Südafrika säubert seine Städte für die Fussball-WM Grausame Kinderjäger

  • Publiziert: 06.04.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Max Kern

Landstreicher, Strassenkinder und Bettler: Sie alle werden zum Opfer eine Säuberungs-Kampagne vor der Fussball-WM. Die Polizei vertreibt sie wenn nötig mit Gewalt aus den WM-Städten.

Durban, Südafrika. Die Stadt am Indischen Ozean. Der Ort, wo die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld am 16. Juni mit dem Spiel gegen Spanien in die Fussball-WM startet. Es sind 30 Grad im Schatten.

Die Sonne brennt auf einen Panzerwagen. Aus dem Innern des Polizei-Lastwagens sind wimmernde Stimmen zu vernehmen. Acht Kinder, die mit zwei Erwachsenen in den Wagen gepfercht wurden, flehen um Hilfe. Sie sind Opfer einer Säuberungs-Kampagne.

Die obdachlosen Kinder werden von der Polizei aufgegriffen und mit Lastwagen aus den Grossstädten gefahren. Der Schweizer Ben Jakob (60), ehemaliger Geschäftsführer des Kinderhilfswerks World Vision, ist Augenzeuge. Der Berner zu SonntagsBlick: «Ich habe in meiner Laufbahn ja schon vieles gesehen. Kinder im Sudan, die an der Mutterbrust starben. Leichen im Fluss in Ruanda. Aber so etwas, dass Kinder wie Ware behandelt werden, ist mir neu. Wahnsinn, sie werden wie Abfall eingesammelt, damit die Strassen für den Fussball sauber sind.»

Die südafrikanische Kinderhilfsorganisation Umthombo schreibt auf ihrer Homepage: «Den Kindern wird Pfefferspray in die Augen gespritzt, Kinder mit blutverschmierten Gesichtern schreien aus den Vans.» Bei Umthombo (www. umthombo.ch) kümmern sich ehemalige Strassenkinder um traumatisierte und notleidende Kinder.

Jakob ist am Rande der Street Child World Championship, der Fussball-WM der Strassenkinder, mit einem Journalisten-Team der englischen Zeitung «The Sun» unterwegs. Vor der Metro Police Station in Parkview Marine Parade stossen die Europäer in Durban auf den mit Strassenkindern vollgepferchten Panzerwagen.

Marc Giddings, der Fotograf, schiesst Bilder. Nicht ungestraft. Giddings wird verhaftet. Normalerweise hätte der englische Fotograf 48 Stunden hinter Gittern verbringen müssen. Jakob: «Da wir am Abend zuvor an einem Empfang Bürgermeister Obed Mlaba kennengelernt haben, brachten wir Giddings schon nach zwei Stunden wieder raus.»

Der Fotograf musste vor den Augen der Polizisten Beweisbilder löschen. Wie er es fertiggebracht hat, im Innern der Metro Police Station ein Plakat abzulichten, bleibt sein Berufsgeheimnis. Auf dem Plakat sind alle und alles aufgelistet, die in der sogenannten «Beach Cleaning Operation» entsorgt werden sollen: Landstreicher, Strassenkinder, Bettler, Abfall.

Die englische Zeitung «Metro» zitiert einen südafrikanischen Regierungssprecher: «Du musst zuerst dein Haus aufräumen, bevor du Gäste einlädst.»

Die Südafrikanerin Bulelwa Ngantweni (28), die mit ihrem englischen Gatten Tom Hewitt «Umthombo» leitet, sagt: «Die Säuberungen sind sinnlose Aktionen. Anstatt die Kids in Lastwagen aus den Städten zu fahren, sollten sie diese besser zu uns bringen. Wir könnten mit ihnen an den Strand fahren und Fussball spielen.»

Jakob: «Die Strassenkinder-Fussball-WM brachte das Einsammeln der Strassenkinder in Durban ans Tageslicht. Daraus entwickelte sich zum Glück eine positive Zusammenarbeit zwischen den Hilfswerken und den städtischen Behörden, damit die Strassenkinder wieder in die Gesellschaft integriert werden können.»

Das sagt die Fifa

Ist der Weltfussballverband Fifa über das Kinder-Säuberungsprogramm «Beach Cleaning Operation» informiert?

Fifa-Sprecher Nicolas Maingot: «Gemäss unseren Informationen hat das keinen Bezug zum 2010 Fifa World Cup. Sondern ist Teil eines Sozialprogrammes, das von örtlichen Behörden geleitet wird.»

Gab die Fifa der Südafrikanischen Polizei den Auftrag, die Strassenkinder zu jagen?

«Natürlich nicht.»

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