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Die Schweizer mussten nach dem Schlusspfiff fluchtartig in die Kabine stürmen, um nicht von allen möglichen Wurfgegenständen getroffen zu werden. Doch auch in den Katakomben waren die Eidgenossen reine Hass-Figuren. Schlägereien, Rempeleien, Pöbeleien – Stéphane Grichting musste nach einem Tritt in den Unterleib sogar ins Spital eingeliefert werden.
Besonders krass: Ordnungshüter sollen auch auf Mitarbeiter des türkischen Fernsehens eingeschlagen haben, welche die tumultuösen Szenen vor der Garderoben hatten filmen wollen.
Aus Sicherheitsgründen dauerte es sehr lange, bis die Schweizer die Kabine verlassen durften. Vielen war dies auch egal, weil schon in der Garderobe der Champagner und das Bier in Strömen flossen.
Pressechef Pierre Benoit erklärte: «Auch Erich Burgener wurde tätlich angegriffen. Der vierte Fifa-Schiedsrichter kam zu uns in die Kabine, um sich zu erkundigen. Das muss ein Nachspiel haben.» Burgener erhielt eine Faust ins Gesicht und hat nun ein blaues Auge. Auch Benjamin Huggel und Johann Vogel wurden attackiert.
Tranquillo Barnetta, bereits in ein rotes «Welt-Meister»-Trikot von Sponsor CS eingekleidet, erklärte: «So etwas habe ich noch nie erlebt und hoffe, so was auch nie mehr erleben zu müssen. Trainer, Spieler und Funktionäre prügelten auf uns ein. Ich wurde schon auf dem Rasen zweimal tätlich angegriffen, doch der Schiri hat nichts gesehen. Für mich ist die WM-Qualifikation das Grösste. Wir sind eine Klassemannschaft und haben bewiesen, dass wir auch brutalem Druck standhalten können.»
Nati-Coach Köbi Kuhn zu den Tumulten: «Beim Schlusspfiff war die Freude sehr gross, aber nur tief drin. Es ist schlimm, wenn man von der Bank aufsteht und Angst haben muss, dass man von Gegenständen getroffen wird oder Schläge kassieren muss.. Das macht mir auch für die Zukunft grosse Angst. Es sind aber auch Erfahrungen, welche unser Team weiterbringen.»
Zum Spiel meinte der Erfolgs-Coach: «1:0, der Ausgleich, dann plötzlich 1:3, die scheinbare Erlösung mit dem 2:3, und dann nochmals zittern – das ging ganz schön an die Nerven. Das passiert aber auch grossen Mannschaften. Wir wussten, dass das hier keine Ehrenrunde werden würde.»
Für seine Mannschaft hat «Köbi National» nur lobende Worte: «Vor zwei Jahren dachte ich noch, die WM 2006 komme etwas früh für meine junge Mannschaft. Aber der Reifeprozess ist schneller als erwartet vorangegangen. Auch das heutige Spiel war wieder ein richtiger Lehrblätz für die Spieler.»
Eine völlig Pro-türkische Haltung hat Fenerbahce-Trainer Christoph Daum, am Schweizer Fernsehen eingenommen: «Die Schweizer sollen stolz sein statt zu heulen! Das war ein normales Quali-Spiel. Die Türken sind ein friedliches Volk, im Stadion hatte es auch viele Frauen und Familien. Es herrschte im ausserhalb des Stadions eine friedliche Atmosphäre. Man darf nicht jetzt schon über Dinge urteilen, die sich nachher in Wohlgefallen auflösen.»
Ganz anders sieht es der in Zürich lebende ARD-Experte Günter Netzer: «Die Schweiz soll sich freuen und darf stolz sein. Aber was in Istanbul passiert ist, muss die Ausnahme bleiben. Und der türkische Verband muss die gerechte Strafe erhalten.»