BLICK bei den Klubs Sforza: «Die Spieler müssen in den Ausgang!»

BLICK-Reporter Max Kern berichtete aus dem einwöchigen Trainingslager der Grasshoppers im spanischen Malaga, das am Samstag endete.

  • Publiziert: 16.01.2010, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Max Kern aus Malaga

Serie

Die BLICK-Reporter begleiten die Super-League-Klubs in den Trainingslagern. Im Online-Tagebuch auf Blick.ch erfahren Sie, was abgeht!

Grasshoppers - Wil 1:2 (1:1)

Testspiel am 23.01. in Niederhasli: 400 Zuschauer. -- Tore: 38. Cavusevic (Testspieler) 0:1. 40. Cabanas (Foulpenalty) 1:1. 83. Grossklaus 1:2.

GC-Tagebuch – 16. Januar 2010

6 gestandene Männer, 24 Flaschen Bier – und 1 grosser Traum: GC im Europacup! Die 6 Mitglieder der GC-Bulldogs postieren sich beim einzigen Testspiel der Hoppers in Südspanien mit einer Kiste San-Miguel-Bier hinter dem GC-Tor. Sie breiten in der Pause eine Riesen-Banderole aus. Mit blauen Buchstaben auf weissem Grund steht dort die Botschaft: «DRückrundi erfolgrich gschtalte – gemeinsam Kurs Richtig Europa halte».

3:0 stehts zu diesem Zeitpunkt für das Team von Trainer Ciri Sforza gegen den mazedonischen Klub FK Palister. Cabanas, Vallori und Zarate haben die Führung herausgeschossen. Nach dem Anschlusstreffer der Mazedonier erhöht Strasser mit dem Kopf zum 4:1. Einen weiteren Treffer des Gegners kontert Sion-Leihgabe Afonso mit einem herrlichen Treffer aus 17 Metern. 5:2. Der Lohn: Am Abend gibts zum Abschluss des einwöchigen Camps in Malaga freien Ausgang für die Spieler.

GC-Trainer Ciriaco Sforza zieht im Video (oben) Fazit des Trainingslagers und des abschliessenden Testspiels. Und er sagt sogar: «Die Spieler dürfen nicht nur in den Ausgang, sie müssen sogar!»

GC-Tagebuch – 15. Januar 2010

Und dann warens nur noch 15 Feldspieler… Konditionstrainer Walti Grüter nennt es «natürliche Selektion». Er und Coach Ciri Sforza betreiben mit ihrem knallharten Konditionstraining die neueste Art von Sozial-Darwinismus: Nur die Stärksten überleben.

Alain Schultz und Nassim Ben Khalifa mussten Mitte Woche bereits die Segel streichen. Jetzt können auch U17-Weltmeister Haris Seferovic, Josip Colina, Vinzenzo Rennella und Senad Lulic wegen diversen Bobos und übersäuerten Muskeln am ganzen Körper nicht mehr mit dem Team trainieren.

Und Vullnet Basha trabt nur um den Platz. Auffallend: Es sind alles Spieler, die mit Grüters Trainingsmethoden noch nicht über Jahre hinweg vertraut sind.

P.S. Ist Ciri Sforza auf den Spuren von Roy Hodgson? Der GC-Trainer, der unter dem Engländer in der Nati und bei Inter Mailand gespielt hat, schwingt hier im Golf Resort öfter mal den Schläger. Nach den Trainings wird Sforza auf der Driving Range gesichtet.

GC-Tagebuch – 14. Januar 2010

Disziplin. Für GC-Trainer Ciri Sforza keine leere Worthülse. Als am Morgen nach Trainingsschluss vier Paar Schienbeinschoner liegen bleiben, befiehlt Sforza seinem Konditionstrainer Walti Grüter, die Schoner in einen Abfallkübel zu werfen. Damit die vergesslichen Spieler die Schoner später suchen müssten. Womit Sforza nicht gerechnet hatte: Die Kübel wurden in der Mittagspause geleert, weg waren die Schoner.

Zur Kasse gebeten werden sicher zwei andere Spieler: Guilherme Afonso und Paulo Menezes kamen 15 Minuten zu spät zum Mittagessen. Die Minute kostet 10 Franken, macht je 150 Fr. Busse in die Mannschaftskasse.

Pech haben Präsident Roger Berbig und Klubarzt Daniel Hüssy: Vor ihrem Rückflug in die Schweiz bleiben sie auf dem Flughafen in Malaga zwei Stunden im Flieger sitzen. Schuld ist ein Streik der französischen Fluglotsen. Der Luftraum über Frankreich konnte für längere Zeit nicht überflogen werden.

Die Swiss-Maschine hatte auf dem Hinflug Richtung Andalusien einen berühmten Gast an Bord: Torsten Fink, Basels Trainer, flog schon einen Tag vor der Mannschaft ins Trainingscamp nach Marbella.

In der Luft wurde der Bebbi-Trainer von sechs GC-Fans mit GC-Schlachtgesängen eingedeckt. Die Hoppers-Anhänger kamen gleich vom Airport mit Sack und Pack und einer neuen Fahne ans Training.

GC-Tagebuch – 13. Januar 2010

Die Zornesröte ist ihm ins Gesicht geschrieben. Jeff Strasser, der Routinier aus Luxemburg, schreit sich den Frust aus der Seele. Nach einem zweistündigen, happigen Training laufen die letzten Sekunden in einem Spielchen 9 gegen 8. «Macht mal Pressing, dann töten wir sie. He, ihr da vorne, muss ich als 36-Jähriger mehr laufen als ihr Jungen?»

Strasser schnappt sich den Ball, nimmt ihn in die Hand. Und drischt ihn mit voller Wucht Richtung Garderoben-Häuschen. Er ist ausser sich – und merkt nicht, dass er GC-Arzt Daniel Hüssy ins Visier genommen hat. Ein Schuss wie ein Strich. Doch der Doc, Neffe des ehemaligen GC-Meistertrainers und Nati-Coaches René Hüssy, hat wache Reflexe, stoppt das Geschoss mit dem Fuss. Später sagt Strasser, der im September 08 mit einem Treffer und einem Assist der Schweizer Nati die peinliche 1:2-Schlappe gegen Luxemburg beschert hat, zu mir: «Wir waren einer weniger als die anderen. Da musst du eben ein wenig mehr laufen. Wenn du dich einmal ans Verlieren gewöhnst, bringst du es fast nicht mehr weg.»

Aus dem Mund eines Luxemburger Internationalen tönt das recht plausibel. Zum Stammspieler hat es dem fast 36-jährigen ehemaligen Teamkollegen von GC-Trainer Ciri Sforza (beide spielten beim 1. FC Kaiserslautern) bei GC nicht gereicht, als Motivator ist der lange Luxemburger aber Gold wert.

Und die hammerharten Konditionstrainings von Sforza schluckt Strasser ohne Murren. Alain Schultz (Adduktoren) und U17-Weltmeister Nassim Ben Khalifa (Achillessehne) sind am Mittag nach Hause geflogen. Guilherme Afonso trainiert seit zwei Tagen wegen schmerzender Rückenmuskulatur nicht mit dem Team, Vullnet Basha brach das Training wegen Leistenbeschwerden ab.

GC-Tagebuch – 12. Januar 2010

«Sind die Dinger schwer», seufzt der Kellner. «Die haben extra viel bestellt, damit ich auch viel schleppen muss.» Vier Suppenschüsseln trägt er auf einem Tablett zu den Tischen.

Kurz darauf belädt er am Salatbuffet zwei grosse Teller, kommt gleich wieder zurück, schöpft noch zweimal. Dann holt er Fisch, Poulet, Reis, Kartoffeln, Teigwaren, Karotten und Broccoli.

Die Bedienung trägt GC-Trainingsanzug und einen bekannten Namen. Es ist Yann Sommer, der Goalie. Er hat eine Wette verloren, beim Lattenschiessen aus 16 Metern nie getroffen.

Die Strafe: Sommer muss Goalie-Trainer Patrick «Fox» Foletti, Ersatzhüter Lorenzo Bucchi und U17-Weltmeister Raphael Spiegel das Mittagessen servieren. Begleitet vom Gelächter der ganzen GC-Delegation.

Beim Nachmittagstraining hat der Kellner in Handschuhen mehr Glück. Sommer haut den Ball aus 18 Metern an den Querbalken. Foletti streift die Latte.

Der Verlierer heisst dieses Mal Bucchi. Der Italiener, der kräftemässig ohnehin schon auf dem Zahnfleisch läuft, muss beim Abendessen als Service-Angestellter nochmals ran.

Allein schon der Gedanke daran macht Bucchi noch müder. Bei der 20-prozentigen Steigung Richtung Team-Hotel versucht es der Reserve-Hüter entkräftet mit Auto-Stopp. Ein englischer Golfer hat in seinem Golf Buggy Erbarmen, Kellner Bucchi darf mitreiten.

Ein echter Kellner schlüpfte am Tag zuvor in die Rolle des Hotel-Meteorologen. Am Montag werde die Sonne scheinen, orakelte der spanische Wetterfrosch.

Keiner glaubte ihm: Denn für die ganze Woche ist hier in Südspanien Regen angesagt. Doch, oh meteorologisches Wunder: Beim Frühstück kämpft sich die Sonne durch die Regenwolken, gewinnt bald den Kampf. Den ganzen Tag über herrscht Strahlewetter.

GC-Tagebuch - 11. Januar 2010

Das Morgentraining hat erst begonnen, als ein Golf Cart an der über 20-prozentigen Steigung Richtung Team-Hotel an seine Grenzen kommt.

Am Steuer sitzt GC-Physio Achim Bierbaum (kein Künstlername…), daneben hat Senad Lulic Platz genommen. Nicht ganz freiwillig. Der Bündner klagt über Achillessehnenbeschwerden, muss sich behandeln lassen.

Auch Josip Colina (Achillessehnen), Alain Schultz (Leisten-OP im Dezember) und Captain Boris Smiljanic (Sprunggelenk-Probleme) sind angeschlagen.

Bierbaum steuert nicht nur den Golf Cart, er brachte mit Physio-Kollege Uli Maroska auch das ganze Team-Material auf der Strasse nach Südspanien. 2050 km Autobahn. Damit sparte GC rund 12 000 Fr. Flugspesen.

1,97 m gross – und mit dem Selbstvertrauen eines U17-Weltmeisters ausgestattet: Das ist GC-Ersatz-Goalie Raphael Spiegel. Goalie-Trainer Patrick Foletti setzte 18 Meter vor dem Tor 8 Bälle und fragte seinen Schüler, wie viele er halten würde.

Alle, behauptete Spiegel keck. Den ersten Schuss von Foletti musste er aber gleich ins Netz gleiten lassen. Die Wettschuld löste der U17-Champion umgehend ein: Eine Strafrunde um den Platz. Beim zweiten Versuch wurde Spiegel vorsichtiger – und gewann.

GC-Tagebuch - 10. Januar 2010

Als hartnäckiger Navigationsgeräte-Verweigerer konnte ich mich schon darüber lustig machen, wie die freundliche, weibliche Stimme im Tom-Tom meines Fotografen-Kollegen auf der Autobahn «Sofort wenden!» befahl. Oder wie sie im 2. UG eines Parkhauses den Ratschlag bereit hatte, beim nächsten Kreisverkehr links abzubiegen…

Gestern durfte ich mich auf dem Weg ins Trainingscamp von GC als Beifahrer in den Mietwagen von GC-Boss Roger Berbig setzen. Der Technik-Freak montierte auf dem Flughafen im südspanischen Malaga ein aus der Heimat mitgebrachtes GPS-Navigationssystem an die Windschutzscheibe. Chirurg Berbig drückte die Adresse des Golf-Hotels La Cala in Mijas Costa ein.

Strahlende Sonne, 10 Grad, und ein Navi – was konnte da noch schiefgehen?

Die Dame im Navi lenkte uns auf die Autobahn A7 Richtung Marbella. Eine Viertelstunde hätte die Fahrt bis zum Ziel dauern sollen. Doch, ups, mitten in der Diskussion um mögliche Financiers für GC verpassen wir eine Abzweigung. Macht nichts. Das Navi rechnet neu.

Die Strassen werden immer holpriger. Eine Baustelle ist für das GPS-gesteuerte Gerät kein Hindernis. Es rumpelt ohne Ende. Es geht steil bergauf. Asphalt ist hier ein Fremdwort. Bellende Hunde liegen am Strassenrand. Berbig vertraut dem Navi. Nur noch 350 Meter, verspricht das Navi. Links Stacheldraht, rechts Stacheldraht. Und dann plötzlich auch vorne. Stacheldraht! Das Ziel ist nicht in Sicht. Umdrehen! 29649 – die Postleitzahl des Zielorts. Das Navi rechnet. Und befiehlt: «Wenden!»

Wieder gehts zum Meer runter. Statt in Mijas Costa landen wir nach einer kurvenreichen Bergfahrt aber in Mijas. Ein pittoreskes Dörfchen auf 428 Metern über Meer. Dort wären wir mit dem Mannschaftscar nie hingekommen. Der Taxi-Fahrer auf dem Dorfplatz schüttelt den Kopf. «Mijas Costa? Das ist 30 Minuten von hier.»

Berbig packt eine in der Schweiz ausgedruckte Wegbeschreibung aus. Ich schlüpfe in die Rolle des Kartenlesers. Die Dame im Navi lassen wir plappern.

Okay, wir verpassen nochmals eine Ausfahrt, müssen in Marbella die Autobahn verlassen und wenden. Nochmals 30 unnötige Kilometer. Doch am Ende schaffen wirs. Ohne Navi. Mit dreistündiger Verspätung. Es reicht geradenoch, um die letzten 10 Minuten des ersten Footings von Ciri Sforzas Team auf der wunderschönen Golf-Anlage mitzuerleben. Die Sonne geht unter. Es wird kalt.

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