Ergic: «Dann höre ich im Sommer auf»

  • Publiziert: 20.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Heiko Ostendorp aus La Manga

Dass Fussball immer mehr zum Show-Geschäft wird, geht ihm mächtig gegen den Strich. Auch deshalb denkt Ivan Ergic über ein Karriere-Ende nach.

Sie werden heute 28 Jahre alt. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Ivan Ergic:
Das ich so bleibe wie ich bin.

Keine anderen Geschenk-Wünsche?
Nein, ich nehme ohnehin nie Geschenke an und schenke auch selbst nichts. Ich hasse Konventionen wie Geburtstage, Valentinstag, Silvester. Geschenke sollten spontan kommen und nicht zu einem bestimmten Tag.

Wird es Ihr letzter Geburtstag beim FCB?
Das ist noch offen. Wir haben vor der Winterpause gesprochen, wollen uns bald wieder zusammensetzen. Ich will auch wissen, was der Klub mit mir plant.

Welche Rolle spielt dabei der Trainer?
Sicher spielt er eine Rolle. Man sollte eine gute Beziehung zum Trainer haben. Bei mir ist sie professionell. Aber wir sind sicher nicht gerade Freunde.

Trotzdem wissen Sie, was Sie in Basel haben.
Das stimmt, aber das heisst nicht, dass ich zu jedem Preis bleiben will. Am Schluss bin ich nur ein Söldner, der seine Leistung bringen muss. Das ist beim FCB wie bei jedem anderen Klub.

Zuletzt gab es Gerüchte, Sie würden nach Belgrad wechseln.
Ich sage niemals nie, aber ich weiss nicht, ob ich mit bestimmten Dingen dort leben könnte. Dort gibt es viele Clowns, viele Halbkriminelle, Korruption. Mehr als anderswo. Vielleicht so wie in Italien.

Haben Sie andere Angebote?
Bisher wollte ich nicht mit anderen Klubs reden. Ich fange erst jetzt an, mich damit zu beschäftigen. Dass ich das alleine, ohne einen Agenten mache, vereinfacht die Sache.

Warum haben Sie keinen Agenten?
Ich mache es lieber selbst. Auch wenn ich einen schlechteren Vertrag bekomme, weiss ich, dass es sauber gelaufen ist. Fast alle Agenten sind für mich Parasiten, die sich nur bereichern wollen.

Woher kommt diese Abneigung?
Vielleicht hat mich die Geschichte von Juventus geprägt. Dort sitzen einige Verantwortliche heute im Gefängnis. Und wenn so etwas bei einem grossen Klub passiert, kann man sich vorstellen, was bei kleineren abgeht.

Was, wenn Sie keinen neuen Verein finden?
Dann spiele ich vielleicht noch in der 3. Liga.

Sie machen Witze?
Nein, ich mache mir nicht den Kopf darüber kaputt. Ich kann auch nicht ausschliessen, dass ich im Sommer ganz aufhöre. Das wäre für mich kein Weltuntergang.

Würden Sie dann als Trainer weitermachen. Sie sind ja erst 28?
Ich glaube nicht, dass ich im Fussball weiterarbeiten will. Ich würde erstmal viel reisen und den Rest auf mich zukommen lassen.

Also haben Sie keinen Plan B?
Nein, ich hatte früher einen ganz geraden Plan für meine Karriere. Aber der verläuft niemals so, wie man sich das erhofft. Ich will spontan bleiben. In der heutigen Zeit kann immer was dazwischenkommen. Man schaue sich nur die Finanzkrise an.

Sind Sie persönlich betroffen?
Nein, ich habe nie an der Börse spekuliert. Aber selbst wenn: Ich habe nicht so hohe Ansprüche. Wenn ein paar Reiche viel Geld verlieren, ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Aber die werden ja wieder nur von öffentlicher Hand gedeckt und es trifft die kleinen Leute am härtesten.

Im Fussball drehen mittlerweile Scheichs und Oligarchen am grossen Rad. Was halten Sie davon?
Die Fussball-Welt ist mittlerweile offen für alles. Die Investoren wollen und können ihre Macht demonstrieren. Ich stufe das noch höher ein als Perversion.

Aber kann man sich als Klub heute noch dagegen wehren?
Wenn man mithalten will, ist es sicher schwierig. Alle Klubs sind grosse Wirtschaftsunternehmen, da hat eine Entfremdung stattgefunden. Diese Gemeinschaft von früher gibt es nicht mehr. Es wird alles weniger menschlich und authentisch. Das bedaure ich sehr.

Ist Fussball Ihrer Meinung nach nur noch Show?
Absolut. Entertainment, Spektakel. Alles, was kein Drama ist, ist langweilig. Und als Spieler bist Du nur noch ein kleiner Schauspieler im ganz grossen Theater. Die Aufgaben sind klar verteilt. Das habe auch ich jetzt erst begriffen, zum Ende meiner Karriere.

Wann haben Sie das begriffen?
Nach unserem Spiel gegen Barcelona wollten einige unserer Spieler Trikots tauschen, aber die Barca-Stars haben uns eiskalt stehenlassen – das hat mich in meiner Meinung bestätigt. Aber das passiert halt, wenn Du in diesem Spektakel so vergöttert wirst.

Gibt es auch positive Beispiele?
Als Roger Federer nach dem Barca-Match zu uns in die Kabine kam und mit uns geredet hat wie ein ganz normaler Junge, den man schon ewig kennt. Er ist für mich viel grösser als alle Barca-Spieler und ist trotzdem bescheiden geblieben. Das schätze ich an den Schweizern. Noch ein Beispiel?

Gerne.
Als wir im Cup in Bulle gespielt haben, war es vom Verhältnis ähnlich wie bei unserem Match gegen Barca. Nur stand beinahe die komplette Mannschaft von Bulle nach dem Spiel in unserer Kabine. Wir haben geplaudert und Trikots getauscht.

Sie schwimmen gerne gegen den Strom. Auch was Kleidung angeht fallen Sie häufig auf. Warum?
Das stimmt, ich provoziere gerne etwas. Ich mag keinen Mainstream, trage lieber Kleider aus dem Secondhand-Shop. Das mache ich bewusst, ich fühle mich wohl so. Aber auch das kannst Du nicht überall machen.

Wieso?
In Italien schauen sie dich sofort komisch an, wenn Du keine tollen und teuren Kleider trägst. Ohne Gel in den Haaren akzeptieren sie dich nicht. Das ist nur Schein. Nach aussen «la bella figura» und hinten dran – naja…

play Ivan Ergic. Basels Spielmacher mag kein Blender sein. (Keystone)

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