Wer dieser Hölle trotzt, ist reif für WM-Grosstaten

  • Publiziert: 16.11.2005, Aktualisiert: 03.01.2012
  • François Schmid aus der Türkei

ISTANBUL – Deutschland, wir kommen! Mit einer talentierten, attraktiven und trotz
ihrer Jugendlichkeit souveränen Mannschaft. Denn wer in der Hölle von Istanbul dem Wahnsinn von 50 000 türkischen Fanatikern trotzt, ist reif für WM-Grosstaten.

Spätestens seit gestern muss jedem klar sein: Wir sind wieder wer im Weltfussball! 2004 an der EM, 2006 an der WM und 2008 organisieren wir zusammen mit Österreich die EM.

Dieser Hattrick wird einen Aufschwung, ja sogar eine riesige Welle der Euphorie auslösen. In der Bevölkerung, bei Sponsoren und vor allem bei jungen Fussballern. Wetten, dass auch unsere Profiklubs von der Nati-Herrlichkeit profitieren werden?

Der Hattrick wird auch eine integrative Wirkung haben. Secondos, wie der albanisch-stämmige Valon Behrami, werden bei der Entscheidung, ob sie für die Schweiz oder ihr Heimatland spielen wollen, nicht mehr in Zwiespalt geraten.

Denn der Schweizer Fussball hat Zukunft.

Wahnsinn, wie cool die 20-jährigen Senderos, Barnetta und Behrami dem Druck der Istanbuler Hölle standgehalten haben.

Wahnsinn, wie abgeklärt die Schweizer Gegenstände wie Fahnenstangen und Flaschen abprallen liessen.

Wahnsinn, wie demütig unsere Helden die hinterlistigen Fouls der Türken hingenommen haben. Wahnsinn, wie gelassen unsere Stars auf die Provokationen des türkischen Trainers Fatih Terim reagiert haben.

Kurz: Das war weltmeisterlich!

Denn vieles, was sich im Hexenkessel Sükrü Saraçoglu Stadyumu abgespielt hat, war mit dem Fifa-Slogan «For the good in the game» nicht kompatibel.

Dass unsere Hymne im Pfeifkonzert untergegangen war, quittierten viele Schweizer noch mit einem süffisanten Grinsen. Und als die Schweizer nach 25 Sekunden bereits einen Penalty zugesprochen erhielten, lachten sie übers ganze Gesicht.

Doch damit war bald Schluss. Denn das frühe 1:0 schleuderte das Team von Köbi Kuhn beinahe aus der WM-Umlaufbahn. Plötzlich schlich sich Nervosität ein. Und die Defensive patzte ausgerechnet in der Luft, was in den Spielen zuvor Schweizer Hoheitsgebiet war. Drei der vier kassierten Treffer entstanden aus Flanken.

Doch was wollen wir klagen oder gar kritisieren! Dank dem erfolgreichen Horror-Trip nach Istanbul wird die Mannschaft noch enger zusammenrücken. Und sie wird im Bewusstsein gestärkt, an der WM nicht nur eine Statisten-, sondern eine Hauptrolle besetzen zu können. Denn diese Mannschaft hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht.

Doch bis es soweit ist, klingelt erst mal die Kasse. 100000 Franken Prämie kassiert jeder Stammspieler für die achte Qualifikation für eine WM.

Und der Verband? SFV-Präsident Ralph Zloczower rechnet mit Netto-Einnahmen von mindestens 4,5 Millionen Franken.

Rosige Perspektiven!

Heute im BLICK: Die Karte der WM 2006
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play Lille-Söldner Dani Gygax spielte sich zuletzt in den Nati-Stamm. (Keystone)

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