Türken nennen Huggel als Schuldigen

  • Aktualisiert am 03.01.2012

ZÜRICH – Die Tumulte und ihre Folgen! Die Fifa will bis zur Auslosung am 9. Dezember den Fall vom Tisch haben. Wer ist schuld? Es müssen viele Fragen beantwortet werden.

«Was nach dem Spiel geschehen ist, ist ein Skandal», sagte 2:3-Torschütze Marco Streller. «Jeder musste um sein Leben rennen. Sicherheitsleute und türkische Spieler haben uns angegriffen.» Streller weiss, wer der Sünder ist: «Er spielt in der Bundesliga, ich kenne ihn.» Bilder beweisen, dass es sich um den Kölner Alpay handelt, der Huggel gegen den Kopf getreten haben soll und sich nachher beim Katakomben-Eingang an Streller rächte.

Für die türkischen Zeitungen ist allein Benjamin Huggel der Auslöser der Tumulte. Fotos zeigen, wie der Frankfurt-Söldner noch auf dem Rasen dem türkischen Trainer-Assistenten Mehmet Özdilek einen Fusstritt verabreicht. Auf den TV-Bildern des türkischen Fernsehens ist aber auch zu sehen, dass Özdilek Sekunden zuvor Behrami ein Bein stellte.

Özdilek habe es Huggel daraufhin mit gleicher Münze heimgezahlt. Die Schweizer hätten die Auseinandersetzung provoziert. «Unsere Spieler sind in die Falle gegangen», schrieb die Sportzeitung «Fanatik».

Türkei-Trainer Fatih Terim sagte, der Schweizer Spieler Alexander Frei habe ihn beschimpft und habe ihm eine obszöne Geste gezeigt. Frei bestreitet den Vorwurf.

Kameraleute, die die Tumult-Szenen vor der Garderobe hatten filmen wollen, wurden ebenfalls attackiert. In diesem Zusammenhang nannte die Zeitung «Milliyet» den türkischen Spieler Emre.

Was passierte genau in den Katakomben? Sicher ist, dass Stéphane Grichting nach einem Tritt in den Unterleib mit einem Harnröhrenriss ins Spital Acibadem gebracht werden musste, das er am Donnerstag Morgen wieder verlassen konnte.

Und Raphaël Wicky erzählt auf der HSV-Homepage: «Es war unfassbar. Türkische Spieler und Ordnungskräfte haben auf uns eingeprügelt. Ich habe Schläge gegen den Kopf und in den Rücken bekommen.»

«Gerettet» wurde Wicky ausgerechnet von zwei Bundesliga-Kollegen: «Die Altintop-Brüder haben mich in die Mitte genommen und mich gegen ihre eigenen Mannschaftskollegen verteidigt und mich schliesslich in die Kabine gebracht. Wenn die beiden nicht gewesen wären, dann Gute Nacht...»

Benjamin Huggel sei im Kabinengang gestürzt und «alle sind über ihn getrampelt», sagte Wicky. Über eine Stunde lang durften die Schweizer die Kabine nicht verlassen. Wicky: «Ich führte einige Telefonate. Ich wollte meinen Eltern und meinen Freunden sagen, was sich gerade abspielte und dass ich in Sicherheit bin. Später wurden wir dann mit Polizeischutz ins Hotel gebracht.»

Die Fifa ist jetzt gefordert. In einer eigens einberufenen Pressekonferenz bestätigte Fifa-Boss Sepp Blatter seine Wut über das Geschehene. Der Fall gehe nun an die Disziplinar-Kommission.

Die Sanktionen gegen den türkischen Verband reichen von Verwarnung, Busse bis hin zur Sperre für die nächste WM-Qualifikation, was eine Nicht-Teilnahme der Türkei 2010 in Südafrika bedeuten würde.

Aber Blatter sagte auch, dass gegen einzelne Spieler noch Sperren ausgesprochen werden können. Klarheit wird sich die Disziplinarkommission mit Hilfe der beiden vor Ort anwesenden Fifa-Funktionäre, Befragungen der involvierten Personen sowie TV-Bildern verschaffen.

Blatter weiter: «Es darf nicht sein, dass sich ein Team nicht mehr freuen darf, und sich die Spieler wie Diebe vom Feld stehlen müssen.» Die Behandlung des Schweizer Teams bezeichnete er als «äusserst respektlos».

Und dabei betonte Sepp Blatter: «Ich rede hier als Fifa-Präsident und nicht als Schweizer. Denn hier wurde das Fairplay im wahrsten Sinne des Wortes mit Füssen getreten.»

Bisherige Krawalle mit türkischer Beteiligung

17. September 1967: 44 Tote und 600 Verletzte gibt in Kayseri (Tür), als sich nach einem umstrittenen Tor Zuschauer mit Pistolen, Messern und abgebrochenen Flaschen bekämpfen.

5. April 2000: Zwei Briten werden nach Zusammenstössen zwischen englischen und türkischen Fans vor dem Uefa-Cup-Spiel Galatasaray – Leeds erstochen. Mindestens fünf weitere Personen werden verletzt, etwa 25 Beteiligte von der Polizei festgenommen und 16 britische Fans ausgewiesen.

15. April 2000: Bei der TV-Übertragung des Derbys Besiktas – Galatasaray kommts zu einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen Fussball-Anhängern. 1 Toter.

17. Mai 2000: Der Uefa-Cup-Sieg Galatarasay gegen Arsenal (4:1 nach Penaltys) in Kopenhagen gibts Dutzende von Verletzten in der dänischen Hauptstadt, in der Türkei sterben vier Personen bei Krawallen.

13. März 2002: Ausschreitungen beim CL-Spiel AS Rom – Galatasaray (1:1) müssen auf diplomatischem Weg entschärft werden. Spieler beider Team gerieten aneinander, italienische Polizisten gingen mit Schlagstöcken dazwischen.

31. Oktober 2002: Beim Uefa-Cup-Spiel Fenerbahce – Panathinaikos Athen bewerfen griechische Fans die Aussenminister Griechenlands und der Türkei mit abgebrochenen Plastiksitzen. Türkische Fans enthüllen ein riesiges Transparent, auf dem an die Eroberung Istanbuls durch die Osmanen im Jahre 1453 erinnert wurde. Rund 15 griechische Fans werden durch Steinwürfe verletzt.

11. Juni 2003: Beim EM-Qualifikationsspiel Türkei – Mazedonien in Istanbul bewerfen türkische Fans die Gäste nach der mazedonischen 2:1-Führung mit Flaschen und Münzen.

15. August 2003: Der erste Saisonsieg von Trainer Christoph Daum mit Fenerbahce wird von Ausschreitungen überschattet: Mehrere Verletzte, nachdem sich die Fans beider Vereine mit ausgerissenen Tribünensitzen und Steinen bewerfen.

18. November 2003: U21-EM-Qualispiel Türkei – Deutschland. Wilde Jagdszenen nach der Qualifikatoin der Deutschen. Im Tunnel zu den Kabinen werden die U21-Spieler von Polizisten und Ordnungskräften geschlagen, getreten und beschimpft. Die türkischen Medien verteidigen tags darauf nahezu einhellig die Entgleisungen. Die deutschen Spieler hätten mit «übertriebener Freude» und «beleidigenden Gesten» provoziert.

21. August 2004: Ausschreitungen am Rande von zwei Spielen Meisterschaftsspielen: Drei verletzte Fans nach Messer-Attacken, einem TV-Reporter, der die Ausschreitungen filmen wollte, wird ein Finger gebrochen. Vor dem Spiel Fenerbahce – Istanbulspor (3:0) fallen Schüsse. Die Polizei findet 15 leere Patronen.

19. Oktober 2005: Schalkes Manager Rudi Assauer wird beim CL-Spiel Fenerbahce – Schalke 04 auf der Tribüne des Stadion Sükrü Saracoglu geohrfeigt. «Ich bin von einem Zuschauer mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen worden. Wir waren dort nicht abgeschottet», sagte Assauer. Bei dem Zuschauer soll es sich um einen Fenerbahce-Sponsor gehandelt haben.

16. November 2005: Die hässliche Nacht von Istanbul nach dem 4:2 gegen die Schweiz und der verpassten WM-Qualifikation.

Türkei kritisiert Blatter-Äusserungen

Der türkische Fussballverband hat die Äusserungen von Fifa-Präsident Sepp Blatter zu den Ausschreitungen in Istanbul als voreilig und einseitig kritisiert. Erklärungen abzugeben, ohne die Berichte der zuständigen Gremien abzuwarten, sei «gefährlich und falsch», sagte Verbandsvizepräsident Sekip Mosturoglu am Donnerstag dem Nachrichtensender CNN-Türk. «Ich halte seine völlig einseitigen Erklärungen für unglücklich.» Die Vorfälle seien provoziert worden. Zu den möglichen Sanktionen meinte Mosturoglu, er rechne schlimmstenfalls mit einer Stadionsperre und einer deftigen Geldstrafe. Er gehe nicht davon aus, dass die Fifa den türkischen Verband von internationalen Begegnungen ausschliessen werde.

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