Export Super League

Gipfeltreffen. Beim FCB – FCZ-Spiel werden die Karten im Transferpoker neu gemischt.

  • Publiziert: 15.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Thomas Renggli und Heiko Ostendorp
play Gipfel-Clash FCB-Goalie Costanzo überragt alle – doch am Sonntag kann jeder Zürcher und Basler Spieler seinen Marktwert in die Höhe schrauben. (EQ Images)

Nicht immer wird die Super League dem Superlativ gerecht. Doch am Sonntag im St. Jakob-Park bleiben die Beschaulichkeit und Biederkeit der helvetischen Szene während 90 Minuten ausgeklammert. Zwischen 50 und 70 Scouts aus allen grossen europäischen Ligen sind für den Clash zwischen Meister Basel und seinem einzigen ernstzunehmenden Herausforderer angemeldet.

«Messe Basel»

Zustände wie auf einem arabischen Basar, auf dem die begehrtesten Produkte sofort an den Meistbietenden versteigert werden, sind zwar nicht zu erwarten. Doch in der «Messe Basel» können die Weichen zum Karrieresprung gestellt werden. Denn nie ist auf Schweizer Rasen der Druck grösser als im Vergleich der beiden Erzrivalen – eine der besten Möglichkeiten, unter erschwerten Bedingungen Wettkampftauglichkeit zu beweisen.

«Eine starke Leistung am Sonntag wird deutlich stärker gewichtet als zwei, drei Tore gegen einen Abstiegskandidaten», sagt Marcel Schmid, der als Agent des FCB-Portugiesen Carlitos auch in eigenem Interesse dem Gipfeltreffen entgegenblickt. Schmid weiss, wovon er spricht. Denn er war es, der vor knapp anderthalb Jahren den Transfer des damals zwanzigjährigen Schweizer Nachwuchsinternationalen Gelson Fernandes von Sion zu Manchester City eingefädelt hatte – für 9,7 Mio. Franken.

Im Fall von Fernandes passten alle Parameter perfekt zusammen – das Alter, die Vertragsdauer, die günstige Einschätzung des Kaufinteressenten. Vor diesem Hintergrund sieht FCB-Vizepräsident Bernard Heusler seinen Klub in einer privilegierten Situation: «Das Gute bei uns ist, dass unsere interessantesten Spieler weder einen auslaufenden Vertrag noch eine Ausstiegsklausel besitzen.»

Aus den aktuellen Kadern der beiden Meisterschaftsfavoriten werden dem Basler Edeljoker Eren Derdiyok und dem Zürcher Mittelfeldspieler Almen Abdi ein ähnliches Potenzial wie Fernandes eingeräumt.

Fallbeispiel Chikhaoui

Der Mann, der die Fantasien in der grossen Fussballwelt aber weiterhin am meisten beflügelt, ist am Sonntag zum Zuschauen verdammt – Yassine Chikhaoui.

Der tunesische FCZ-Ballzauberer kehrte zwar vor Wochenfrist nach zehnmonatiger Verletzungspause mit dem U21-Team ins Wettkampfgeschehen zurück, doch sein Comeback auf höchster Stufe muss er nun wieder hinter den Kulissen vorbereiten.

Denn aus versicherungstechnischen Gründen ist das Risiko von Einsätzen in der Holzbankklasse zu gross für den Filigrantechniker. Wirtschaftliches Kalkül kommt auch in diesem Fall vor sportlichen Überlegungen.

Chikhaoui liefert quasi das Fallbeispiel für die «Export Super League». Denn während die Personal- und Transferkosten in den Topnationen (England, Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich) keine grosse Gewinnmarge zulassen, ist in der Schweiz das Preis-Leistungs-Verhältnis attraktiv.

Schnäppchenjagd?

Schmid: «Die grosse Schnäppchenjagd wie noch vor ein paar Jahren ist zwar nicht mehr möglich, denn die Klubs wissen mittlerweile, was sie fordern können. Trotzdem hat sich der Schweizer Klubfussball auf dem
internationalen Markt etabliert.»

Schmid und seine Berufskollegen spielen im schwer durchschaubaren Fussballgeschäft längst mehr als die Rolle der Mittelsmänner und Zulieferer. Denn in den letzten Jahren sind die Agenten und Spielervermittler selbst zu den Schlüsselspielern avanciert – oft mit (un-) freiwilliger Mithilfe der Medien.

Mit gezielt gestreuten Gerüchten und Spekulationen wird nämlich nicht selten ein Interesse suggeriert, das real gar nicht existiert.

Ohnmacht der Klubs

Die Klubs stehen dieser Entwicklung mit einer gewissen
Ohnmacht gegenüber. FCZ-Sportchef Fredy Bickel: «Es ist nicht mehr so wie früher, dass die Angebote den Vereinen direkt unterbreitet werden. Viel mehr sind es die Agenten, die ihre Spieler den Klubs anbieten und probieren, damit den Preis in die Höhe zu treiben.»

Bickel muss kurzfristig zwar nicht mit dem Absprung eines Leistungsträgers rechnen. Denn Leute wie Hassli und Alphonse müssen ihre Leistungen erst mal über längere Zeit bestätigen, und Abdi will bis im Sommer in Zürich bleiben.

Dass der Nationalspieler dann aber ins Ausland transferiert wird, ist beschlossene Sache – die Frage ist nur, zu welchen Konditionen. Abdis Kontrakt in Zürich läuft zwar bis 2010, doch Paragraph 17 des Transferreglements böte dem Spieler theoretisch die Gelegenheit, ein Jahr vor Vertragsende zu einem Dumpingpreis (ausstehende Lohnsumme plus Ausbildungsentschädigung) den Klub zu wechseln.

Trümpfe werden neu gemischt

Mit einer Vertragsverlängerung könnte der FCZ diese Gefahr ausschliessen. Doch dazu wird es wohl nicht
kommen. Bickel zu diesem Thema: «Mit Abdi könnte man schon sprechen. Aber sein Manager lehnt Verhandlungen kategorisch ab.»

Mit anderen Worten: Am Sonntag werden im St. Jakob-Park zwar die Karten im Transfermarkt neu gemischt. Doch die wichtigsten Trümpfe halten auch danach die Agenten in der Hand.

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