Bombenattentate und Mord Ex-Terrorist holt Paralympics-Silber

Er ist ein verurteilter Mörder, war an mehreren Bombenattentaten beteiligt und zu 84 Jahren Haft verurteilt. Trotzdem ist Sebastian Rodriguez Veloso (55) einer der erfolgreichsten Behindertensportler aller Zeiten.

  • Publiziert: 01.09.2012
  • Von Simon Häring
play Sebastian Rodriguez Veloso wurde vor 27 Jahren zu 84 Jahren Haft verurteilt. (Getty Images)

Schwimmer Sebastian Rodriguez Veloso gewinnt über 50 Meter Freistil Silber. Es ist seine 14. Medaille. Und das im stolzen Alter von 55 Jahren. Einer seiner Finalgegner ist 40 Jahre jünger – und trotzdem langsamer. In die Schlagzeilen gerät der Spanier aber nicht wegen seiner sportlichen Leistungen, sondern wegen seiner dunklen Vergangenheit.

1985 wird er zu 84 Jahren Haft verurteilt, weil er als Mitglied der linksextremen Bewegung Grapo (Grupos de Resistencia Antifascista Primero de Octubre) an mehreren Bombenattentaten beteiligt war und mit zwei Schüssen den Geschäftsmann Rafael Padura ermordet hatte.

Nach fünf Jahren Haft tritt «Chano» in einen Hungerstreik. 432 Tage lang verweigerte Rodriguez jede Nahrung, kämpfte mit Anwälten gegen die Zwangsernährung. Vergeblich. Sein Hungerstreik hatte eine Eiweissunverträglichkeit zur Folge. Seither sitzt der Vater einer Tochter im Rollstuhl.

Trotz wütender Proteste der Familie Paduras wird Rodriguez 1995 vorzeitig aus der Haft entlassen. Seither verdient «Chano» sein Geld als Verkäufer von Lotterielosen der Blindenorganisation ONCE. Sein Arzt verordnete ihm zum Muskelaufbau Schwimmen. Es ist der Start in ein neues Leben.

2000 schafft er den Sprung in die spanische Paralympics-Delegation, gewinnt fünf Medaillen und stellt dabei vier Weltrekorde auf. Den Funktionären und Paralympics-Organisatoren erzählte er stets, seine Behinderung stamme von einem Autounfall. Jetzt flog der Schwindel nach einem Bericht von «El Pais» auf.

In seiner Heimatstadt Vigo wird Rodriguez Veloso dennoch als Held gefeiert. «In dieser Stadt lieben wir dich, weil du uns stolz gemacht hast», lässt sich Santiago Dominguez, ein lokaler Politiker einer Rechtspartei, zitieren. Über seine Vergangenheit will «Chano» nicht reden. Nur soviel: «Ich habe aus allen Erfahrungen viel gelernt».

GRAPO (Grupos de Resistencia Antifascista Primero de Octubre)

Die Gruppe des antifaschistischen Widerstands des 1. Oktober wurde im Jahr 1975 gegründet. Auslöser war die Ermordung dreier Linksoppositioneller durch das Regime von General Francisco Franco. Die GRAPO war der militante Arm der spanischen kommunistischen Partei «Partido Comunista de España», kurz «PCE».

Zwischen 1977 und 2001 übten Mitglieder der GRAPO Anschläge auf US-amerikanische Einrichtungen in Spanien aus. Ursprüngliches Ziel war allerdings, die amerikanische Armee aus Spanien zu vertreiben und die Diktatur des Franco-Regimes zu stürzen. Anfang Juni 2007 wurde nach Angaben der spanischen Behörden die einzige verbliebene Terrorzell der GRAPO zerschlagen. (sh)

Beliebteste Kommentare

  • Elsbeth  Schmid
    Hier wurde wieder einmal Täterschutz vor Opferschutz gestellt. Unglaublich, solche Personen gehören hinter Gitter für 84 Jahre und nicht an die Paralympics. Eine Schande. Walter Schmid
  • André  Jost , Kölliken
    Nicht nur die Schweiz hat Kuscheljustiz...

Alle Kommentare (9)

  • Alain  Walder
    Das ist ein absoluter Affront, dass man diesem Verbrecher hier im Blick noch eine Plattform schenkt. Und dann noch das voller stolz präsentierte Bild mit den Medaillen, pfui! Mit seinem Satz, Zitat: "Ich habe aus allen Erfahrungen gelernt.....", macht es sich dieser Mörder zu einfach. Er geniesst heute Ruhm und sogar Beachtung in der Presse, gerade so, wie anscheinend nie was geschehen wäre. Die Angehörigen der Geschädigten und Toten, denen er so viel Leid angetan hat, müssen nach wie vor mit ihrem endlosen Schmerz leben. Lieber Blick, bitte unterlasst aus Pietätgründen solche Reportagen!
  • Jacob  Staub , via Facebook
    Immerhin zeigt er dass mann sich auch ändern kann.
  • Peter  Müller , Adliswil
    Ich weiss gar nicht, wie man sich ab solchen Sachen aufregen kann. Solange Bush und wie sie alle heissen, frei herum laufen dürfen, darf dieser Mann auch an den Paralympics teilnehmen. Das ist meine Meinung!
  • Antonio  Carestia , Lucerne , via Facebook
    ihn früher aus der Haft entlassen,ist nicht der Skandal...,
    an eine Olynpiade teilnehmen zu lassen,ist der wahre Skandal !!!
  • Armella  Heller Baltensperger , via Facebook
    Dass ein Verurteilter zu 84 Jahren Knast verdonnert wird und nach so kurzer Zeit wieder das Gefängnis verlasen darf...... grenzt an Hohn und Spott.
    Bei einem weniger tragischen Vergehen, mit geringer Strafe, könnte ich mir eine Teilnahme an den Spielen vorstellen.
    Aber so?
    Sein Rollstuhlleben hat er jedenfalls sich selber zuzuschreiben.
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