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Welche Tragik! Ausgerechnet Massimo Busacca, der vielleicht beste Schiedsrichter überhaupt, der in allen grossen Stadien der Welt seinen Mann steht, lässt sich in der Schweizer Fussball-Provinz provozieren und riskiert damit seinen Ruf, gar seine Karriere.
13. Minute im Cupspiel Baden gegen YB. Unser Fifa-Schiri rastet aus. Zeigt den YB-Fans den linken Mittelfinger (im SonntagsBlick). Als Grund für dieses derbe Foul gibt er an: «Die YB-Fans haben mich von Anfang an ausgepfiffen.»
«Es tut mit leid»
Um 21 Uhr, zwei Stunden nach dem Spiel, trifft sich BLICK mit Busacca im Hotel Linde in Fislisbach, nahe des Stadions des FC Baden. Der Referee ringt immer noch um eine Erklärung, gibt an, er sei nicht sicher, ob er die Geste überhaupt gemacht habe.
Am Sonntagmorgen, der Ausraster ist im Bild festgehalten und längst das Tagesgespräch, bittet der Tessiner um Vergebung und gleichzeitig um mehr Respekt für seine Zunft. «Es tut mit leid.» Etwas
leiser gibt er sogar zu, dass er für einen Moment an Rücktritt dachte.
Der grosse Massimo Busacca, plötzlich ganz klein. Nach dem Champions-League-Final vom letzten Mai lag dem Tessiner die Fussballwelt noch zu Füssen. Die Superstars Lionel Messi und Cristiano Ronaldo schenken Busacca ihre Trikots. Was für eine Respektsbezeugung für den Mann von Welt, der fünf Sprachen spricht,
ein hochanständiger Typ und streng gläubig ist: «Mein wichtigster Mentaltrainer ist Gott.»
«Die Szene wird Konsequenzen haben»
Ein Star ohne Allüren, der auch bei Wohltätigkeitsveranstaltungen auftritt, Juniorenspiele pfeift wie beim Swiss U16 Cup in Bad Ragaz oder ins Gefängnis geht, um dort eine Partie zu leiten. Ausgerechnet er steht jetzt vor den Richtern.
Wie ernst ist die Lage? Schiedsrichter-Chef Urs Meier macht ihm Hoffnung: «Ein einziger Aussetzer darf nicht die hervorragende Arbeit, die Massimo in den letzten Jahren geleistet hat, zunichte machen.» Verharmlosen will Meier den Vorfall aber nicht: «Die Szene wird Konsequenzen haben.»
Gemeinsam mit dem Fussballverband werde die Schiedsrichterkommission Anfang Woche über mögliche Massnahmen entscheiden. Wahrscheinlich ist eine Sperre für ein Spiel oder mehrere Spiele.
Peter Gilliéron, Zentralpräsident des Schweizerischen Fussballverbandes, hat ebenfalls Mühe mit Busaccas Aussetzer, beurteilt den Vorfall aber nicht. «Das ist Sache der Schiedsrichterkommission.»
Klar, die Verbandsherren wollen ihr bestes Pferd im Stall nicht ans Messer liefern.
Reaktion der Fifa steht (noch) aus
Heikel könnte die Angelegenheit für Busacca werden, wenn sich die Fifa des Falles annimmt. Der
Medienbeauftragte Nicola Maingot sagt, er habe noch keine Kenntnis vom Vorfall und könne sich dazu im
Moment nicht äussern.
Schon einmal gab es eine «Stinkefinger-Affäre». Im Jahr 2003, beim EM-Quali-Spiel Schweiz – Russland, soll der spanische Schiedsrichter Arturo Dauden Ibanez dem Schweizer Anhang den Mittelfinger gezeigt haben.
Obwohl die Disziplinarkommission der Uefa eine Untersuchung einleitete, liessen sich die Vorwürfe nicht erhärten. Darauf kann Busacca nicht hoffen. Sein Ausraster ist dokumentiert.
Konsequenzen hatte der Stinkefinger einst auch für den deutschen Nationalspieler Stefan Effenberg. Effe wurde 1994 von Berti Vogts von der WM nach Hause geschickt, nachdem er den pfeifenden Fans seinen Unmut entgegengestreckt hatte. Was die Sache bei Busacca schlimmer macht als bei Effe: Ein Schiedsrichter ist die höchste Autorität auf dem Fussballplatz. Das Vorbild, das sich niemals auf das Niveau der Spieler herablassen darf, und schon gar nicht auf das betrunkener Fans.