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Mittwochabend im Berliner Olympiastadion. Den Zuschauern verschlägt es die Sprache. Vor einem Jahr kannte sie noch niemand – jetzt läuft Caster Semenya, 18 Jahre alt, den weltbesten 800-Meter-Läuferinnen in 1:55,45 um die Ohren.
Im Ziel macht Caster mit ihren starken Oberarmen und geballten Fäusten den «Meister Proper». Doch im Stadion bleibts mäuschenstill. Was soll man mit dem soeben Erlebten bloss anfangen? Niemand weiss es. Ist die Siegerin wirklich eine Frau – oder hat sich ein Mann ins Feld geschlichen?
«Der liebe Gott hat sie so gemacht. Caster ist ein Mädchen», sagt Semenyas Mutter Dorcus. Sie hat recht – aber vieles deutet darauf hin: Caster ist auch ein Bub. Semenya sieht männlich aus: starke Muskeln, tiefe Stimme, Barthaare. Der Internationale Leichtathletik-Verband ordnet medizinische Tests an.
Coach E.A. war in der DDR einer der Ober-Doper
Caster soll ein Zwitter sein – ein Hermaphrodit. Eine Mischung aus Hermes und Aphrodite, Göttern der griechischen Antike. Ausgestattet sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Chromosomen und Geschlechtsmerkmalen.
In Deutschland kommen jährlich rund 120 Zwitter zur Welt. Die meisten von ihnen werden kurz nach der Geburt so operiert, dass sie zumindest von den Geschlechtsmerkmalen her entweder Mann oder Frau sind. Also entweder Penis oder Vagina haben.
Ein Trainer*, der lange Jahre in Südafrika gearbeitet hat und heute noch intensive Kontakte pflegt, weiss, dass die jetzt verlangten Tests unnötig sind. «Südafrika hat sie bereits im März gemacht. Das Ergebnis ist klar», sagt er. «Semenya hätte bei den WM in Berlin nicht bei den Frauen starten dürfen. Doch ihre Funktionäre haben voll auf die Karte Risiko gesetzt.»
Caster Semenya werde von ihren eigenen Leuten also dazu missbraucht, ihnen Ruhm und Ehre zu verschaffen. Das Opfer sei die Athletin. Nicht nur die IAAF wurde über das Ergebnis der Geschlechts-Abklärung nicht frühzeitig informiert – selbst Caster Semenya und ihrer Familie hat man es wohl nicht mitgeteilt. Eine ungeheuerliche aber ziemlich wahrscheinliche Vermutung.
«Er hat genau gewusst, was zu tun war»
Eine Vermutung, die auch daher rührt, dass der südafrikanische Head Coach E. A.* heisst. Wie weit dieser bald 70-jährige Herr Doktor für sportlichen Erfolg geht, zeigte er zwischen 1982 und 1990 zuerst als Werfer-Trainer, dann als Chef-Trainer in der ehemaligen DDR.
E. A. war dort nachgewiesenermassen einer der Ober-Doper. Später war er in Australien tätig, bis er wegen Doping-Gerüchten vertrieben wurde. Dann bei den Griechen, deren Sprinter Kenteris und Thanou 2004 in Athen die Welt mit Doping schockten.
Jetzt wirkt E. A. in Südafrika. «Er hat genau gewusst, was zu tun war, dass Semenya bei ihren bisherigen Wettkämpfen stets durchgekommen ist», sagt der eingangs erwähnte frühere Südafrika-Trainer. Ihr Testosteronspiegel werde mit Medikamenten so eingestellt, dass sie bei Doping-Kontrollen nicht auffalle.
Für E. A., den Mann aus der DDR, ein Kinderspiel – mit seinen damaligen Anabolika-Bombern hatte er es jahrelang so gemacht. Gestern äusserte sich der südafrikanische Verbandspräsident Leonard Chuene doch noch. Und vielsagend: «Casters Verbrechen ist offenbar, so geboren worden zu sein, wie sie ist. Wir müssen sie schützen und warten bis die Untersuchungsergebnisse da sind. Dann sitzen wir zusammen und schauen.»
Die Namen sind der Redaktion bekannt.