Jamaikanische Doping-Teufel - oder Sprint-Götter?

  • Publiziert: 14.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Carl Schönenberger aus Berlin

Im Jamaika-Team ist kurz vor der WM die Hölle los. Doch Sprint-Gott Usain Bolt gibt sich wie ein Engel.

Berlin Ostbahnhof – Abgewrackte Junkies und Neo-Nazis hängen bierselig herum. Gegenüber der «Yaam»-Club. Ein Trendschuppen. Und über dem Ganzen hängen dunkle Gewitterwolken. Irgendwie gespenstisch. Aber typisch für den Auftritt eines Sprint-Gotts drei Tage vor dem 100-m-WM-Showdown?

Und er kommt – beziehungsweise sie kommen. Zwei schwarze Karossen mit abgedunkelten Scheiben. Von acht Bodyguards eskortiert rollen sie langsam in den Innenhof beim «Yaam». Aus dem ersten Wagen steigt Wellesley Bolt, der Vater des 100-m-Weltrekordlers. Aus der zweiten Luxus-Kutsche klettert Usain – der Sprint-Gott himself.

Eigentlich hätte es ein Auftritt des gesamten Jamaika-Teams werden sollen. Doch da gibts eine kurzfristige Kursänderung: «Nur Usain ist da», wird angekündigt. «Fragen zu den Vorfällen der letzten Tage gibts hier keine!»

Vorfälle der letzten Tage?

Fünf Doping-Fälle von jamaikanischen Athleten wurden fadenscheinig unter den Tisch gekehrt. Die nationale Antidoping-Agentur macht Rekurs gegen die eigene Disziplinarkammer. Dem Internationalen Verband (IAAF) sind die Vergehen mit verbotenen Stimulanzien noch immer nicht erklärt.

Ex-100-m-Weltrekordler Asafa Powell, 100-m-Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser, 400-m-Hürden-Olympiasiegerin Melaine Walker sowie drei weitere Jamaika-Stars hätten am Mittwoch auf Ansinnen des eigenen Verbands von der WM ausgeschlossen werden sollen, weil sie bei der Vorbereitung für Berlin eigene Wege gingen. Doch die IAAF braucht sie – als Aushängeschilder für ihre Veranstaltung.

Am Mittwochabend um Mitternacht der «Doping-Report» auf ARD: Auch jamaikanische Topstars sollen nicht sauber sein. «Ich traue überhaupt niemandem», sagt Asafa Powell dort. Will heissen, er traut auch Bolt nicht.
Keine Fragen also dazu im «Yaam»-Club. Dafür darf Usain Bolt ins Mikrofon sagen, er sei nicht zu 80 oder 90 Prozent in Form – «Ich bin bereit, yeah!».

Und damit er keine unnötige Energie verliert, wenn er seine Pose, den Bogenschützen, macht, hat ihm sein Ausrüster entsprechend geformte Schaumstoff-Arme hinten an die Schulter geklebt.

Redselige Ministerin

Usain Bolt – der 22-jährige Sprint-Gott erscheint in der herrschenden «Bombenstimmung» als Engel.
Wäre da bloss nicht Olivia Grange, Jamaikas Ministerin für Information, Kultur sowie Jugend und Sport.

Die Frau ist international unerfahren genug, dass sie sich nicht ans Redeverbot hält. «Mit den fünf Doping-Fällen haben wir der Welt demonstriert, dass es auch auf Jamaika einen Anti-Doping-Kampf gibt», sagt die Lady. Die gleiche Dame, die zur Geisterstunde ARD gegenüber die Stärke ihrer Sprinter noch mit dem gesunden jamaikanischen Wasser begründet hat.

Bloss, dass weder Powell noch Bolt gedopt sein können, darauf legt die Ministerin Wert. «Diese Athleten sind erfahren genug. Sie kennen die Regeln. Sie wissen, was erlaubt ist, und was verboten.»

Haben die Doping-Drahtzieher und Dealer etwa doch Recht, wenn sie ARD gegenüber sagen, sie wüssten, dass auch Jamaikas Sprint-Götter von Doping verteufelt seien? Oder haben Heredia, Conte und Matschiner vor den ARD-Kameras nur geblufft, um Geld in ihre leeren Taschen zu bekommen?

Fakt ist: Der in Österreich entlarvte Strippenzieher Matschiner hat für solch spektakuläre Aussagen mit ARD einen Vertrag.
Übrigens: «Die Stimmung im ganzen Jamaika-Team ist super.» Und: «Ich laufe meine WM-Rennen mit einem revolutionären, nur 149 Gramm schweren Schuh.» Das hat Usain Bolt gestern im «Yaam»-Club auch noch gesagt.

Dibaba über 10'000 Meter nicht an Start

Verletzungspech suchte das schnellste Lauf-Ehepaar der Welt heim.

Die in ihrer Karriere über 10000 Meter ungeschlagene Olympiasiegerin Tirunesh Dibaba sagte den Start auf ihrer Spezialstrecke ab.

Auch ihr Ehemann, Sileshi Sihine, kann gemäss der äthiopischen Teamleitung nicht zu seinem Rennen antreten. Er ist Olympia-Silbermedaillen-Gewinner in der gleichen Disziplin wie seine Frau.

Titelverteidigerin Dibaba, die im Vorjahr in Peking als erste Frau das olympische Gold-Double über 5000 und 10000 m geschafft hatte, hofft zumindest noch auf das 5000-m-Rennen. (Si/mpe)

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