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Die Neugier war natürlich gross. Wie residiert der mächtigste Sportfunktionär der Welt, Fifa-Präsident Sepp Blatter? Oben am Waldrand beim Zürcher Zoo, eine Garageneinfahrt wie die Rampe zum Ärmelkanal-Tunnel, dann tritt man ein ins Reich des globalen Fussballs – erlesenste Materialien, Eleganz in Schiefer, Stahl und Glas, vorbei an den gestylten Büros der engsten Mitarbeiterinnen im Präsidialflügel: «Hallo» hier, «Grüezi» dort. Schöne, gescheite und charmante Frauen im Dienste seiner Majestät. Und dann durch ein Vorzimmer, in die lichtdurchflutete Zentrale der Macht. Gross wie die Welt, aber gemütlich warm wie ein Wohnzimmer. Sepp Blatter ist ein Herzensmensch.
Sie lösen Ihr historisches Versprechen ein, dass Südafrika die Fussball-WM ausrichten darf.
Sepp Blatter: Als ich vor 35 Jahren bei der Fifa anfing, sagte mir Präsident João Havelange: Fussball muss universal sein, nicht nur die Kontinente Südamerika und Europa. An der WM 74 spielten sonst nur noch Australien, Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo, und Haiti. Havelange gab mir den Auftrag, den Fussball in die Welt hinauszutragen.
Warum entwickelten Sie ein besonderes Flair für Afrika?
Es begann mit einem Entwicklungsprogramm für Afrika. Im Februar 1976 leitete ich einen ersten Kurs und merkte gleich: Football is more than kicking a ball. Die Afrikaner sagten mir: «Wir wollen keinen europäischen Fussball!» Da zeigte ich ihnen mein spezifisches Entwicklungsprogramm, das heute noch gilt. Es setzt auf die Eigenart der verschiedenen Länder und Kontinente. Also auch auf afrikanischen Fussball in Afrika.
Was heisst «afrikanischer Fussball»?
Schauen Sie sich doch den europäischen und immer mehr auch den asiatischen Fussball an, wie viele Afrikaner da spielen und das Spiel prägen!
In der Schweiz ist sicher Seydou Doumbia zu erwähnen.
Doumbia, klar. Oder schauen Sie sich den FC Sion an. Das ist ja eigentlich gar kein FC Sion mehr. Aber der FC Sion ist sowieso ein Phänomen: Da könnten Gartenzwerge spielen, die Leute würden trotzdem hingehen.
Sie nehmen mit der WM in Südafrika ein grosses Risiko in Kauf!
Vor drei Jahren fragte mich der Sänger Bono in Davos, weshalb ich mich Afrika so verbunden fühle. Ich sagte ihm, aus Gerechtigkeit! Man hat Afrika praktisch alles weggenommen. So war es in der Kolonialzeit und jetzt ist es wieder so im Fussball. Man nimmt ihnen die besten Fussballer, ohne etwas zurückzugeben.
Waren es nicht einfach die Stimmen aus Afrika für Ihre Wahl, die Sie so afrikafreundlich machten?
So ein Blödsinn! Bei der ersten Wahl 1998 in Paris stimmte Afrika mehrheitlich für Lennart Johansson und bei der zweiten Wahl in Seoul 2002 hatte Afrika sogar einen eigenen Kandidaten. Das dritte Mal in Zürich 2007 gab es keinen Gegenkandidaten.
Der 8. Januar, als es in der angolanischen Exklave Cabinda einen Anschlag auf die togolesische Nationalmannschaft gab, war ein schwarzer Tag für Sie.
Das war ein Schock für mich! Fussball war bis jetzt noch nie Ziel eines politisch motivierten Terrorakts.
Spiele in der unruhigen Provinz Cabinda zu veranstalten, sollte eine Machtdemonstration der Regierung von Angola werden. Der afrikanische Fussballverband gab unklugerweise sein Okay.
Wir haben Ende Oktober einen Brief erhalten von Leuten aus Cabinda, die in der Schweiz leben. Sie baten uns, die afrikanische Fussballunion über die Situation ihrer Heimat zu informieren. Das haben wir getan. Die schickte ihn an die Regierung, aber diese liess sich nicht vom Austragungsort Cabinda abbringen.
Bei dem Anschlag gab es Tote und Verletzte. Was ist jetzt zu tun?
Wir müssen einsehen, dass auch wir nicht vor terroristischen Attacken gefeit sind, obwohl ich immer sagte, dass der Fussball etwas Besonderes ist. Die Befreiungsfront von Cabinda hat öffentlich erklärt, man habe niemanden töten wollen, sondern nur auf den Konflikt aufmerksam machen. Wenn sie alle hätten töten wollen, wäre das leicht möglich gewesen. Aber es ist auch so sehr traurig.
Dieser Anschlag wirft einen schweren Schatten auf die WM in Südafrika.
In Südafrika haben wir eine ganz andere Situation. Es gibt keine Befreiungsfront und im Confederations Cup im Juni 09 haben die Verantwortlichen in Südafrika bewiesen, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Sie ist übrigens nicht nur eine südafrikanische, sondern eine internationale Sicherheit. Für die WM, wie für jede Grossveranstaltung auch, wird eine sogenannte Event-Security angewendet, die innerhalb festgelegter Parameter für die Sicherheit des Fussballfans sorgt. Vergessen Sie nicht: Südafrika hat auch jedes Jahr elf Millionen Touristen im Land.
Sie garantieren die Sicherheit?
Ich selber kann nur die Sicherheit garantieren, die die südafrikanische Regierung garantiert. Bisher sind solche Zusicherungen bei jeder Weltmeisterschaft eingehalten worden. Ich bin überzeugt, dass das auch in Südafrika der Fall sein wird.
Unser Nati-Spieler Ludovic Magnin sagt, seine Familie bleibe zu Hause.
Das ist seine Meinung – ich teile sie nicht. Bastian Schweinsteiger aus Deutschland sagte dasselbe. Der deutsche Fussball-Präsident Theo Zwanziger entgegnete ihm: «Komm, wir gehen alle dorthin.» Wieso sollten wir nicht hingehen? Das wird ein Riesenfest! Wir müssen keine Angst haben. Absolute Sicherheit gibt es in keinem Land.
Weshalb ist der Ticketverkauf so schlecht?
Im Moment ist die Nachfrage etwas flau, das stimmt. Das Thema Ticketing werden wir allerdings nochmals analysieren. Ich bin überzeugt, dass am Schluss alle 3,4 Millionen Tickets verkauft und alle Plätze besetzt sein werden.
Fussball ist ein grosses Geschäft. Die WM lockt die 32 Mannschaften mit einer Rekordprämie von 420 Millionen Dollar. Warum wurde so massiv aufgestockt?
Ich bin damit auch nicht ganz zufrieden. Der Fussball der Nationalmannschaften sollte nicht mit dem reichen Club-Fussball mitgehen.
Wer hat denn die 60-prozentige Aufstockung beschlossen?
Die Organisations- und die Finanzkommission sowie das Exekutivkomitee der Fifa.
30 Millionen gibt es für den WM-Titel. Geht das Geld an die Spieler oder an die Funktionäre? Sie sagen jetzt sicher: an den Nachwuchs!
Nein. Wir zahlen den Verbänden. Diese haben eine Vereinbarung mit den Spielern. Und ein Teil geht an die Clubs, die die Spieler zur Verfügung stellen. Es ist auch eine Abgeltung für die Versicherung der Spieler. Aber natürlich plädieren wir in allen Verbänden für eine nachhaltige Nachwuchsförderung und unterstützen die Verbände darin.
Sie treten gegen die superreichen Clubs an. Wie können Sie die perverse Geldspirale im Fussball bremsen?
Bei den Nationalmannschaften schliesst sich allmählich die Schere zwischen reichen und armen Mannschaften. Bei den Clubs sehe ich keine Chance! Die reichen werden immer reicher. Deshalb hat der Fifa-Kongress 2008 die 6+5-Regel beschlossen. Zu Beginn eines Spiels dürfen in jeder Mannschaft nur fünf Ausländer mitspielen. Damit wollen wir die lokale Identität der Clubs wiederherstellen. Und so würde automatisch auch die Schere zwischen reichen und ärmeren Clubs wieder geschlossen.
Das geht nicht ohne Widerstand.
Die englischen Clubs wollen natürlich von einer Änderung nichts wissen. Da gab es Spiele, bei denen war zu Beginn kein einziger englischer Spieler auf dem Rasen. Das ist doch nicht normal, das ist Zirkus! Sie halten sich die doppelte Anzahl Spieler und blockieren sie damit für andere Clubs. Das ist nicht fair – und das möchten wir korrigieren.
Wir sind Weltmeister! Unsere U-17-Mannschaft hat die ganz Grossen besiegt: Brasilien, Italien, Deutschland und im Final den Gastgeber Nigeria. Warum war das Schweizer Multikulti-Team so unwiderstehlich?
Die Integration der Spieler geschieht in den Regionen. Die Mannschaft selbst war motiviert und hatte Glück. Dann steigerten sie sich auch noch von Spiel zu Spiel, was für die Schweiz untypisch ist. Es war eine verschworene Gruppe.
Herr Blatter, Sie haben sich nach dem Sieg riesig gefreut. Am Fernsehen hatte man den Eindruck, als wollten Sie den Pokal gar nicht mehr loslassen.
Ganz einfach: Ich kriegte meine Hand nicht mehr aus dem Henkel, hing einen Moment am Pokal fest.
Was kann Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld vom U-17-Trainer Dany Ryser lernen?
Dany hatte es vielleicht etwas einfacher. Zum Beispiel kommen die Spieler mit dem Fahrrad oder dem Töffli zum Training. Sie sind unter 18, und sie glauben noch an das Gute im Menschen und im Fussball und dafür kämpfen sie – gemeinsam. Wenn Ottmar seine Mannschaft zusammenzieht, ist das eine Heerschau. Wer hat den grössten Wagen? Die schönste Freundin? Ein Grossteil ist von den internationalen Clubs bereits einiges an Annehmlichkeiten gewohnt. Trotzdem wird sich die Nati sagen: Was die konnten, können wir auch.
Wenn die Schiedsrichter mit Fehlurteilen ein Spiel entscheiden, ist das hässlich. Warum wehren Sie sich so gegen den Videobeweis?
Ich bin nicht absolut dagegen. Wenn die Goal-Linien-Technologie einsatzbereit ist, dann nur zu! Im März diskutieren wir das am International Football Association Board. Wenn die Systemsicherheit gegeben ist, werden wir diese Technologie einführen. Aber für die WM reicht es noch nicht. Da machen wir keine Experimente, auch nicht mit zusätzlichen Schiedsrichtern.
Mit Massimo Busacca haben wir einen wunderbaren Schiedsrichter, aber er liess sich zu einer nicht sehr vornehmen Geste hinreissen. Fanden Sie seinen Stinkefinger schlimm?
Er gehört sicher zu den ganz Grossen – zusammen mit Roberto Rossetti und Howard Webb. Er ist Schiedsrichter mit Herz und Blut und ein guter Mensch obendrein. Wenn er jetzt einmal äs bitzi (ein wenig) wütend wird, dann muss man das verstehen. Aber den Finger hätte er wohl besser nicht gezeigt.
Welche Auswirkungen hat der jüngste Wettskandal auf den europäischen Fussball?
Danke für diese wichtige Frage. Es ist ein Skandal in den unteren Ligen. Es sind keine einheimischen Spieler betroffen, sondern Söldner. Die Staatsanwaltschaft in Bochum hätte warten sollen, bis alle Beweise auf dem Tisch sind. Wir haben aber sofort eine Vereinbarung mit Interpol abgeschlossen, mit einem früheren FBI-Mann an der Spitze. Die Fifa und die Uefa haben bereits Frühwarnsysteme eingerichtet, die Deutschen haben ihr Fussball-Radar. Jetzt vernetzen wir diese Systeme.
Die Fifa ist eine Grossfamilie: 208 Länder, 260 Millionen Aktive. Sie sagen, das ist Ihre Familie, aber jetzt reklamiert Ihre Tochter. Was stört sie denn?
Sie meint, die Familie sind wir. Sie hat recht.
Sehen Sie sich als Paterfamilias der Fifa-Familie?
Ich fühle mich zumindest wohl in dieser Rolle und in der grossen Verantwortung für den Fussball, der so viel bewegt. Es ist nicht einfach in dieser Rolle. Ich lebe sie. So ist mein Büro auch mein Wohnzimmer, wo ich doch alleinzig (alleine) bin.
Sie sagen «alleinzig». Mächtige Männer sind attraktiv. Sind Sie alleine, einsam?
(Lange Pause) Ich bin kein einsamer, allein gelassener Mensch. Ich habe im Moment keine feste Beziehung, aber ich bin nicht zu bedauern.
Sie sind also verliebt!?
Ja, in den Fussball – aber privat bin ich nicht verliebt.
Als Vater kann man nicht zurücktreten. Kandidieren Sie deshalb für eine vierte Amtszeit?
Ich kandidiere, wenn ich gesund bleibe und der Kongress es will. Aber ich will nicht nochmals eine Schlammschlacht erleben.
Sie haben die Fifa mächtig gemacht, der Dritten Welt zu ihrem Recht verholfen und den Frauenfussball gefördert. Was bleibt noch zu tun?
Dafür zu sorgen, dass der Fussball nicht nur als Spiel, sondern auch als soziales und kulturelles Gut anerkannt wird. Dass der Fussball die Welt nicht nur mit Emotionen und Hoffnung bewegt, sondern auch ein wenig besser macht, eine bessere Integration.
«Nimm dir Zeit für deine Freunde, sonst nimmt die Zeit dir deine Freunde», sagten Sie kürzlich. Aber einige haben Sie auch selbst vertrieben: Tognoni, Zen-Ruffinen, Linsi und jetzt Jérôme Champagne, Ihren Aussenminister. Was ist passiert?
Diese waren meine Mitarbeiter, aber keine Freunde. Die Sache ist ganz einfach: Im Fussball gibt es Regeln. Zum Beispiel die Offside-Regel. Wer ständig im Offside ist, gefährdet irgendwann den Trainer. Dann muss er handeln.
Sie haben zu Beginn Haiti erwähnt. Wie hat die Fifa auf die Erdbebenkatastrophe reagiert?
Wir stehen in persönlichem Kontakt mit dem Präsidenten des Verbands. Er informierte uns, dass das Haus des Fussballs zusammengebrochen ist und dass wohl auch Angestellte ums Leben gekommen sind. Der Schwesterverband aus der Dominikanischen Republik versucht zu helfen. Der jamaikanische Verbandspräsident ist nach Haiti geflogen. Für die Soforthilfe habe ich 250000 Dollar freigegeben. Wir evaluieren die Situation genau und werden für den Wiederaufbau der Fussball-Installationen erneut Unterstützung bieten.
Sie sind ein gläubiger Mensch. Was sagen Sie angesichts dieser fast schon biblischen Katastrophe?
Das ist eine biblische Katastrophe. Warum trifft es die Ärmsten? Man könnte den Glauben verlieren. Aber ohne Glauben gibt es keine Hoffnung mehr.