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Serie: Was sie waren, was sie sind: Einst vor 80'000 Fans, jetzt in der Provinz

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Einst kostete er 13 Millionen Franken. Heute muss er seine Fussballschuhe wieder selbst bezahlen. BLICK besuchte Ex-Nati-Star David Sesa in Italien.

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Mare, Sole, Gelati – und im Idealfall ein bisschen Michelle Hunziker – das sind Klischees, die wie Honig auf der Zunge zergehen. Italien im Hochsommer.

Für David Sesa ist das kein Thema. Der 36-jährige Zürcher quält sich im Akkord durchs Vorbereitungstraining – zweimal am Tag 90 Minuten Technik und Taktik, beziehungsweise Konditions- und Intervalleinheiten. Bei glühender Hitze und einer Luftfeuchtigkeit, die schon beim Zuschauen Schweiss-Schübe auslöst. «Non mollare», ruft Cheftrainer Carmine Parlito mit strenger Stimme, «nicht aufgeben!» Die Spieler starten zur nächsten Runde – mit kürzer werdenden Schritten, und immer lauter werdendem Atem.

Die Szene spielt sich nicht in Mailand, Turin oder Rom ab, sondern in Occhiobello. Der kleine Ort in der Peripherie der norditalienischen Stadt Ferrara ist das Trainingsdomizil des Serie-D-Klubs Rovigo Calcio.

Serie D ist das, wonach es tönt. Es ist die fünfthöchste Klasse – quasi die Rückseite des Fussballs im Land des Weltmeisters.

David Sesa ist hier gelandet, «weil man im Fussball nie genau weiss, was am nächsten Tag passiert.»

Der ehemalige FCZ-Junior hat im Calcio alles gesehen, was es zu sehen gibt. Nach seinem Wechsel von Servette zum Serie-B-Klub Lecce (1998) trug er entscheidend zum Aufstieg der Süditaliener in die höchste Klasse bei – und machte die Grossklubs auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später wechselte er zur SSC Napoli – für 16 Milliarden Lire, umgerechnet rund 13 Millionen Schweizer Franken. Bis heute ist dies eine der höchsten je für einen Schweizer Fussballer bezahlten Transfersummen.

Erzählt Sesa von jener Zeit, kommt er ins Schwärmen: «Damals war im Calcio fast alles möglich. Die Serie A galt als Nonplusultra.» Bei den heissblütigen Tifosi ist der Grat zwischen Euphorie und Depression aber schmal – vor allem in Neapel: «Im San Paolo vor 82000 Zuschauern einzulaufen ist unbeschreiblich. Als Spieler wirst du verehrt – und musst in der Stadt das Portemonnaie nie zücken. Läuft es schlecht, kann es aber auch unangenehm werden. Als wir 2001 abgestiegen sind, konnten wir nur in Begleitung einer Polizeieskorte zurück.»

Napoli war die aufregendste Station in Sesas Laufbahn. Die erfolgreichste war aber Lecce – privat wie sportlich. Hier lernte er seine spätere Ehefrau Roberta (35) kennen, hier schoss er seine wichtigsten Tore. «Wenn ich in Lecce bin, werde ich noch heute auf meinen Treffer zum 1:0-Sieg gegen Inter im März 2000 angesprochen. Das vergessen die Leute nie mehr.»

Sesa erzählt die Geschichte mit Stolz. Aber auch mit der Gelassenheit eines Mannes, der spätestens seit der Geburt seiner Tochter Giulia vor acht Jahren weiss, dass es noch Wichtigeres im Leben gibt als Fussball. So kann er gut damit leben, dass er nun auf einem Terrain steht, dessen Zustand sich irgendwo zwischen landwirtschaftlicher Nutzfläche und Pferderennbahn bewegt: «Es ist doch grossartig, dass ich mit 36 Jahren mit meinem Hobby noch Geld verdienen und mich gleichzeitig auf den nächsten Karriereschritt vorbereiten kann.» Sesa hat in Italien die Ausbildung zum Trainer begonnen. Doch eigentlich verfolgt er ein anderes Ziel: «Am liebsten würde ich als Sportchef arbeiten.»

Vorderhand ist Sesa aber noch bei Rovigo gefordert. Die Mannschaft erinnert an eine generationenübergreifende Selbstfindungsgruppe. Neben zahlreichen Teenagern, die in ihrer Laufbahn den grossen Fussball wohl nur von der Tribüne aus oder am TV zu sehen bekommen, hat es auch ein paar «bekannte» Gesichter ins Veneto verschlagen.

Da ist Jero Shakepoke, ein früherer nigerianischer Nationalspieler. Oder Giovanni Furlanetto, ein ehemaliger Hoffnungsträger der AC Milan, der nicht nur die grosse Karriere aus dem Visier verloren hat, sondern vorübergehend auch den Führerausweis. Denn der Vino rosso schmeckt in Rovigo fast so süss wie der sportliche Erfolg.

Fühlt sich David Sesa in diesem speziellen Unfeld manchmal nicht wie im falschen Film? «Nein, überhaupt nicht. Ich habe alles erreicht, was ich wollte, und muss mir nichts mehr beweisen.» Der Italo-Schweizer will für die Jungen ein Vorbild sein – und beansprucht keinerlei Privilegien. Er kauft mittlerweile sogar die Fussballschuhe wieder selbst. «Zum ersten Mal seit meiner Juniorenzeit.»

In dieser Disziplin ist Sesa aber offensichtlich ausser Form. Einen Monat vor Saisonstart plagen ihn grosse Blasen an den Füssen. Der 16-Milliarden-Mann lernt im Herbst seiner Karriere die Sorgen eines Hobbykickers kennen. Er trägt es mit Fassung. Denn was ihm der Fussball gegeben hat, kann ihm niemand mehr nehmen.

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