Christian Constantin im Interview «Uli kann noch viel von mir lernen»

  • Publiziert: 28.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Nicola Berger

Der Alleinherrscher des FC Sion behauptet, er dürfe Trainer Stielike die Aufstellung diktieren. So stehe es im Vertrag. Ein kurioses Gespräch mit Christian Constantin.

BLICK: Herr Constantin, wer ist der beste Trainer, den Sie je hatten?
Christian Constantin: Constantin. Er kostet nichts und zahlt alle Rechnungen.

Wer wäre der beste Coach für Sion?
Constantin. Er kostet nichts und zahlt alle Rechnungen.

Warum machen Sie dann nicht den Trainerschein?
Ich habe nicht die Absicht, Trainer zu werden. Dazu kommt, dass die Uefa-Pro-Lizenz inkomplett ist. Fussball besteht aus sieben Komponenten: Technik, Physis, Medizin, dem Mentalen, Psychologie, dem Emotionalen und dem Wirtschaftlichen. Die Trainerausbildung deckt nur die ersten drei ab.

Wie geht es mit Uli Stielike weiter?
Soweit ich weiss, ist er bis Mitte Dezember krankgeschrieben. In der Winterpause kann er gerne als Trainer zurückkehren.

Er steht aber schon am 8. Dezember wieder zur Verfügung.
Bis zum Ende der Vorrunde bleibe ich Trainer. Soweit ich weiss, muss Stielike am 8. Dezember dann nochmal zum Arzt.

Darf Stielike im Falle seiner Rückkehr auch über die Aufstellung entscheiden?
Nein. Ich werde weiterhin als Patron da sein und die Aufstellung machen. In seinem Vertrag ist das sogar festgeschrieben, dass ich das darf.

Wie bitte?
Nur einen Moment.

Constantin ruft seinen Generaldirektor Domenicangelo Massimo an und lässt sich Stielikes Vertrag bringen. Dann sagt er:

In der entscheidenden Passage steht geschrieben: Verantwortung für die Aufstellung der Mannschaft: «usuelle».

Usuelle heisst «üblich». Ist es üblich, dass der Präsident die Aufstellung macht?
In Sion heisst das, dass der Präsident entscheidet. Uli wusste, worauf er sich einlässt. Wenn er damit nicht einverstanden ist, lassen wir es eben bleiben.

BLICK fragte bei Stielike nach. Der sagt: «Dann muss ihm ein anderer Vertrag vorliegen.» Und weiter: «Ich bin nicht bereit zurückzukehren, wenn Herr Constantin die Aufstellung machen will. Das kommt einem Vertragsbruch gleich und dann wird sich Herr Constantin mit mir und meinem Anwalt an einen Tisch setzen müssen und den Vertrag auflösen.» Stielike hat seit dem 4. November nicht mehr mit CC geredet.

Stielike ist weiterhin der richtige Trainer?
Mit mir zusammen, ja. Uli kann noch viel von mir lernen.

Was denn zum Beispiel? Immerhin hat Stielike viel Erfahrung, wurde unter anderem Europameister.
Ja, aber er hat ein paar Dinge noch nicht begriffen. Die will ich ihm aber unter vier Augen erklären.

Ist Ihnen der Trainer-Job neben all Ihren sonstigen Verpflichtungen nicht zu stressig?
Ich arbeite rund 18 Stunden am Tag, aber das macht mir Spass.

Macht es Spass, das halbe Wallis gegen sich aufzubringen? Die Fans wollen Sie aus dem Amt jagen. Kommen Sie bald mit Bodyguards ins Stadion?
Ach was. Ich weiss, dass die Ultras mich nicht mögen. Das müssen sie auch nicht. Entweder kommen sie ins Stadion oder eben nicht, ich kann mit 200 bis 300 Feinden gut leben. Aber ich kann nicht tolerieren, dass meine Spieler ausgepfiffen werden.

Die Fans, vor allem jene aus dem Oberwallis, laufen aber in Scharen davon.
Natürlich. Die Resultate stimmen ja auch nicht. Ich kann sie ja schlecht zwingen, an die Spiele zu kommen.

Viele Anhänger bemängeln vor allem, dass dem Team lokale Spieler und damit der Walliser Geist fehle.
Dann sollen sie mir bitteschön sagen, welchen Walliser ich denn holen soll. Es gibt ja keine. Ich habe letztes Jahr Wicky geholt. Er hat etwa 30 Minuten gespielt und ich habe wegen ihm nicht ein Ticket mehr verkauft. Im Ausland gibt es nur Stéphane Grichting, sonst niemanden.

Aber warum geben Sie Fan-Liebling Vailati ab? Zumal El-Hadary ein Fehleinkauf ist.
Halt! El-Hadary war ein Super-Transfer. Er wurde unfair behandelt. Aber jetzt fühlt er sich wohl. Er will sogar ein Haus im Wallis kaufen. Germano wollte wechseln, um zu spielen. Er hat in Metz jetzt sechs Monate Zeit, mir zu beweisen, dass er ein guter Torhüter ist.

Dachten Sie auch schon an einen Rücktritt?
Nein. Ich will mein Projekt hier beenden. Als ich den Verein zwischen 1992 und 1997 erstmals führte, waren wir an der nationalen Spitze und haben Titel gewonnen. Dahin will ich zurück. Als ich 2004 zurück kam, lag der Klub am Boden und ohne mich wäre er noch immer da. Im Moment bin ich daran, die Infrastruktur wieder aufzubauen. Wir haben inzwischen rund 20 Millionen Franken investiert. Wir machen Fortschritte, in Kürze eröffnen wir unser neues Nachwuchszentrum.

Warum lassen Sie Ihre Trainer nicht einfach mal arbeiten?
Ich habe ihn fünf Monate in Ruhe arbeiten lassen und es ging nicht. Die Mannschaft war zersplittert und hatte null Disziplin. Das hat man ja an den diversen Platzverweisen gesehen. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel: Nach der Niederlage in Basel mit Uli an einem Donnerstag wollten am Montag sieben Spieler wegen irgendwelchen Wehwehchen nicht trainieren. Mit mir als Coach waren wir nach der Partie in Bellinzona um zwei Uhr wieder im Wallis. Ich setzte ein Training um 10 Uhr an. Alle haben trainiert.

Fünf Monate sind keine sehr lange Zeit.
Sie sehen ja selber, wie die Leute weggelaufen sind. Die Leute begreifen nicht, dass der Fussball auch wirtschaftliche Aspekte hat. Ich habe für Uli so viel gemacht wie vorher für keinen anderen Trainer. Auf seinen Wunsch hin habe ich den Konditionstrainer und den Sportchef ausgetauscht und zudem Obradovic qualifiziert. Er hat behauptet, das Team sei nicht besser. Davon wollte ich mir selbst ein Bild machen. Wenn wir die letzten drei Vorrundenspiele verlieren hat er wohl recht gehabt.

Gibt es noch Trainer, die freiwillig für Sie arbeiten wollen?
Natürlich, ich bekomme viele Bewerbungen. Erst vor kurzem habe ich Dossiers von zwei Coaches bekommen, die letztes Jahr noch in der Ligue 1 engagiert waren.

Im Winter kann Sion wegen der ausgereizten Kontingentsliste nur zwei neue Spieler holen. An wen denken Sie?
Was uns fehlt ist ein Typ wie Gattuso. Vielleicht holen wir auch noch David Marques, den Goalie von Servette auf Leihbasis.

Stimmt es, dass Sie im Sommer Obradovic gegen Regazzoni von YB eintauschen wollten?
Das strebte ich an. Ich mag Regazzoni sehr. Als er bei uns war, hatte er Probleme mit Bigon. Er wird eines Tages nach Sion zurückkehren.

Wie relaxen Sie eigentlich?
Indem ich dem BLICK ein Interview gebe.

Persönlich

Christian Constantin

Geboren: 7. Januar 1957 in Martigny, wo er heute auch wohnt
Zivilstand: In zweiter Ehe verheiratet mit Carole. Kinder Charline Eden und Barthélémy
Amtszeit als Sion-Präsident: 1992-97, 2003 bis heute
Trainer unter seiner Präsidentschaft: Brigger, Andrey, Barberis, Richard, Decastel, Bigon, Tholot, David, Rebord, Smajic, Gress, Clausen, Moulin, Schällibaum, Chapuisat, Roessli, Jacobacci, Stielike

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