerschaft sei nun beim ZSC sehr zufriedenstellend verlaufen und trotzdem habe es bei der Geburt Komplikationen gegeben.

Wer derart psychologisch überhöhte Erklärungen vernimmt, ist versucht, zu widersprechen. Nein Herr Experte, nicht mit Schwangerschaft und Geburt ist die Eishockeymeisterschaft zu vergleichen, sondern mit dem Balzverhalten des Mannes. Die Qualifikation entspricht dem Süssholzraspeln und das Playoff wäre dann der pure Sex.

Literarisch gesehen hat der ZSC die Braut, also die Meisterschale, fünfzig Runden lang angeflirtet. Nebenbei hat er sich noch bestens mit einer europäischen Schönheit genannt Champions League amüsiert. Allerdings handelte es sich bei der europäischen Liebe um eine reine Bettgeschichte. Heiraten wollte man auf jeden Fall die Schweizer Meisterschaft.

Als es dann aber mit der heimischen Braut ans Eingemachte hätte gehen sollen, hat der Bräutigam plötzlich nichts mehr auf die Reihe gekriegt. Tja, liebe ZSC Lions, das kann mal vorkommen. In der Liebe ist es uns allen schon passiert, dass wir eine recht gute Quali gespielt hatten, aber dann das Playoff vergeigten. Jungs, das ist nicht unbedingt psychologisch bedingt, das kann auch mit den Hormonen zu tun haben.



Kolumne vom 2. März

Der Dreikampf

Der Titelkampf im Schweizer Fussball verspricht in diesem Frühjahr mindestens so spannend zu werden wie der Vaterschaftstest von Hakan Yakin. Drei Städte träumen vom Titel. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass das grösste Kraftwerk des Ligasponsors ausgerechnet in Gösgen liegt, also ziemlich genau in der Mitte des Dreiecks, das gebildet wird von den potentiellen Meisterstädten Zürich, Basel und Bern. Die Fans der betreffenden Klubs sind jedenfalls schon ziemlich elektrisiert.

Gestern konnte sich der FCZ gegen das bescheidene Vaduz ein wenig die Angst von der Seele schiessen. Aber es bleibt wenig Zeit zum Durchatmen, denn schon am nächsten Sonntag folgt für den Leader der schwere Gang nach Luzern, wo der Boden manchmal so tief ist, dass kleinwüchsige Spieler Mühe haben, den Kopf über dem Sumpf zu halten.

Der FCB könnte vom Luzerner Acker ein Liedchen singen. Zum Beispiel den Schlager «Spätes Glück» von Petra Ziegler. Der Titelverteidiger ist schon vor Wochen ins Stolpern geraten und muss nun, will er gegen Aarau den runden Tritt wieder finden, erst mal die Schuhe abklopfen, an denen wohl noch der halbe Allmendrasen klebt. Trotzdem sind die Bebbi natürlich nicht abzuschreiben. Entscheidend dürfte sein, ob Eren Derdiyok im Verlauf der nächsten Runden vom Ersatzbankdrücken keine steife Hüfte bekommt.

Am besten läuft der Meisterschaftsmotor gegenwärtig bei den Young Boys. Sie haben am Samstag im Wallis erneut überzeugend gewonnen. Damit liegt ihr Durchschnittsertrag seit der Winterpause noch immer bei 3 Punkten pro Spiel. Im Tourbillon zu gewinnen ist zwar moralisch immer ein bisschen fragwürdig, denn wer den FC Sion schlägt, kann nie wissen, ob er gerade wieder eine Trainerkarriere ruiniert hat. Aber YB ist derart im Schuss, dass es keine Rücksicht auf das Arbeitsverhältnis von Umberto Barberis nehmen kann. Nichts für ungut, Bertine.



Kolumne vom 23. Februar

Simi – Wie ein Mauersegler

Am Anfang nannten ihn alle Harry Potter. Für einen Spitzensportler ist so ein Spitzname die absolute Höchststrafe. Was konnte Simon Amman dafür, dass Swiss Olympic die Athleten 2002 in derart lächerliche Mäntel gekleidet hatte? Nichts! Ammann ist genau das Gegenteil von Harry Potter, er ist nicht Phantasy, er ist Reality.

Etwas ist es nämlich, als Aussenseiter an Olympia zwei Goldmedaillen zu gewinnen. Und etwas ganz anderes ist es, einen solchen Erfolg zu verdauen und über all die Jahre zu bestätigen. Ein verträumter Schulbub wie Harry Potter hätte das nie geschafft, ein Mann wie Simon Ammann schon.

Der Bauernsohn vom Toggenburg hat in seiner Karriere manche Durststrecke durchgestanden. Er sah grosse Stars kommen und gehen. Es gab Winter, da schien es, als klebe ihm Blei an den Füssen. Aber Ammann ist noch immer da und fliegt sogar dann aufs Podest, wenn es ihm nicht rund läuft. Man merke erst, wie wichtig eine Medaille sei, wenn man sie nicht gewinne, sagte er am Samstag. So redet einer, der Höhen und Tiefen erlebt und verarbeitet hat.

Oft heisst es, Skispringer seien Wahnsinnige. Die ständige Nähe zum Himmel, lasse sie die Bodenhaftung verlieren. Die Geschichte dieses Sports, weiss von manchem gefallenen Engel zu erzählen. Simon Ammann ist auch ein Himmelstürmer, aber einer, der oben bleibt. Dazu braucht es den richtigen Kopf und die richtige Lebenseinstellung. Ammann hat beides. Für ihn gilt, was die Vogelwarte Sempach über den Apus apus schreibt: «Kein Vogel ist mehr auf das Leben in der Luft ausgerichtet als der Mauersegler.»

Diese WM-Bronzemedaille auf der Normalschanze ist die endgültige Bestätigung einer Karriere, die 2002 in Salt Lake City fulminant begann und hoffentlich noch lange andauern wird. Nicht von der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling können wir etwas über Simon Ammann lernen, sondern von der Vogelwarte Sempach!



Kolumne vom 16. Februar

Lustvoll leiden in Langnau

In den 80er-Jahren gingen die Hockeyfans ins Hallenstadion, um zu leiden. Der alte Z war ein Club, den man als Fan nur mit einer gut ausgebildeten Leidensbereitschaft ertragen konnte. Die Zürcher waren zu gut für die Nationalliga B und doch nicht gut genug für die Nationalliga A. Manche Fans verzweifelten und immer wieder hörte man auf der Tribüne irgendeinen verbitterten Zuschauer schwören, das sei sein letzter Match, er komme nie mehr. Doch beim nächsten Spiel stand er wieder da und litt mit allen andern mit.

Später kamen das Geld von Walter Frey, ein paar Meistertitel und der Sieg in der Champions League. Nur etwas kam nie mehr zurück, der Zauber jener Zeit, in der alle Zürcher mit dem ZSC zitterten. Niemand wusste damals zu sagen, ob die Tränen in den Augen der Fans mit dem Spiel oder mit dem allgegenwärtigen Zigarettenrauch zu tun hatten. Heute braucht in Zürich niemand mehr zu weinen. Trotzdem dürfen wir vermuten, dass in manchem B-Spiel gegen Langenthal oder Siders mehr literarischer Stoff lag als im aktuellen Europacupsieg.

Was der Z in den 80ern war, sind heute die Tiger. Im Unterschied zu den Lions haben die Tiger ihren Raubkatzennamen ursprünglich nicht der sprachlichen Anbiederung an die USA zu verdanken, sondern einem Schachtelkäse. Und wie so ein Schachtelkäse an der prallen Sonne schmilzt gegenwärtig der Vorsprung der Langnauer auf den Strich in der Tabelle.

Aber selbst wenn es dem SCL auch diesmal nicht in die Playoffs reichen sollte, wird das Feuer im Tal weiter brennen – vielleicht gerade deswegen! Die Leidenschaft am Ufer der Ilfis ist vergleichbar mit der Leidenschaft, die Langnau Trainer Weber als junger Spieler in Zürich erlebt hat. Es ist eine Leidenschaft, die im Scheitern wächst, eine Leidenschaft, die von tief unten kommt und den Erfolg insgeheim fürchtet.



Kolumne vom 9. Februar

Die Angst des FCB vor Carlos «El Cid» Varela

Kennen Sie den spanischen Nationalhelden El Cid? Die Taten dieses tapferen Ritters wurden in unzähligen Epen besungen und später mit Charlton Heston verfilmt. Sogar nach dem Tod des Cid sollen seine Feinde vor ihm gezittert haben. Für seine letzte grosse Schlacht wurde der bereits verstorbene Ritter einbalsamiert und auf ein Pferd gebunden. Als die Gegner den toten Reiter erblickten, glaubten sie an eine Erscheinung und ergriffen panikartig die Flucht. Der Geist des Cid Campeador hatte die Schlacht entschieden.

Das Spitzenspiel am Samstag im Berner Wankdorf wurde auch von einem spanischen Geist entschieden. Über dem satten Grün des Kunstrasenteppichs hing bedrohlich der Geist von Carlos Varela. «Varela! Varela! Varela!», riefen die Berner Fans schon vor dem Spiel, weil alle wussten, dass der schnelle Heisssporn an diesem kühlen Abend ganz besonders heiss sein würde. Varela wird es richten, sagten sich die Berner Fans. Denn gegen einen, der sogar die Basler in der eigenen Mannschaft schlägt, wird der FCB kein Mittel finden.

YB-Trainer Petkovic muss ebenfalls gespürt haben, dass Varela in diesem Spiel eine Sonderrolle zukommt. Weil Petkovic ein feinsinniger Mensch mit humanistischer Bildung ist, wusste er wohl um die Legende vom Cid. Vor dem Spiel muss der YB-Trainer sich gefragt haben, was er an diesem Abend von Varela braucht. Die schnellen Beine? Das Temperament? Den Torriecher? Die Aggressivität? Nein, nichts von alldem. Er brauchte nur den Geist des Spaniers. Der Varela-Geist hat den FCB besiegt.

Natürlich waren es letztlich Varelas Kollegen, die es auf dem Platz gerichtet haben. Ohne den coolen Heber von Häberli hätte es nicht zum Sieg gereicht. Doch entschieden war der Match schon vor dem Anpfiff: Die Angst der Basler vor dem grossen Abwesenden glich der Angst der Mauren vor dem toten Rodrigo Díaz de Vivar, besser bekannt als El Cid.



Kolumne vom 2. Februar

Tränen für die Zukunft

Fast alle legendären Sportstars hatten legendäre Gegenspieler. Wahre Grösse misst sich an den jeweiligen Gegengrössen. Ohne Liston, Frazier oder Norton wäre Muhammad Ali nicht unsterblich geworden. Heute wissen wir, dass Ali der grösste Boxer aller Zeiten ist. Aber in den frühen 70er Jahren, als er von Frazier und Norton verprügelt wurde, konnte man das noch nicht wissen.

Die grössten Sportler kennen nicht bloss hervorragende Gegner, sie kennen auch die Niederlage und das Comeback. Ali kam aus dem Gefängnis zurück, Niki Lauda kam aus der Feuerhölle am Nürburgring zurück. Beide schafften es danach wieder ganz an die Spitze.

Das alles müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir auf den gestrigen Final von Roger Federer gegen Nadal zurückschauen. Der Schmerz über die Niederlage ist vorübergehend. Federer hat einen grossen Gegenspieler. Nadal ist der Joe Frazier der Gegenwart. Er ist stark, er ist jung und er gewinnt. Siege wie der gestrige werden Nadal einen Ehrenplatz in der Sportgeschichte sichern. Aber der Grösste, der Unerreichte, der Muhammad Ali des Tennissports wird am Ende Roger Federer sein.

Federer war lange unbestritten die Nummer Eins. Dann kamen Nadal und das Drüsenfieber. Das Fieber verging. Nadal blieb. Das ist hart für Federer. Aber es wird ihn noch grösser machen. Sportler die nur siegen haben etwas Seelenloses. Müssen Sie nicht auch eine Weile nachdenken, bis Ihnen der Name des Superschwimmers einfällt, der an den Olympischen Sommerspielen 8 Goldmedaillen gewann? Und warum? Weil er ein Langweiler ist!

Ein grosser Sportler steht nach Niederlagen wieder auf. Federer ist nach Wimbledon wieder aufgestanden – und wie! Er wird auch nach Melbourne wieder aufstehen, das ist gar keine Frage. Die Tränen, die er gestern vergossen hat, bewässern schon den Garten künftiger Grand-Slam-Siege.



Kolumne vom 26. Januar

Von Gut bis grossartig

In einem Punkt waren wir Experten uns schnell einig: Bei den Schweizerinnen heisst der Skistar in diesem Winter Lara Gut. Klar wussten wir, dass da irgendwo noch eine begabte Engelbergerin mitfährt. Ein Multitalent, hiess es, eine exzellente Golferin, waghalsige Pilotin, angehende Physikerin und überaus begabte Abfahrerin. Trotzdem fiel es uns schwer, den Namen dieser Wunderfrau im Kopf zu behalten. Die mag ja talentiert sein, sagten wir, doch gleichzeitig dünkte uns, sie hätte mehr Knieoperationen als Weltcuppunkte.

Wir Lehnstuhlsportler, die schon beim kleinsten Wetterwechsel über Gelenkbeschwerden jammern, konnten uns einfach nicht vorstellen, dass jemand mit derart oft zusammengeflickten Knien noch Spitzensport betreiben kann. Den Namen Dominique Gisin verbanden wir eher mit einem Ärzterapport als mit einer Rangliste.

Selbst als Dominique Gisin vor einer Woche ihre erste Weltcupabfahrt gewann, hatten wir es noch nicht ganz begriffen. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt dem glänzenden Lauberhornsieger Didier Défago. Und nun ist es schon wieder passiert. Schon wieder fährt Gisin zum Sieg und schon wieder steht sie im Schatten des neuen Superstars DD.

Wie ist doch die Welt zuweilen gemein! Noch letzte Saison hätte hierzulande ein einziger Weltcupsieg gereicht, um alle Titelseiten helvetischer Hochglanzheftchen zu besetzen. Jetzt gewinnt Dominique Gisin gleich zwei Abfahrten nacheinander, aber sie bleibt im Schatten, in diesem unendlich langen Schatten, den nur skigeographische Kultstätten wie Wengen und Kitzbühel werfen können.

Dominique Gisin ist grossartig! Sie soll wissen, dass sie in mir einen echten Fan hat, der trotz Lauberhorn- und Hahnenkammeuphorie nicht vergessen hat, vor ihr in die Knie zu gehen. Wobei es bei meinen rheumatischen Knien wohl besser ist, wenn ich stattdessen den Hut ziehe: Chapeau, Dominique!



Kolumne vom 19. Januar

Didi D. did it!

In besseren Zeiten hatten viele Stars verdoppelte Initialen. Jeder Filmfan wusste etwa, dass mit BB nur Brigitte Bardot oder mit CC nur Claudia Cardinale gemeint sein kann. Liebhaber des runden Leders dagegen denken bei CC instinktiv an Christian Constantin, oder bei HH an Heinz Hermann. Seit Samstag kommt im Skisport das doppelte D dazu. DD wird ab jetzt immer mit Didier Défago in Verbindung gebracht werden. Der bärenstarke Walliser, den fast niemand auf der Rechnung hatte, ist über Nacht zum Star geworden.

Dabei ist Didier Défago weiss Gott kein Neuling. Wir kannten ihn seit gefühlten fünfzig Jahren. Aber wenn im Fernsehen sein Name eingeblendet wurde, gingen wir meist für eine Zigarettenpause auf den Balkon. Wir wollte ja nicht Cuche oder Bode Miller verpassen.

Deswegen hat uns Défagos Sieg im ersten Moment ein bisschen durcheinandergebracht. Es war fast, als hätte für einmal nicht Derrick, sondern Assistent Harry den Fall gelöst. Défago war im Zielraum. Er hatte bereits gewonnen. Aber das Publikum in Wengen wusste es noch nicht und wartete auf einen anderen Sieger. Es erinnerte ein bisschen an die Kindheit, wenn wir zwar ein schönes Weihnachtsgeschenk erhalten hatten, aber insgeheim hofften, irgendwo unter dem Baum liege eines, das noch schöner und noch grösser sei.

Das leicht irritierte Verhalten von Teilen des Publikums und mancher Moderatoren war ungerecht gegenüber dem diskussionslosen Sieger. Défago selbst hat es allerdings anders gesehen: «Mit dem Publikum isch sicher super eso, wenn die singen die Namen und so, es isch wie ein grosses Fussballstadion. Die einzige Sache, ich bin allein unten. Eh?!»

Nein, du bist nicht allein. Wir alten BB- und CC-Fans wollen dir die Treue halten und bekräftigen es mit einem kleinen Stabreim: Danke DD und denk daran, die deinen drücken dir die Daumen.

Blick-Kolumnist Pedro Lenz. (Igor Kavarik)
Blick-Kolumnist Pedro Lenz. (Igor Kavarik)

Kolumne vom 12. Januar

Der Jammeri vom Luganersee

Im Sport gibt es Erfolgreiche und Erfolglose. Und im Sport gibt es Beliebte und Unbeliebte. Interessanterweise muss das eine mit dem andern überhaupt nichts zu tun haben. Manche Sportler reihen Erfolg an Erfolg und trotzdem mag sie kaum jemand.

Zu denen, die fast alles gewonnen haben, ausser die Herzen der Masse, gehört zweifellos John Slettvoll. Der Mann hat weniger Sexappeal als eine Eisreinigungsmaschine. Wegen seiner Erfolge wurde er von vielen Hockeyfans immerhin noch respektiert, zumindest bis jetzt. Denn nun, da er beleidigt wie ein Teenager von Lugano weggelaufen ist, verliert er auch noch unseren Respekt.

Einst wurde John Slettvoll der Magier genannt. Inzwischen ist er nur noch der Gränni, um es im Dialekt von Hanspeter Latour zu sagen. Ein Mann wie Slettvoll, der sein halbes Leben dem Berufssport widmet und sich dann plötzlich derart verbittert über die Usanzen dieses Milieus beklagt, ist mehr als en Gränni, er ist ein naiver Gränni.

Was ist denn passiert? Slettvoll hätte bis Ende Saison den HC Lugano trainieren sollen. Er hat gehofft, danach gehe es noch eine Weile mit ihm weiter. Aber die Klubführung wollte für die kommende Spielzeit einen anderen Schweden an der Bande. Solche Dinge passieren im Profisport täglich. Doch Slettvoll passt der Stil nicht. Er sei über die Pläne seiner Chefs nicht frühzeitig informiert worden, klagt er.

Wissen wir immer frühzeitig, was unsere Bosse mit uns im Schilde führen? Könnten die gewöhnlichen Arbeitnehmer einfach davonlaufen, wenn sie auf Umwegen vernehmen, dass es bald Veränderungen im Betrieb gibt, stünden bald sämtliche Unternehmen in diesem Land still.

John Slettvoll hat zweifellos grosse Verdienste. Die erfolgreichste Zeit des HC Lugano trug seine Handschrift. Aber nun wird er uns als Mimose in Erinnerung bleiben. Es ist zum Heulen.

Kolumne vom 5. Januar

«Im Unterland war gestern Sonntag wieder einer dieser, kalten, nebligen Sonntage, an denen man nicht einmal einen heissblütigen Kampfhund vor die Türe schicken möchte. An so einem Tag hat der echte Sportsfreund genau zwei Möglichkeiten: Entweder er fährt in die Berge oder er holt die Berge zu sich runter.

Wir, die wir uns aus mangelndem Antrieb für die zweite Möglichkeit entschieden haben, hatten nichts zu bereuen. Die TV-Reise hat gut getan. Wohl mussten wir zunächst in Innsbruck ein wenig mit Simon Ammann leiden. Dafür wurden wir anschliessend in Val di Fiemme von Dario Cologna mehr als entschädigt.

Wer denn dieser Cologna sei, fragte am Abend ein heimkehrender Skitourenfahrer, als er an meinem Balkon das Transparent las, auf das ich mit Fingerfarbe geschrieben hatte: «Zwischen Stockholm und Bologna – heisst der neue Star Cologna!»

Wer ist Cologna? So eine Frage! Das ist genau das Problem bei den Hobbysportlern: Sie sind zwar immer aktiv. Dafür fehlt ihnen dann die Zeit für einen seriösen Fernsehsportkonsum. So kommt es, dass sie zuletzt eine Skitour nicht von einer Tour de Ski unterscheiden können.

Also für alle, die es noch nicht gemerkt haben: Eine Tour de Ski ist etwas wie eine Tour de France auf Schnee, aber internationaler, weil sie in mehr Ländern stattfindet. Nur die Weltbesten nehmen teil und wer die Tour gewinnt ist der kompletteste Langläufer der Gegenwart.

Dario Cologna aus dem Val Müstair, der vier Sprachen beherrscht und aussieht wie ein Hugo Koblet der Loipe hat gestern nicht bloss die Tour de Ski gewonnen. Er hat uns den Sonntag gerettet. Wir Passivsportler, die wir fast nichts über Langlaufsport und fast alles über Legendenbildung wissen, wir ahnen, dass wir gestern der Geburtsstunde einer neuen Legende beigewohnt haben.»

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