
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
BLICK: Raul, in Buenos Aires ist es am Sonntag 28 Grad warm. Im Stade de Suisse werden es minus elf sein: Wo wären Sie lieber?
Raul Bobadilla: Klar wäre es schön, an der Sonne zu sitzen. Aber ich vermisse vor allem die Wärme meiner Familie, meiner Freunde. Ich bin glücklich. Ich darf wunderbare Länder kennenlernen: Deutschland, die Schweiz. Ich führe das Leben eines Prinzen. Da soll man sich übers Klima nicht beschweren. Argentinien ist für mich ein Ferienland. Ich geniesse es, vier Wochen dort zu sein. Danach habe ich Lust, wieder nach Europa zu gehen, Fussball zu spielen.
Aber die Kälte hier …
… es ist sehr kalt. Wenigstens schneit es nicht. Für mich war der letzte Winter in Deutschland schlimmer. Da hat es nur geschneit, gewindet – grauenhaft!
Spürt man nach zwei Stunden im Schneetreiben die Füsse noch?
Die tun ordentlich weh! Die Schuhe sind aus Plastik. Man muss das ausblenden, kämpfen. Ändern kann man es ja nicht.
Sie gelten als Hitzkopf: Hilft das bei dieser Kälte?
(lacht) Ich habe viel Temperament. Auf dem Platz werde ich zum Kämpfer, zum Krieger. Ich musste lernen, meine Emotionen in den Griff zu bekommen. Ich versuche, auf zehn zu zählen, bevor ich reagiere. Auf ein Foul, einen Schiedsrichterpfiff. Das gelingt nicht immer. Mein Spiel lebt von den Emotionen. Ich hasse es, zu verlieren!
War das immer so?
Als kleiner Junge bin ich weinend vom Platz gelaufen. Ich habe als Kind bis zur Erschöpfung Fussball gespielt. Meine Mutter sagt, ich sei abends mit dem Ball in den Händen ins Bett gefallen.
Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit in Argentinien?
Wir waren zu fünft: meine Eltern, ich, meine zwei älteren Schwestern. Nach meiner Geburt zogen wir um. Aus Formosa, im Norden des Landes, in einen Vorort von Buenos Aires. Mein Vater arbeitete in der Gendarmerie der Armee. Später hielt er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser. Wir waren arm. Uns fehlten viele Dinge. Nur eines nicht: die Liebe unserer Eltern. Sie mussten Tag für Tag schauen, dass wir überleben konnten. Daran denke ich oft, seit ich in Europa bin.
Wann beschlossen Sie, Fussballprofi zu werden?
Zuerst war es ein Traum. Ich spielte jeden Tag: hinter unserem Haus, auf der Strasse, mit Freunden. Es war holprig, staubig: Ich liebte es. Dann ging ich bei uns im Ort ins Fussballtraining, dort spielten wir fünf gegen fünf. Ich hatte Talent.
Was sagten Ihre Eltern?
Sie unterstützten mich. Als ich 14 war, ging ich morgens um 7 Uhr zur Schule. Am Mittag wartete meine Mutter vor der Schule mit meinen Fussballsachen und ein paar Sandwiches. Sie hielt den Bus an. Ich fuhr weiter ins Training. Durch ganz Buenos Aires. Zweieinhalb Stunden hin, zweieinhalb Stunden zurück. Ich hatte Freunde, die waren auch sehr talentiert, aber ihre Eltern hatten kein Geld, um ihnen die Fahrt im Bus zu bezahlen.
Dann wurden die Talentsucher von Boca Juniors auf Sie aufmerksam.
Ja, ich durfte bei Boca vorspielen. Sie hatten mich genommen – ein Traum wurde wahr! Als ich in der Pubertät war, hiess es plötzlich, ich sei zu klein, zu schwach. Der Trainer wollte starke Spieler. Mein Traum war zerstört. Ich war 13 Jahre alt. Ich spielte ein Jahr kaum mehr Fussball. Jemand hat mich dann entdeckt, als ich mit ein paar Freunden kickte. Er vermittelte mich zu Defensores de Belgrano. Nach einem Jahr wechselte ich zu River Plate …
…dem Erzrivalen von Boca.
Es lief sehr gut bei River. Meine Grösse spielte keine Rolle mehr. Ich fühlte mich wohl, schoss viele Tore. Auch gegen Boca. Es gibt da eine Geschichte: Soll ich sie erzählen?
Ja, natürlich!
Wir spielten mit den Junioren von River gegen Boca. Das ist der Superclasico in Argentinien. Wenn die Profis gegeneinander spielen, steht an solchen Tagen ganz Argentinien still. Ich erzielte das Sieges-tor. Ich feierte mein Tor wie ein Verrückter. Komischerweise hatte es bei diesem Juniorenspiel Reporter dabei. Einer wollte wissen, weshalb ich nach dem Tor so ausflippte. Ich sagte: «Weil ich eigentlich
Boca-Fan bin, aber die wollten mich ja nicht!» Das war ein grosser Fehler. Meine Kollegen bei River spielten mir danach eine Woche lang keinen Pass mehr …
Sie kamen mit 17 zu Concordia Basel. Wussten Sie damals überhaupt, wo die Schweiz ist?
Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht, welche Sprache man in Basel spricht, wie das Niveau des Schweizer Fussballs sein würde. Ich ging einfach.
Warum?
Weil es der Traum jedes argentinischen Fussballers ist, in Europa zu spielen!
Ging der Traum in Erfüllung?
Ich war begeistert: von der Infrastruktur, der Organisation, von allem. Aber es war schwierig für mich. Ich kam mit meinem Berater. Er ging nach fünf Tagen zurück nach Argentinien. Das erste Jahr war hart. Der Klub wollte mich beobachten, ich hatte kaum Geld. Ich hatte Heimweh. Ich weinte viel in dieser Zeit. Die Eltern unterstützten mich. Sie sagten: «Bleib dort, der Erfolg wird kommen.» Sie hatten Recht.
Es gibt mehr als 1000 argentinische Fussballprofis im Ausland, woran liegt das?
Wenn ich in Argentinien all das hätte, was ich in Deutschland, in der Schweiz, fast überall in Europa habe – Bildung, Sicherheit, Kultur – dann würde ich in Argentinien spielen. Vom Lohn wollen wir gar nicht reden.
Bei Concordia waren Murat Yakin und Walter Grüter Ihre Trainer.
Dank ihnen konnte ich Fuss fassen in Europa. Sie waren sehr wichtig. Dafür bin ich ihnen dankbar.
Murat wollte Sie nach Luzern holen. Warum klappte das nicht?
Wie gesagt, ich bin ein Kämpfer. Das erwarte ich auch von den anderen. Wenn sie etwas von mir wollen, dann sollen sie kämpfen. YB hat sich am meisten bemüht. Das war entscheidend.
Was halten Sie von YB-Trainer Christian Gross?
Ich kannte ihn nur flüchtig, hatte eine andere Vorstellung von ihm. Ich dachte, er sei sehr ernst. Das ist er auch, wenn es nötig ist. Aber er kann lachen. Señor Gross hat ein grosses Herz. Er spricht viel mit den Spielern, er unterstützt sie, hilft ihnen.
Wie kamen Sie mit Lucien Favre bei Gladbach zurecht?
Ich spielte nur kurze Zeit unter ihm. Wir hatten keine Probleme. Ich war ausgeliehen nach Griechenland, als er Gladbach übernahm. Er hat das Team gerettet, und ich stand dann nicht zuoberst auf seiner Liste. Ich habe nicht wegen ihm gewechselt, sondern weil ich spielen will.
Von Gladbach zu YB: Ist das nicht ein Rückschritt?
Ich sehe es nicht so! Es ist eine neue Chance in meiner Karriere. YB hat Tradition, YB hat Ambitionen.
In Deutschland sorgten Sie im Nachtleben für mehr Furore als im Strafraum.
Das ist Vergangenheit. Ich habe Fehler gemacht, diese bereut und bin dafür gebüsst worden.
Man hat Ihnen nach einer Kneipentour in der Gladbacher Innenstadt den Führerausweis entzogen.
Es war am Tag nach einem Spiel. Wir hatten ein wenig getrunken. Es war ein Fehler, aus dem ich gelernt habe. Es wird nicht mehr vorkommen.
Letzte Frage: Messi oder Maradona?
Maradona.
Warum?
Messi ist im Moment der Beste, aber Maradona ist und bleibt Maradona: Der Beste aller Zeiten!
Kommentare (2)