Traurige Schicksalsschläge von Thuns Facchinetti «Durch den Tod meiner Mutter habe ich viel über das Leben gelernt»

Er hat den Xamax-Konkurs miterlebt und musste vor sieben Jahren seine Mutter zu Grabe tragen. «Ich bin sehr schnell erwachsen geworden», sagt Thuns Mickaël Facchinetti (25).

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9 Thun 18 23:34 16
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Herr Facchinetti, Sie mussten in Ihrem noch jungen Leben schon grosse Schicksalsschläge erleiden. Ihre Mutter hat sich vor sieben Jahren das Leben genommen. Wie geht man mit so einem ­tragischen Ereignis um?
Mickaël Facchinetti: Man lernt bei einem solchen Ereignis sehr viel über das Leben. Rückblickend gab es mir Kraft, mentale Stärke.

Wie meinen Sie das?
Ich war erst 18. Einen solchen Schicksalsschlag erwartest du nie. Schon gar nicht, wenn du noch so jung bist. Plötzlich sollte ich erwachsen sein, Verantwortung übernehmen: Meine beiden Brüder sind sechs und sieben Jahre jünger als ich. Sie waren damals noch Kinder.

Wie haben Sie davon erfahren?
Was denken Sie?

Man will es sich gar nicht vorstellen!
Ich war mit Xamax im Trainingslager. Es war am 22. Juni 2009. Wir waren in der Saisonvorbereitung. Mein Trainer Pierre-André Schürmann rief mich zu sich und hat es mir mitgeteilt. Du bist schockiert und denkst: Das ist unmöglich. Das ist ein schlechter Witz. Das kann nicht sein. Ich bin nach ­Neuenburg gefahren, zur Beerdigung. Danach wollte ich direkt ­zurück ins Trainingslager. Ich wollte mich nicht auch noch ­zerstören, wollte einfach meinen Job machen. Wollte Fussball ­spielen, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber das war extrem schwierig. Ich stand kurz vor der Matura, meine Mutter hatte mir immer bei den Aufgaben ­geholfen.

Wo haben Sie Trost gefunden?
Ich musste selber Kraft suchen. Meine Brüder waren noch Kinder. Ich habe Freunde und Familie. Aber ich musste sehr schnell erwachsen werden. Und ich habe gelernt, dass man die Menschen lieben muss, die um einen herum sind. Man weiss nie, was morgen passieren kann.

Auch im Fussball haben Sie einiges erlebt: Sie sind erst 25 und haben schon sechs Mal den Klub gewechselt. Wie kam es dazu?
Ich habe das nicht gesucht. Angefangen habe ich ja bei Xamax. Dann kam der Konkurs. Im letzten Moment ergab sich die Möglichkeit, zu Chievo Verona zu wechseln. Dann wollte ich zurück in die Super League und landete bei ­Lausanne, später bei St. Gallen. Nach zwei Jahren bin ich aus familiären Gründen zurück nach ­Neuenburg gegangen. Schliesslich kam im letzten Sommer das Angebot aus Thun.

Wie finden Sie sich zurecht als Neuenburger im Berner Oberland?
Ich bin jetzt seit drei Jahren in der Deutschschweiz. Die Sprache bereitet mir kaum Probleme. Meine Grossmutter ist Deutsche. Die Mannschaft hat mir geholfen, mich zu integrieren. Jeff Saibene kannte ich aus St. Gallen. Mit Guillaume Faivre habe ich bei Xamax gespielt. Tosetti und Rapp kenne ich aus der Junioren-Nati.

Welchen Bezug haben Sie noch zu Xamax?
Ich gehe, so oft es geht, an die Spiele. Ich kenne ja noch alle dort. Ich treffe mich mit meinen Kollegen in Neuenburg.

Als Sie Xamax im Sommer nach einem halben Jahr wieder verliessen, führte das nicht zu Irritationen?
Die meisten haben es verstanden. Natürlich war es nicht einfach. Es war auch nicht so geplant, obwohl ich eine Klausel im Vertrag hatte, dass ich bei einem Angebot in die Super League wechseln dürfe. Im Fussball weisst du nie, was als Nächstes kommt. Die Chance bei Thun wollte ich unbedingt packen.

Der Xamax-­Konkurs unter Tschagajew – war das Ihre schlimmste Zeit als Fussballer?
Es gab riesige ­finanzielle Probleme. Das war schlimm. Aber fussballerisch war es der beste Moment, den ich bei Xamax hatte. Wir hatten eine sehr starke Mannschaft. Die Stimmung war top, wir hatten eine super Truppe. Deswegen ­haben wir bis zuletzt füreinander gekämpft.

Vor vier Monaten sind Sie gegen Tschagajew vor Gericht gestanden. Mit welchem Gefühl?
Das ist Vergangenheit. Jetzt ist ein Urteil gesprochen (Tschagajew wurde zu drei Jahren Haft verurteilt; Anm. d. Red). Ich will gar nicht mehr darüber nachdenken.

Hat Tschagajew Ihre Karriere zerstört, wie Ihr Anwalt sagte?
Ich hatte einen richtig guten Lauf bei Xamax, hatte immer gespielt, obwohl ich erst 20 war. Ich war im Mannschaftsrat, hatte viel Verantwortung. Leider konnte ich mich nicht weiterentwickeln bei Xamax.

Danach sind Sie nach Italien gegangen – weshalb?
Xamax war konkurs. Ich wollte eine Lösung. Es war Ende Januar, und wir waren noch im Trainingslager in Dubai, da hat mich der Sportchef von Chievo Verona angerufen. Ich hatte genau zwei Tage, um mich zu entscheiden. ­Alles ging sehr schnell.

Warum konnten Sie sich bei Chievo nicht durchsetzen?
Ich steckte noch in der Vorbereitung, die anderen Spieler waren voll in der Meisterschaft. Dann war ich einen Monat verletzt. Man braucht sicher einen oder zwei Monate, um sich einzugewöhnen. Ich bin kaum zum Spielen gekommen.

Bereuen Sie den Wechsel?
Nein, auf keinen Fall. Ich habe sehr viel gelernt. Es war eine gute Erfahrung.

Sie haben eine Torwette mit ­Ihrem ehemaligen Xamax­-Mitspieler Raphaël Nuzzolo: Worum geht es da?
Um 100 Franken (lacht).

Wie lautet die Wette?
Nuzzolo sagt, ich sei derjenige Spieler, der am meisten Super-League-Spiele absolviert hätte, ohne ein Tor geschossen zu haben.

Warum schiessen Sie keine Tore?
Wenn ich das wüsste! Ich hatte meine Möglichkeiten, aber manchmal hatte ich auch Pech: Der Ball ging an die Latte, an den Pfosten, ein Spieler hat auf der ­Linie gerettet. Einmal mit Lausanne war mein Kopfball auf dem Weg ins Tor, da hat ihn Ravet vor der Linie noch abgelenkt. Er war dann der Torschütze.

Publiziert am 26.12.2016 | Aktualisiert am 05.01.2017

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