Mister Xamax Gilbert Facchinetti Wieviel Leid erträgt dieser Mann?

NEUCHÂTEL - Der Schock kommt am Freitag um 22.10 Uhr. Die Rega hat Gilbert Facchinettis Sohn ins Spital geflogen. Lebensgefahr!

  • Publiziert: 21.01.2012, Aktualisiert: 27.01.2012
  • Von Andreas Böni, Bruno Hayoz

Es ist Samstagmittag in seiner Villa in St-Blaise NE. Gilbert Facchinetti (75) schleppt sich mit einer Krücke die Treppe hoch. Er trägt noch einen Pyjama, sagt traurig: «Entschuldigt, ich bin heute Morgen zu nichts gekommen. Mein Telefon klingelt ununterbrochen. Und nun dieses Drama um meinen Sohn Rodrigue. Es ist alles so verrückt …»

In der Küche steht Facchinettis Frau Vally (77). Über 50 Jahre ist sie mit Gilbert verheiratet. Sie kocht Spaghetti, wirkt müde und sagt: «Jedes Mal, wenn wir uns von einem Schlag erholt haben, kommt der nächste.»

Es ist zu diesem Zeitpunkt knapp 15 Stunden her, dass bei Facchinettis das Telefon geklingelt hat. Am anderen Ende die Schwiegertochter. Mit der nächsten Horror-Nachricht: Facchinettis Sohn Rodrigue (48) ist nachmittags um zwei mit dem Auto schwer verunfallt. Die Rega muss kommen, fliegt ihn mit schweren Kopf- und Schulterverletzungen ins Berner Inselspital.

Acht Stunden lang wird die Familie nicht informiert. «Die Polizei ist auch nicht mehr das, was sie einmal war», sagt Vally, rührt nachdenklich in der Tomatensauce. Ihr Sohn liegt seit dem Unfall im Koma.

Gilber geht es nicht sehr gut

Gilbert hat sich inzwischen einen Anzug angezogen. Ihm geht es nicht sehr gut. Er leidet an Diabetes, muss sich jeden Tag eine Spritze setzen. Seine Hüfte wurde operiert. Er setzt sich im legendären Xamax-Saal seiner Villa. Hier verköstigte seine Frau jeweils die ganze Mannschaft. Hier fanden die Teambesprechungen statt. Noch immer hängen Wimpel an der Wand – von Real Madrid, Barcelona, Inter Mailand, Hamburg oder Schalke. Erinnerungen an vergangene Zeiten, als Facchinetti den Klub 1987 und 1988 unter anderem zum Meister machte.

Es gibt in diesem Raum aber auch Familien-Bilder. Eines zeigt zwei Jungs, zwei Mädchen und ein gerahmtes Bild mit einem Kleinkind. Es sind die fünf Kinder der Facchinettis. Nur noch zwei von ihnen leben. Und eines davon liegt seit Freitag schwer verletzt im Inselspital von Bern.
Rückblende. 1970 ist Töchterchen Pamela zwei Jahre alt. Sie fällt beim Schwimmbecken in der Villa durch die Abdeckung, ist etwa sechs Sekunden unter Wasser und ertrinkt. Sie ist das jüngste der fünf Kinder.

1998 der nächste Schock: Tochter Tania stirbt an Brustkrebs. Nach dreieinhalbjährigem Kampf gegen die Krankheit, gerade mal 34 Jahre alt. Das Unheimliche daran: Während Tanias Beerdigung am 19. März 1998 bringt Tochter Sandra Sohn Jonathan zur Welt.

Doch Sandra kommt mit ihrem Leben nicht zurecht. Am 22. Juni 2009 nimmt sie sich 44-jährig das Leben. Sie hat sich erhängt, schreibt in einem Abschiedsbrief: «Verzeiht mir! Ich gehe in eine bessere Welt. Ich werde euch immer lieben und werde immer mit euch sein.» Und an ihre Kinder: «Ich werde immer auf euch achtgeben, ihr seid fantastisch.» Ihr ältester Sohn Mickaël (20) spielt bei Xamax, ist Stammspieler. Er wohnt noch heute in der Villa von Opa Gilbert.

«Warum immer wir?»

Dieser beginnt zu weinen, wenn er über seine verlorenen Kinder spricht. Tapfer wischt er sich eine Träne aus dem Auge. «Es ist mir alles zu viel», sagt er. «Ich frage mich jeden Tag, warum mir solch schlimme Dinge passieren. Seit Jahrzehnten muss ich immer neue Schicksalsschläge einstecken. Warum immer wir?» Auch um seine Frau Vally musste er sich immer wieder sorgen. «In den letzten zwei Jahren hatte sie elf Operationen», sagt er. Die schlimmste nach einem Herzinfarkt.

Inzwischen ist es kurz vor zwei Uhr nachmittags. «In diesem Moment», sagt Gilbert Facchinetti, «wird Rodrigue in Bern operiert. Wie es ihm geht, wissen wir noch nicht, aber er ist ausser Lebensgefahr. Das ist schon mal das Wichtigste.» Das Leben von Rodrigue war dabei schon schwer genug. Er kam halbseitig gelähmt zur Welt, seine Schulter links hängt leicht. «Es ist die 28. Operation in seinem Leben», sagt Facchinetti.

Und als ob das noch nicht genug wäre: Am Mittwoch wird Xamax die Lizenz entzogen. Jenem Klub, dem Facchinetti 53 Jahre lang in verschiedensten Funktionen diente, von 1979 bis 2005 als Präsident. Den er gross machte. Bulat Tschagajew, der tschetschenische Investor und Hochstapler, hat in knapp einem halben Jahr das Lebenswerk von Gilbert Facchinetti zerstört.

Lesen Sie im heutigen SonntagsBLICK, was Facchinetti über Tschagajew sagt.

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