GC-Boss Anliker über seine Zeit als Adoptivkind «Mich wollte offenbar niemand haben»

Architektur-Unternehmer Stephan Anliker (59), Präsident von GC und Boss des SC Langenthal, spricht über seine Zeit als Adoptiv-Kind, seine Mühe mit Schule und Militär. Und die Sinnkrise von Rekordmeister GC.

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4 Luzern 18 36:33 29
5 GC 18 26:32 22
6 St. Gallen 18 20:27 21
7 Lausanne 18 30:34 18
8 Lugano 18 23:35 18
9 Thun 18 23:34 16
10 Vaduz 18 21:43 16
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Weihnachten steht vor der Tür. Wie wurde in der Familie Anliker in den frühen 60ern gefeiert, als Sie noch ein kleiner Junge waren?
Stephan Anliker: Wahrscheinlich so wie bei vielen anderen Schweizer Familien auch. Mit einem Weihnachtsbaum, der hinter der Wohnzimmertüre aufgestellt wurde. Erst am Weihnachtsabend durften wir rein und den Baum sehen.

Im Buch «Der steile Weg ins Rampenlicht» von SRF-Mitarbeiter Christian Boss und seiner Frau wird beschrieben, dass Sie ein Adoptivkind sind. Wann haben Sie mitbekommen, dass die Anlikers nicht Ihre leiblichen Eltern sind?
Das kam einfach zu einem Zeitpunkt, wo ich es als kleiner Bub begreifen konnte, irgendwie ganz unaufgeregt. Meine Familie hat mir gegenüber nie ein Geheimnis daraus gemacht.

Wie sind Sie mit dieser Tatsache umgegangen?
In diesem Alter habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Es war für mich, damals als kleiner Bub, wohl kein Thema und auch keine Belastung.

Es wird auch von einer Frau der Adoptionsbehörde berichtet, die in Ihrem Elternhaus vorbeikam. Und sie hätten sich als Dreijähriger unter dem Küchentisch versteckt.
Das kann schon sein, aber ich erinnere mich nicht wirklich daran. Auch heute noch sind meine Adoptiveltern einfach Mutter und Vater, so wie sie meine leiblichen Eltern wären. Ich erinnere mich jedoch, dass diese Dame von den Behörden hin und wieder bei uns vorbeikam. Es gehörte wohl zu ihrem Job, nach dem Rechten zu sehen.

Sie sagten: «Als ich im Spital auf die Welt gekommen bin, wollte mich offenbar niemand haben».
Ja, meine leibliche Mutter war offenbar nicht in der Lage, mich gross zu ziehen. Vielleicht, weil die Umstände in der damaligen Zeit für sie ungünstig waren. Ich kenne die wahren Gründe allerdings nicht.

Ihre Frau hat mal Ahnenforschung betrieben und Ihre leibliche Mutter gefunden...
Ja, sie hatte diesen Versuch unternommen. Es kam dabei allerdings zu keinem späteren Kontakt mit mir.

Wären Sie bereit gewesen, ihre leibliche Mutter zu treffen?
Natürlich, ja. Das wäre für mich wahrscheinlich interessant gewesen. Nun ist es aber nicht dazu gekommen und ich akzeptiere das. Die Vorstellungen, wie es gewesen wäre, bleiben hypothetisch und beschäftigen mich heute nicht. Ich habe heute glücklicherweise selbst Kinder und versuche ihnen ein guter Vater zu sein. Ich selbst habe viel Glück gehabt und doch hat mich dieser Umstand wohl auch geprägt.

Inwiefern?
Ich habe einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich helfe sehr gerne, etwas mitzugestalten. Und ich ziehe gerne vorne weg, bevorzuge es, selbst zu gestalten. Dies jedoch immer im Team. Ich bin ein grosser Anhänger von Teamarbeit. Deshalb gefällt es mir wahrscheinlich auch in der Schweiz. Wir sind in der Schweiz ein Team von ganz unterschiedlichen Menschen und Kulturen. Unser Zusammenleben funktioniert im Grunde genommen ganz gut – auch zusammen mit den vielen Einwanderern.

In der Schule sollen Sie auch nicht glücklich gewesen sein. Die Schule war ein Graus...
Oh ja, ich ging tatsächlich sehr ungern zur Schule. In der Schule fühlte ich mich immer eingeengt. Ich brauchte schon damals viel Freiraum. Das hat sich bis heute nicht geändert. Vielleicht bin auch deshalb schon früh selbstständiger Unternehmer geworden.

Mühe hatten Sie auch im Militär...
Das Militär hat ja auch gewisse Parallelen zur Schule. Meine Begeisterung für das Militär hielt sich in Grenzen.

Sie haben ein Architektur-Unternehmen mit 65 Mitarbeitern aufgebaut.
Das stimmt nicht ganz. Ich habe das Unternehmen weiterentwickelt. Die Grundlagen dazu hatte Christoph Ducksch geschaffen. Heute bin ich sehr stolz auf mein hervorragendes Team und die Arbeit, die wir täglich machen dürfen. Ich gehe jeden Tag mit Freude in unsere Büros bei Ducksch Anliker. Die Freude und Begeisterung an der Arbeit sehe ich generell als Schlüssel zum Erfolg. Diese Haltung zieht sich durch alle meine Tätigkeiten, auch jene bei den Grasshopper oder beim SC Langenthal.

Wetten, dass an Ihrem Christbaum mehr Kugeln hängen als GC Punkte in der Tabelle hat?
Das kommt auf die Grösse des Christbaumes an.

Es kann doch nicht sein, dass der Rekordmeister zwischendurch immer wieder im Abstiegskampf steckt...
Ich habe nicht das Gefühl, dass wir mitten im Abstiegskampf stecken. Und als Sportfachmann wissen sie, dass auch Rekordmeister ihre Durststrecken haben können.

Ist Rang 5 das höchste der Gefühle?
Natürlich nicht. Doch wir müssen realistisch bleiben. Falsche Erwartungen bringen nichts. Wir benötigen Geduld und Ausdauer. Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Mannschaft jetzt zueinander gefunden hat. Die Rückrunde muss besser werden. Das ist kein Wunsch, sondern eine Forderung.

Sollte GC Ende Saison doch wieder Rang 4 erreichen, beginnt dann wieder das Gejammer? Zu viele Spiele, zu dünnes Kader...
Wir werden es ja dann sehen. Wichtig ist mir, dass wir uns stetig nach oben bewegen; punktemässig und auch in der Qualität unseres Fussballs.

Aber gejammert wurde oft auch wegen der Europa League...
Ich sehe das so wie Sie. Wir sollten nicht jammern. Niemand im Team sollte jammern. Es ist die primäre Aufgabe der ganzen Crew, einfach immer das Beste zu geben. Dabei muss man aber auch fair sein. Unser Team ist sehr jung und auf vielen Positionen noch unerfahren. Es braucht eben doch Zeit, sehr viele, auch individuelle Trainings und Matchpraxis. Der Trend jedoch ist ermutigend. Lassen Sie uns Ende Saison nochmals über diesen Punkt sprechen.

Gibt’s Verstärkungen in der Winterpause?
Kaum. Doch das ist noch nicht in allen Details entschieden.

Ein richtiger Abwehrchef fehlt doch...
Okay, wir haben eine sehr junge Abwehr. Die entwickelt sich – genauso wie der Rest der Mannschaft – in die gewünschte Richtung. Die Jungs brauchen einfach noch etwas Zeit. Unsere finanziellen Mittel sind beschränkt, deshalb bringt es nichts, hier Fantasien zu bemühen.

Statt neue Spieler zu kaufen stellt Ihr einen Rechtsanwalt ein. GC ist der einzige Klub der Liga, der einen Anwalt mit 80-Prozent-Pensum beschäftigt...
Da sind Sie aber schlecht informiert. Wir haben keinen Anwalt eingestellt, sondern einen Leiter für den gesamten administrativen Bereich. Dieser ist gelernter Anwalt. Das spart uns unter dem Strich sehr viel Geld und hilft uns intern enorm. Das war eine gute Entscheidung.

Statt neue Spieler zu kaufen holt ihr Ex-Trainer Carlos Bernegger. Da kommt das Gefühl auf, er sei bereits als Nachfolger von Pierluigi Tami installiert worden...
Dieser Eindruck ist komplett falsch. Es ist unsere klare Strategie, die Qualität im Nachwuchs zu pushen. In Bezug auf die Athletik und somit der Arbeit an Kondition und Physis haben wir bereits ein wirksames Programm installiert. Mit Carlos Bernegger wollen wir unsere jungen Spieler von der U14 an bis zur U21 in den technischen Fähigkeiten verbessern. Der Nachwuchs ist das Kapital vom GC der Zukunft.

Die Fluktuation unter den Büro-Angestellten ist bei Euch in Niederhasli sehr gross...
Das ist nicht so. Wir haben ein neues, sehr agiles Team zusammengestellt. Abgänge waren vorauszusehen und teilweise auch erwünscht.

Die Stimmung soll nicht sehr gut sein...
Da wüssten Sie mehr als ich. Wir haben eine gute Stimmung bei GC ...und seit langem wieder Stabilität und Ruhe in der Organisation.

Habt Ihr für den Frühling schon einen Hauptsponsor gefunden?
Grasshopper ist einer jener Namen, der im Schweizer Fussball noch eine wertvolle Marke darstellt. Dabei spielt es nicht einmal eine besonders grosse Rolle, ob wir im Mittelfeld oder ganz vorne mitspielen wie letzte Saison. Hauptsponsor bei den Grasshopper zu sein, ist eine intelligente Lösung, um Firmen oder Produkte in der Schweiz bekannt zu machen. Das Thema Hauptsponsor wird von uns unaufgeregt angegangen.

Man hört von chinesischen Investoren, die an GC interessiert seien...
Wir suchen, das ist bekannt, eine langfristige und stabile Lösung für die Finanzierung des Grasshopper Fussballclub Zürich. Wir wollen die Mannschaft langsam und vor allem auch nachhaltig wieder in die Spitzengruppe der Liga bringen. An Anfragen und Interesse mangelt es seit diesem Sommer nicht. Das Prüfen von potentiellen Investoren-Anfragen ist allerdings eine sehr aufwändige Angelegenheit und bedarf vieler Gespräche. Angebote in einem fortgeschrittenen Stadium haben wir mit Stand November 2016 noch nicht.

Sind Chinesen drunter?
Es sind Anfragen und Interessenten aus ganz unterschiedlichen Regionen dieser Welt. China ist auch dabei, ja.

Publiziert am 18.12.2016 | Aktualisiert am 18.12.2016

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4 Kommentare
  • hans  zottel aus Dübendorf
    18.12.2016
    Die leibliche Mutter von Stephan Anliker wurde gefunden, aber sie wünschte KEINEN Kontakt. Wir Aussenstehende haben kein recht die leibliche Mutter von Stephan Anliker zu verurteilen, dass sie ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Aber dass sie ihr Kind heute nicht treffen will, ist für mich absolut unverständlich und auch nicht zu verzeihen, denn dafür gibt es keinen Grund und keine Entschuldigung. Ich weiss nicht, ob ich mit einem solchen Entscheid der leiblichen Mutter leben könnte. Traurig!
    • Martina  Keller 19.12.2016
      Was interpretieren denn Sie hier rein? Es steht lediglich, dass kein Kontakt zu Stande kam. Dies bedutet nicht unweigerlich, dass es seine Leibliche Mutter so wollte. Warum kein Kontakt zu Stande kam kann sehr vielschichtig sein und entzieht sich allen Leser, auch Ihnen Herr Zottel.
  • hans  zottel aus Dübendorf
    18.12.2016
    Die leibliche Mutter von Stephan Anliker wurde gefunden, aber sie wünschte KEINEN Kontakt. Wir Aussenstehende haben kein recht die leibliche Mutter von Stephan Anliker zu verurteilen, dass sie ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Aber dass sie ihr Kind heute nicht treffen will, ist für mich absolut unverständlich und auch nicht zu verzeihen, denn dafür gibt es keinen Grund und keine Entschuldigung. Ich weiss nicht, ob ich mit einem solchen Entscheid der leiblichen Mutter leben könnte. Traurig!
    • Schorsch  Gaggo aus Zürich
      19.12.2016
      Vielleicht war es einfach schon schwierig Ihr Kind wegzugeben, sprich wird es nun wohl noch schwieriger sein dieses wieder zu sehen. Ich kann das ganz gut verstehen. Sie hat sich Gegend das Kind entschieden und möchte nun auch so leben.