BLICK beim FC Luzern Captain Seoane: «Jetzt hat Fringer die Qual der Wahl»

Der FC Luzern ist zurück in der Schweiz und geniesst heute einen freien Tag. Was Captain Gerardo Seoane über das Camp in der Südtürkei denkt, das beschreibt BLICK-Reporter Alain Kunz in seinem letzten Trainingslager-Bericht.

  • Publiziert: 28.01.2010, Aktualisiert: 17.01.2012
  • Von Alain Kunz aus Kumköy

Letztes FCL-Tagebuch

Jetzt geht alles ruckzuck-zackzack. Am Freitag und Samstag Trainings, am Sonntag der Test gegen Xamax. Und ab Montag gilt der Fokus schon voll und ganz dem ersten Ernstkampf vom Sonntag gegen GC.

Doch ob auf dem Gersag gespielt werden kann, das liegt nicht in den Händen des FCL. Darüber entscheidet einzig und allein Petrus, denn sollte es weiter schneien, wäre eine Durchführung ein Ding der Unmöglichkeit. Warum? Im Gersag ist es schlicht nicht möglich, eine stattliche Menge Schnee wegzutransportieren.

Doch zuerst werfen wir einen Blick zurück auf jene 12 Tage in Kumköy nahe bei Side, mit denen der FCL sich das Rüstzeug holen will, um am Ende der Saison auf einem Europa-Cup-Platz zu stehen.

Zum Abschluss des Camps gabs bei frühlingshaften Temperaturen einen lockeren Lauf an der Beach, der die Phase des Zurückschraubens der Trainingsintensität einläutete.

Artig wurden Shirts für die Belegschaft unterschrieben, Hakan Yakin vermachte seines artig dem Boss der Emirhan-Kette, Zeki Demircan. Dank ihm residierten die Luzerner zu Sonderkonditionen im nigelnagelneuen Sensimar.

Und dann gings Richtung Havalimaani Antalya, also zum Flughafen. Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung war man zurück in der Schweiz.

Abschluss-Interview mit dem Captain

Nun hat der Captain das Wort. Ziehen wir Bilanz mit Gerardo Seoane.

BLICK: Wie war das letzte Camp in der Südtürkei?

Gerardo Seoane: Das Letzte? Okay, wir waren das dritte Mal hier. Als Spieler wünscht man sich sicher etwas Abwechslung. Aber das wäre der einzige Grund, sich eine andere Destination zu suchen. Alles andere war nahezu perfekt. Der Aufenthalt war durch Pulssport Reisen um Roland Leemann sensationell organisiert, die Testgegner waren erstklassig, die Plätze fantastisch, das Hotel sehr gut. Wir hätten aber gleich tief geschlafen, auch wenn das Bett nicht so gut gewesen wäre. Derart müde waren wir.

Bis zum Saisonstart bleiben noch zehn Tage. Bis Dienstag habt ihr noch volle Pulle trainiert. Gibts da nicht einen Wettlauf gegen die Zeit, um die Müdigkeit aus dem Körper zu bringen?

Wir hatten wohl hohe Belastungen, aber auch anderthalb Tage frei. Schliesslich hatten wir ein Ziel vor Augen: Die Grundfitness für die gesamte Rückrunde holen. Der Trainer weiss genau, was es im Hinblick auf das GC-Spiel leiden kann. Ich denke, dass ab nächster Woche jeder das Gefühl in seinem Körper haben wird, neunzig Minuten voll durchstehen zu können. Das ist ein tolles Gefühl.

Immer wieder hörte man aber hinter vorgehaltener Spielerhand, dass man Hürdenläufe auch auf einem schneebedeckten Kunstrasen machen kann, man aber in der Türkei einen sensationellen Rasenteppich zur Verfügung hatte?

Sagen wir es so: Es war schon nicht so, dass wir nie Fussball gespielt hätten.

Was war das Highlight des Lagers?

Dass alle Spieler praktisch alle Einheiten haben mitmachen können. Wir haben keine Verletzten. Jetzt hat Rolf Fringer die Qual der Wahl.

FCL-Tagebuch vom 26. Januar

Murat Yakin hatte seinen Jungs am Morgen freigegeben. Volle Konzentration auf den nachmittäglichen Gegner. Und der hiess: FC Luzern – das Team mit Bruder Hakan. Mittendrin und im Zwiespalt der Gefühle: Mama Emine, die auf der Tribüne sass und nicht genau wusste, wem sie helfen solle. Auf dieser Tribüne tummelte sich ohnehin viel Prominenz: Aarau-Coach Martin Andermatt nahm den FCL unter die Lupe und beäugte die Einheit seiner Jungs, die einen Platz weiter trainierten. Thun-Aushilfstrainer Raphael Wicky machte sich fleissig Notizen.

Und im windgeschützten Glashäuschen sassen zwei noch Prominente: Österreichs Teamchef Didi Constantini und sein Assistent Heinz Peischl. Richtig: Der ehemalige Wil-, St. Gallen- und Thun-Trainer. «Neun von zehn Bundesligaklubs sind in der Südtürkei. So können wir in wenigen Tagen viele Eindrücke gewinnen. Vor allem bei Rapid, Salzburg und Sturm Graz», sagte Peischl. Wetten, dass er dann und wann einen verstohlenen Blick auf den anderen Platz richtete, wo sein Ex-Klub Thun spielte. Denn die Tribüne des Emirhan-Stadion ist eine ganz spezielle Konstruktion: Sie ist zweiseitig. Von ganz oben kann man sich gleichzeitig zwei Matches anschauen.

Zurück zum FCL. Nicht ganz überraschend gabs eine Niederlage gegen die Berner Oberländer, die aufgrund ihrer spielerischen Klasse ein heisser Aufstiegkandidat sind. Der Hauptgrund für die Niederlage war indes ein anderer: Die Luzerner waren einen Tag vor der Rückreise schlicht platt. «Das ist gut so», wirkte Trainer Rolf Fringer an seinem 53. Geburtstag keineswegs beunruhigt. «Die Jungs dürfen durchaus ein bisschen dure sein. Und das Resultat ist auch ganz okay, denn so wissen sie, dass es nicht ohne weiteres geht.» Für Thun traf Testspieler Dudu, ein Brasiliener von Balakov-Klub Tschernomorez Burgas, und der ehemalige Luzerner Oscar Scarione. Christian Ianu konnte bloss noch verkürzen.

Die schlimmere Niederlage hatten die Luzerner ohnehin in der Nacht zuvor einstecken müssen. Sie jassten im Innenhof des Hotels derart laut, dass es einigen Frühbettgehern zu bunt wurde. Sie bewarfen das FCL-Grüppchen mit Wasser. A propos Jassen: FCL-Keeper Dave Zibung, auch er hundemüde, vor dem Spiel zum Luzerner in Thuner Diensten, Roland Bättig: «Wollen wir nicht lieber Jassen statt Tschutten?»

Testspiel am 26. Januar

FC Luzern – FC Thun 1:2 (1:2)
Stadion Emirhan, Kumköy – Zuschauer: 115.

Tore: 12. 0:1 Dudu. 29. 0:2 Scarione. 32. 1:2 Ianu

Luzern: Zibung (46. Kaufmann), Ferreira (69. Siegrist), Seoane (46. Imbach), Schwegler, Lambert (46. Lukmon), Chiumiento (65. Sorgic), Wiss, Renggli (73. Imholz), Frimpong (46. Zverotic), Yakin, Ianu (46. Paiva)

Bemerkungen: Luzern ohne Lustenberger, Diarra, Veskovac und Kukeli (alle geschont).

FCL-Tagebuch vom 25. Januar

Sie hatten ihre Ausrüstung nicht bloss als Wichtigtuer-Staffage mitgeschleppt, die Vertreter des FCL-Verwaltungsrats und des Beirats. Gestern schien den ganzen Tag über die Sonne. Perfektes Golfwetter.

Und auch Thun-Trainer Murat Yakin gönnte sich eine kurze Einloch-Ruhepause im 12-tägigen (!) Camp der Berner Oberländer. Doch nicht alle spielten zu Ende.

Denn trotz Sonne war es des bissigen Windes wegen beissend kalt. Nach der Hälfte des Parcours hatte Präsident Walter Stierli deshalb genug: Zu windig. Zu kalt.

Was bedeutet das für den FCL – und für den FC Thun? Zwei Dinge: Erstens dürfte das nächste Camp nicht mehr in der für Nicht-Fussballer klimatisch doch oft ungemütlichen Südtürkei stattfinden. Zumal das Gerüst des Teams unverändert bleibt. Und dieses scheint nach drei Anatolien-Reisen einer neuen Destination nicht abgeneigt, um es mit sehr viel Vorsicht zu formulieren. Costa Rica soll ein mögliches neues Reiseziel sein.

Zweite Konsequenz: Yakin der Ältere fehlte seinem FCT beim morgendlichen Training. Doch er hatte mehr als genug Vertreter: Da war einerseits Assistent Pi Zürcher. Ihm zur Seite standen zwei… Oberwalliser.

Zum einen Martin Schmidt, der Trainer der U21. Und zum anderen – ein gewisser Raphael Wicky, 75-facher Nationalspieler. Der Steger zu seinem neuen Job: «Ich helfe Martin Schmidt, einem guten Kollegen von mir, schon seit Oktober. Jetzt tue ich das bei der ersten Mannschaft bis Ende Camp. So kann ich Erfahrungen sammeln im Hinblick auf meine Trainerlaufbahn. Denn eine solche will ich einschlagen. Im Dezember habe ich das B-Diplom gemacht. Bis im Sommer bleibe ich in Thun. Danach möchte ich eine eigene Mannschaft trainieren.»

Derweil Wicky locker zum Hotel zurückjoggte, trainierte der FCL noch. Am Morgen Sprints, Schnellkraft, Tempo. Am Nachmittag über zwei Stunden mit Schwerpunkt Angriffsauslösung. Und Aarau gab sich gegen Magna Wiener Neustadt Mühe.

Nach einer schwachen ersten Halbzeit steigerten sich die Aargauer und holten gegen den Sechsten aus der österreichischen Liga dank Lehtinens Ausgleich ein 1:1. Vizepräsident Roger Geissberger suchte verzweifelt den Chronisten des BLICK um ihn zu fragen, ob er all die Torchancen des FCA auch gesehen habe. Hat er wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht. Aber wir können Geissberger beruhigen: Es wurde ihm zugetragen.

FCL-Tagebuch 24. Januar

Es war tatsächlich ein ruhiger Tag, der Sonntag in Kumköy. Alles, was mit Stress oder Kultur zu tun hat, wurde gemieden. Zumal einige Spieler ob einer nächtlichen Pokerorgie, die bis in die frühen Morgenstunden gedauert haben soll, gar nicht in der Lage waren, anderntags normal zu «funktionieren».

Also hiess es mal: Ausschlafen.
Der Verwaltungsrat und auch Coach Rolf Fringer hingegen mussten schon früh aus den Federn. Der gebuchte Golfabschlag-Termin in Belek stand ausgiebigem Bettfrönen im Weg.

Einige schafften es immerhin ins 5 Kilometer entfernte Side. Hakan Yakin postete artig Tee. Viele beobachteten später bei herrlichem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen das Team dessen Bruders Murat beim Test gegen den russischen Erstligisten Saturn aus Moskau. Resultat: 1:0 für die Russen. Murats perfekter Überblick – er visionierte das Spiel von ganz oben auf der Tribüne – half auch nicht, die Thuner Niederlage zu vermeiden.

Auch abends wars ziemlich ruhig im Sensimar. Was erstaunt, denn einer der besten Fussball-Entertainer im deutschen Sprachraum hat im Hotel eingecheckt: Peter Pacult mit Rapid Wien. Doch ausser beim Abendessen-Buffet sah man die Vertreter des Bundesliga-Tabellenführers aus Wien nicht. Wohl die Reisestrapazen. Doch das ändert sich ganz bestimmt, denn im Unterschied zu den Nordkoreanern haben sie nicht den Ruf kleinlaut zu sein. Alle Skischlappen zum Trotz.

FCL-Tagebuch vom 23. Januar

Vier Dinge prägten den Samstag an der türkischen Riviera. Die Kurzzusammenfassung:

1. Es regnete nicht, die Welt war am Freitag über Anatolien wider allen Erwartungen doch nicht untergegangen und es konnte trotz einiger Pfützen wieder normal trainiert werden.

2. Der FC Aarau tat dies seiner Tabellenlage entsprechend sehr lang, geschlagene zwei Stunden.

3. Luzern trennt sich in einem starken Test von den Europa-Überfliegern von Red Bull Salzburg 1:1.

4. Abends ward die Mehrheit der FCL-Spieler nicht mehr gesehen: Freier Ausgang.

Derweil die Punkte eins und zwei selbsterklärend sind, bedürfen drei und vier näherer Erläuterung.

Denn beim Spiel gegen den Roten Bullen aus der Mozart-Stadt geschah doch einiges, was nicht alltäglich war. Dass Red Bull bei einem Budget von mehr als 50 Millionen Franken in einem doppelt so teuren Luxushotel wie dem Luzerner Sensimar residiert und mit zwei Mini-Coopers, vier eigenen Presseleuten, Gratis-Dosen Flügelbrühe und einer respektablen Entourage auffuhr, überrascht nicht.

Doch auf dem Platz war von diesem Budget-Unterschied nicht viel spürbar. Luzern holte dank Cristian Ianus Tor nach einer guten Stunde ein verdientes Remis.

A propos Ianu: Der Rumäne buchte das 1:1 wohl mit seinem regulären Schuh. Am linken Fuss indes hatte er ein anderes Modell. Kurz zuvor war die Fersenverstärkung gerissen. Und das ausgerechnet bei der Ianu-Spezialanfertigung mit Name, Rückennummer und rumänischer Flagge.

Ianu war von Red Bull, das in seiner Europa-League-Gruppe alle sechs Spiele gewonnen hat – darunter je zwei gegen Villareal und Lazio Rom – leicht enttäuscht: «Ich habe die stärker erwartet. Aber wir haben den Ball gut gehalten.»

Ebensogut wie die FCL-Defensive die Red-Bull-Stürmer bewachte Materialwartin Petra Suter die Garderobe des FCL. Diese liess sich dummerweise nicht abschliessen. Das war Emine Yakin, der Mutter von Hakan, ziemlich egal.

Sie thronte majestätisch in der Platzmitte in einem eleganten Fauteuil. Und sie liess es sich nicht nehmen, sich mit ihrem Sitznachbarn ein lautes Wortgefecht über Offside oder nicht zu liefern.

Und der war kein Geringerer als Bullen-Coach Huub Stevens, der aus der deutschen Bundesliga bekannte Schleifer vom Dienst… Er war nach dem Spiel durchaus zufrieden: «Ich glaube, es war ein guter Test gegen eine starke Mannschaft.»


Stevens gönnte Christian Schwegler ein Time-out. Kein Wunder, der Luzerner in Salzburger Diensten stand in der ersten Halbrunde nicht weniger als 30-mal im Einsatz.

Ganz stark trumpfte Davide Chiumiento auf. Deshalb erstaunte der Pauseneinsatz von FCL-Präsident Walter Stierli nicht. Sein Tipp an Rolf Fringer: »Nimm den Chiumiento raus, sonst posten die ihn noch…"

Denn wenn Red Bull einen Spieler will, kriegen die ihn auch. So zum Beispiel Ex-Bayern-Star Alexander Zickler, der erst im Verlauf von Halbzeit zwei zum Einsatz kam. Das sagt alles über Österreichs Nummer 1 aus.

Abends hatten die FCL-Cracks frei. Die Jungen und die Spieler slawischer Abstammung pokerten im Hotel um Leben und Tod. Wo der Rest des Teams war, entzieht sich der Kenntnis des Chronisten. Und das darf dann und wann auch mal sein – nicht?

Luzern - Salzburg (ohne Schwegler) 1:1 (0:1).

In Belek (Tür): 125 Zuschauer. -- Tor für Luzern: 61. Ianu 1:1.

FCL-Tagebuch vom 22. Januar

Es ist nachmittags um drei Uhr. Ich sitze in meinem wunderschönen Zimmer mit Meerblick im Hotel Sensimar am Computer – und sehe plötzlich nichts mehr.

Okay, geregnet, gar geschüttet hat es schon den ganzen Tag. Auch beim morgendlichen Training des FCL mit Kraftraum-Einheit, fast einer halben Stunde Treppenlauf und einem Mätschli unter den Augen der wetterfesten Yakin-Mama Emine. Doch plötzlich wirds stockfinster. Dunkle Wolken ziehen auf. Es blitzt. Es donnert. Alle Hotelausgänge Richtung Strand werden geschlossen und mit wasserstoppenden Tüchern verbarrikadiert. Weltuntergang. Oder so ähnlich.

Als ich den in den Wetterseiten als «Thunderstorm» angekündigten Sturm fotografisch festhalten will, warnt mich Cristian Ianu vor dem unsicheren Gang ins freie Nichts: «Hey, Du schiesst wohl das letzte Bild, bevor der Tsunami kommt.»


Okay, ganz so schlimm wars dann doch wieder nicht. Aber in Belek muss der Test zwischen St. Gallen und Rubin Kasan wegen eines Blitzeinschlags abgebrochen werden. Luzern, St. Gallen und Thun denken schon gar nicht daran, bei diesem Wetter regulär zu trainieren. «Das macht keinen Sinn», stellt FCL-Coach Rolf Fringer fest. «Suchen wir lieber eine Halle.» In einem nahen Schulhaus wird man fündig. Nach ein paar Stafetten gibts ein Volleyballturnier mit einem besonderen Finale: Eine Spieler-Selction gegen den Staff. Wer wohl gewonnen hat? Nicht der Staff… Bitter!

Aarau nistet sich im Kraftraum in seinem eigenen Hotel ein. Murat Yakin und Thun müssen dislozieren – ganz der (Noch-)Hierarchie gehorchend. Die Spieler aus der Challenge League werden auf dem 50 Meter langen Weg von ihrem eigenen Hotel in jenes des FC Luzern klitschnass. Die Einheit in Kraftraum hat für Yakin eine klare Konsequenz: «Das ausgefallene Training wird nachgeholt, keine Frage.»


Was in dieser Zeit die ebenfalls im Sensimar logierenden Nationalspieler von Nordkorea gemacht haben? Keine Ahnung. Die sieht man ohnehin kaum. Höchstens kurz im Swimming-Pool, im Hamam, oder in ihrem abgesperrten Speisesaal. Nie aber in der Lobby oder in einer Bar.

Abends kommt Mama Yakin ins Sensimar – zu Besuch bei Hakan. Sie hat jedenfalls trotz ihrer 76 Jahre weit mehr Durchstehvermögen als die Asiaten. Locker schafft sie die Mitternachtsgrenze an der Bar. Hakan ist da schon über eine Stunde auf dem Zimmer. Kein Wunder, gehts doch am Samstag gegen Red Bull Salzburg. Schweiz gegen Österreich. Da verliert keiner gerne. Zumal die Ösis im Skifahren der Männer eine schallende eidgenössische Ohrfeige nach der anderen kassieren.

FCL-Tagebuch - 21. Januar

Wenn der Regisseur nicht gerade James Cameron heisst, sind in Hollywood fast nur noch Mehrteiler Kassenfüller. Das neuste Beispiel: Forrest Gump 2, mit Hakan Yakin in der Hauptrolle.

Terminator 4. Harry Potter 6. Star Trek 11. Nur noch Film-Fortsetzungen garantieren im krisengebeutelten Hollywood eine halbwegs volle Kasse. Einzig Ausnahmekönner James Cameron ist in der Lage, 12 Jahre nach dem erfolgreichsten Film aller Zeiten («Titanic») den wohl nächsten erfolgreichsten Film aller Zeiten («Avatar») abzuliefern. Bleiben wir also bei den Mehrteilern und drehen eine Fortsetzung von «Forrest Gump». Jenem legendären Film mit einem genialen Tom Hanks.

Unser Forrest ist Hakan Yakin. Jedenfalls rannte dieser beim gestrigen Morgentraining unablässig wie Hanks, wie wenn der Leibhaftige hinter ihm her wäre. Das alles unter den Anfeuerungsrufen seiner Mitspieler: «Run Forrest, Run!» Wann ihm und ob überhaupt die Puste ausging, entzieht sich dem Wissen des Chronisten, wechselte doch dieser vom FCL-Trainingsfeld zu jenem des FC Aarau, als Hatsch zum Start des Lauftrainings in Führung lag. Wie Forrests Abenteuer ausging, darüber schweigen Hakan und Mitspieler. «Ich habe schon gesehen, dass du zu den Aarauern rübergegangen bist», sagte Yakin später bei einem türkischen Tee – und lächelte verschmitzt.

Derweil Luzern-seitig ein spontan zusammengestelltes Geburtstags-Chörli zum Wiegenfest von «Einstein» Lior Etter ein «Happy Birthday» schmetterte, brachten es die Tabellenletzten aus Aarau fertig, bei einem Spiel auf drei Tore zwanzig Minuten lang keinen einzigen Treffer zu erzielen. Wenn schon drei Tore zu wenig sind – wie soll es dann bei einem klappen? Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, besagt ein Sprichwort. Kein Wunder klappte die Buszuteilung ausgerechnet bei den Rüebliländern nicht. Die zehnminütige Warterei nahmen die Spieler des FCA indes mindestens so cool wie die Thuner, denen das gleiche Schicksal widerfuhr. Thun-Coach Murat Yakin locker: «Easy! Ich kenne meine Landsleute…»

Zurück zum FCL. Nach der sechsten Einheit und dem Test gegen Nordkorea gab Rolf Fringer seinen Mannen einen halben Tag frei. Doch die waren zu «kaputt», um allzu viel Unternehmungsgeist an den Tag zu legen. Das fünf Kilometer entfernte Side war das höchste aller Ausflugsgefühle – und selbst die Shopping-Wut (Ed Hardy und co.) hielt sich in überschaubaren Grenzen. Einzig zum Jassen und Pokern reichte die Kraft knapp. Und schon lange vor Mitternacht war kein einziger FCL-Spieler mehr in der Hotel-Bar auszumachen. Heute gehts ja weiter mit zwei Einheiten. Fringer lässt nicht locker. Und die Missfallenskundgebungen hinter vorgehaltener Hand («Unglaublich, dass wir so viel laufen müssen, wenn man diese fantastischen Rasenfelder sieht!») dürften nicht noch leiser werden. Will heissen: Forrest Yakin kommt heute wieder zum Einsatz. Immerhin dann mit Unterstützung von Mama Emine, die gestern aus Istanbul kommend in Antalya gelandet ist und ihre beiden Söhne bei der Arbeit unterstützt. Doch mehr dazu im nächsten Tagebuch.
play BLICK-Reporter Alain Kunz. (Benjamin Soland)

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