Es war vielleicht die spannendste Entscheidung der ganzen Spiele – Nicola Spirigs Triathlon-Sieg. Nach einer Woche im Gold-Rummel öffnet die 30-Jährige im SonntagsBlick-Interview ihr Herz.
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Nicola Spirig: «Vielleicht geht diese knappe Entscheidung
in die Olympia-Geschichte ein.» (EQ Images)
Wie haben Sie die letzten Tage bei Olympia erlebt, Nicola?
Nicola Spirig: Es ist stressig gewesen, hat aber auch Spass gemacht. Einerseits wollte ich nach meinem Wettkampf London und Olympia geniessen, andererseits musste ich Verpflichtungen gegenüber Sponsoren und Medien nachkommen.
Also nichts als Stress?
Überhaupt nicht. Ich habe halt das eine mit dem anderen verbunden, zum Beispiel einen Termin ins London-Eye verlegt. Auf dem Riesenrad war ich ja auch noch nie.
Von Geniessen kann man da aber nicht reden. Schliesslich waren auch Ihr Freund Reto Hug und Ihre Familie in London.
Mit ihnen habe ich nach Siegerehrung, Dopingkontrolle, Pressekonferenz und Medaillen-Feier im House of Switzerland nach meinem Wettkampf am vergangenen Samstag das gemeinsame Abendessen genossen. Am Sonntag hat uns Nike zum Tennis-Final der Männer in Wimbledon eingeladen. Am Montag war ich im Olympia-Stadion bei der Leichtathletik und habe den 400-m-Hürden-Sieg von Felix Sanchez miterlebt. Und nachdem Reto am Mittwoch zurück in die Schweiz reiste, bin ich aus unserer Triathlon-Unterkunft im Imperial College ins olympische Dorf umgezogen, um dort noch etwas von der Stimmung unter den Athleten mitzubekommen.
Bei Federers Final-Niederlage haben Sie bestimmt mitgelitten.
Extrem. Ich weiss, wie viel Roger in seiner grossartigen Karriere schon gewonnen hat. Ich weiss, wie sehr er diesen Olympia-Sieg im Tennis-Einzel haben wollte. Live mitzuerleben wie dieser grosse Champion sein Ziel verpasste, das hat schon weh getan.
Hat Sie wenigstens Steve Guerdats Gold-Ritt vom Mittwoch ein wenig erlöst – jetzt sind Sie ja nicht mehr die einzige Schweizer Olympia-Siegerin?
Ich habe mich riesig über Steves Leistung gefreut. Konnte zwar selbst nicht dabei sein, nicht einmal am Abend mit ihm im House of Switzerland auf unser gemeinsames Gold anstossen. Auch dieser Abend war schon anders verplant. Schade. Für mich ist der Rummel danach nicht kleiner geworden.
Haben Sie überhaupt schon realisiert, was Sie mit Ihrem Olympia-Sieg vom 4. August geschafft haben?
Ich glaube nicht. Ganz sicher noch nicht richtig. Und das wird wohl auch noch lange dauern. Als Sportlerin hat man zwar gewisse Vorstellungen von dem, was nach einem solchen Triumph auf einen zukommt. Aber die Wirklichkeit ist doch noch viel gigantischer.
Einen solchen Erfolg könnte man auch zu Geld machen. Werden Sie sich also möglichst schnell nach neuen Sponsoren umschauen?
Nein. Ich will sicher in erster Linie die Partner behalten, die ich schon hatte. Sponsoren, die sich jetzt nur kurzfristig an mir interessieren, interessieren mich nicht. Ich werde mir Zeit lassen und genau überlegen, was gut für mich ist.
Das klingt, als würde Ihre Triathlon-Karriere nach dem Olympia-Highlight weitergehen. Gibts schon irgendwelche Pläne?
Nein, ich habe noch gar nichts geplant. Ich habe zwar kurz überlegt, ob ich die Saison abbrechen will, habe aber auch da noch nichts entschieden. Es gibt ja schon noch Wettkämpfe, die mich reizen. In der WM-Serie belege ich Platz zwei, da könnte ich ja auch noch gewinnen. Und dann gibts noch die 70.3-Weltmeisterschaft (halbe Ironman-Distanz, Red.) in Las Vegas. Auch das wäre interessant. Es hängt aber alles davon ab, ob ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz überhaupt wieder trainieren mag und wie es im Training läuft. Einfach dabei zu sein, das reizt mich nicht.
Der Hundertstel-Krimi im Finish mit Lisa Norden – lässt er Sie überhaupt ruhig schlafen?
Diese Entscheidung ist tatsächlich ganz tief drin in meinem Kopf. Vielleicht war es die knappste der ganzen Spiele, vielleicht geht sie in die Olympia-Geschichte ein. Dass ich dabei war und gewonnen habe, macht mich natürlich zusätzlich stolz. Ruhig schlafen kann ich zwar wieder. Aber ich habe mir unseren Spurt schon 100 Mal angeschaut. Und jedes Mal, wenn ich meinen Finish sehe, hoffe ich, dass ich auch diesmal vorne bleibe.
Haben Sie kein Mitleid mit der hauchdünn geschlagenen Lisa?
Ich habe ja miterlebt, wie sehr sie sich gefreut hat, dass sie mich bis auf den letzten Meter so hart fordern konnte. So ist eben der Sport: Es gibt einen Ersten und einen Zweiten. Genau diese Spannung fasziniert uns Athleten und lockt Millionen von Zuschauern in Stadien oder vor den Fernseher.
Wird Nicola Spirig auch 2016 wieder auf Goldjagd gehen? Lesen Sie das komplette Interview im heutigen SonntagsBLICK.
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